Felssturz wegen Hitze: Bröckeln jetzt unsere Berge weg?

- Am Gross Ruchen im Kanton Uri haben sich rund 2000 Kubikmeter Fels gelöst und eine Staubwolke bis ins Urner Reusstal ausgelöst.
- Laut SLF-Permafrostforscher Robert Kenner nehmen kleine Felsstürze und Steinschläge durch die Klimaerwärmung bereits deutlich zu.
- Besonders betroffen ist das Hochgebirge oberhalb von 2800 bis 3000 Metern – rund ein Prozent der Schweizer Landesfläche.
Am Gross Ruchen im Kanton Uri haben sich rund 2000 Kubikmeter Fels gelöst. Der Felssturz auf rund 2900 Metern Höhe hüllte die Gegend im Schächental in Staub, die Wolke zog bis ins Urner Reusstal. Menschen, Gebäude und Infrastruktur blieben unbeschädigt. Als mögliche Ursache gilt schmelzendes Eis im Untergrund.
«Die imposante Staubentwicklung hier ist vermutlich eher auf die grosse Sturzhöhe über die Wand und die starke Trockenheit als auf ein sehr grosses Volumen zurückzuführen», sagt Robert Kenner, Permafrostforscher am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF auf Anfrage von 20 Minuten. Den Abbruch ordnet er als kleineren Felssturz ein – anders als etwa den Bergsturz in Blatten.
Warum lösen sich Felsmassen überhaupt? Und steigt das Risiko durch Hitze und tauenden Permafrost? Das SLF und Kenner beantworten die wichtigsten Fragen.
Permafrost
War allein die Hitze schuld am Felssturz in Uri?
Damit Fels abstürzen kann, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, erklärt Kenner: Jeder Berg habe natürliche Schwächezonen. Seien diese ungünstig ausgerichtet, könne die Schwerkraft über lange Zeit Brüche verursachen. Zudem müsse die Felswand steil genug sein, damit sie überhaupt ins Rutschen gerate. Gletscher hätten viele Hänge über Jahrtausende am Fuss abgetragen und sie dadurch so versteilt, dass sie langfristig instabil werden könnten.
Permafrost sei nicht einfach der «Kleber» der Alpen. Sei er kalt genug, verhindere er vor allem, dass Wasser in Felsspalten eindringe. Gelange dennoch Wasser in den Berg, könne es Druck aufbauen und den Fels destabilisieren. Auch Eiskeile in Felsspalten zerrütteten den Fels über lange Zeit.
Werden Steinschläge und Felsstürze künftig häufiger?
In Permafrostgebieten oberhalb von rund 3000 Metern ist es laut Kenner wahrscheinlich, dass solche Ereignisse häufiger werden. Bei kleineren Felsstürzen und Steinschlag sei der Trend bereits klar: Sie nähmen mit der Klimaerwärmung deutlich zu.
Bei grossen Fels- und Bergstürzen sei die Lage komplexer. Neben dem Klima spielten Geologie, Topografie und Wasser im Fels eine Rolle. Vieles deutet zwar auf eine Häufung hin, sagt Kenner. Grosse Ereignisse dürften aber auch künftig selten bleiben.
Was bedeutet das für Wandernde, Bergsport und Infrastruktur?
Auf den Wanderwegen der Alpen ist das Risiko durch Naturgefahren laut SLF normalerweise gering. Je hochalpiner und ausgesetzter der Weg, desto grösser werde es aber. «Frische Einschlagsspuren oder Felsablagerungen können auf Steinschlag hinweisen – in exponierten Passagen sollte man deshalb zügig weitergehen.»
Bei starkem Regen oder Schneeschmelze empfehle es sich, steile Flanken zu meiden. In Geröllfeldern lohne sich auch der Blick nach oben: «Gämsen können einzelne Steine lostreten und so Steinschlag auslösen.» Die zunehmende Gefahr durch Steinschlag und kleinere Felsstürze betreffe aber vor allem Bergsteigerinnen und Bergsteiger im hochalpinen Gelände.
Wie verbreitet sind potenziell instabile Felsbereiche und welche Regionen sind besonders betroffen?
Besonders relevant sei das steile Hochgebirge oberhalb von 2800 bis 3000 Metern. Dort nähmen kleine Felsstürze und Steinschläge bereits deutlich zu. «Das betrifft rund ein Prozent der Schweizer Landesfläche, meist abgelegene Gebiete. Einzelne Täler im Wallis und im Berner Oberland grenzen jedoch direkt daran», so Kenner.
Wie viele Hänge konkret anfällig sind, wisse die Forschung noch nicht genau. Weil Felsstürze im Hochgebirge lange nicht systematisch erfasst wurden, fehle ein statistischer Nachweis. Ausserhalb von Permafrostgebieten seien Felsstürze ebenfalls möglich, der Klimaeinfluss sei dort aber klein.
Bröckeln die Alpen nun weg?
«In den beschriebenen Zonen im Hochgebirge bröckeln die Alpen tatsächlich verstärkt», sagt Kenner gegenüber 20 Minuten. «Insbesondere bei kleineren Stürzen und Steinschlag.» Abseits der Permafrostzone sei aber mit keiner grossen Veränderung zu rechnen.
Wie zuverlässig lassen sich Felsstürze erkennen oder vorhersagen?
Satelliten liefern Radaraufnahmen der Schweizer Alpen, auf denen Fachleute erkennen können, welche Hänge sich bewegten. Wegen der Berge und der Satellitenbahnen gibt es aber blinde Flecken, heisst es vom SLF.
Weitere Warnzeichen seien vermehrter Steinschlag sowie Risse im Boden, Gestein oder an Gebäuden. Bekannte Instabilitäten würden detailliert untersucht und je nach Gefahrenpotenzial überwacht. Grosse Felsstürze kündigten sich laut Kenner «immer mit kleinen, aber messbaren Felsbewegungen über Monate bis hin zu vielen Jahrzehnten» an. Eine lückenlose Vorhersage sei trotzdem nicht möglich.
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
