Georgien nach Umzug vieler Kliniken aus Russland und der Ukraine neues Zentrum für Leihmutterschaften
Vor drei Jahren beschlossen die 40-jährigen Olga und Daniel (Namen geändert) aus Hamburg, eine Leihmutter in Anspruch zu nehmen. Doch Leihmutterschaften sind in Deutschland gesetzlich verboten und Eltern von Kindern, die auf diese Weise geboren werden, müssen die Anerkennung ihrer Elternschaft vor deutschen Gerichten erstreiten.
Olga besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit, ist jedoch in Russland geboren und aufgewachsen. Deshalb beschlossen die Eheleute, sich über den Markt für Leihmutterschaft in Russland zu informieren. Seit 2022 ist es Ausländern jedoch nicht mehr erlaubt, in Russland einen Vertrag über Leihmutterschaft abzuschließen. Nach dem Beginn von Russlands umfassender Invasion in der Ukraine sind viele internationale Agenturen, die als Vermittler zwischen Kunden und Leihmüttern fungieren, nach Georgien umgezogen. Deshalb sind Olga und Daniel dorthin gereist.
Georgien neues Ziel von Leihmüttern
In den letzten Jahren hat sich Georgien - ein Land im Kaukasus mit rund 3,7 Millionen Einwohnern - zu einer Art Drehscheibe entwickelt. Frauen aus aller Welt kommen dorthin, um an Leihmutterschafts-Programmen teilzunehmen.

Laut der georgischen Agentur zur Entwicklung öffentlicher Dienstleistungen waren Ende 2023 über 3000 Leihmütter im Land registriert. Seit 2012 haben sie 5393 Kinder zur Welt gebracht. Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges ist die Zahl der Geburten durch Leihmütter in Georgien stark angestiegen. Während 2021 noch etwa 300 Leihmütter Kinder zur Welt gebracht haben, ist diese Zahl 2023 auf 1172 gestiegen.
Die 39-jährige Anastasia ist eine russische Leihmutter, die in Georgien tätig ist. Sie hat eine erwachsene Tochter und bereits drei Leihmutterschaften hinter sich. Erstmals war sie im Jahr 2021 Leihmutter. So verdiente sie Geld für eine Anzahlung auf eine Immobilie.
Ihre ersten beiden Leihmutterschaften absolvierte Anastasia in Russland, die dritte - für ein Paar aus Japan - in Georgien, vermittelt durch eine Zweigstelle der Moskauer Klinik. Wie andere Leihmütter kehrte Anastasia, nachdem ihr der Embryo eingesetzt wurde, nach Russland zurück und reiste in der 22. Schwangerschaftswoche wieder nach Georgien.
"Ich wohnte in einer Mietwohnung mit einer anderen Leihmutter, die Zwillinge austrug. Dieses Programm war für mich das einfachste und angenehmste, aber vielleicht hatte ich einfach Glück mit der Klinik. Von anderen Frauen, die in Georgien entbunden haben, habe ich gehört, dass sie Probleme hatten. Zum Beispiel mussten manche nach der Geburt lange auf die Auszahlung des Honorars warten", erzählt Anastasia der DW. Die Frau sagt, dass sie bereit ist, noch einmal Leihmutter zu sein.
Verschiedenen Schätzungen zufolge bieten derzeit etwa 19 Kliniken in Georgien solche Leistungen an. Die durchschnittlichen Kosten eines Leistungspakets bei Vermittlungsagenturen in Tiflis oder Batumi sind nur ein Drittel bis halb so hoch wie in anderen Ländern und belaufen sich auf etwa 45.000 bis 55.000 Euro.
Wie mehrere Leihmütter, die bereits an Programmen in Georgien teilgenommen haben, der DW berichteten, liegt das durchschnittliche Honorar für die Mütter zwischen 18.000 und 28.000 Euro. Es gibt aber auch Zuschläge, beispielsweise für die Geburt von Zwillingen.
Nachfrage nach Leihmüttern aus der Ukraine
Daniel und Olga aus Deutschland berichten der DW, dass sie mehrere Monate lang in Georgien nach einer geeigneten Agentur gesucht hätten. "Man gewährte uns ziemlich schnell Zugang zu einer Liste von Frauen aus Russland, der Ukraine, Kasachstan und Georgien, erläuterte uns den Ablauf ausführlich und gab uns die Kontaktdaten von Anwälten weiter, die bei der Erledigung aller Formalitäten helfen. Es hat uns ein wenig beunruhigt, dass nicht jede Agentur konkrete Angaben zum Gesundheitszustand einiger Leihmütter machen konnte", erinnern sie sich.
Da beide Ehepartner im medizinischen Bereich tätig sind, seien ihre Fragen insbesondere zu psychischer Gesundheit und Erbkrankheiten vielleicht zu tiefgehend gewesen, sagt Olga. "Wir haben uns für eine 30-jährige Frau aus der Ukraine entschieden, die bereits als Leihmutter für ein Paar aus Europa tätig war", berichtet sie. Die russisch-georgische Agentur habe ein einstündiges Zoom-Gespräch organisiert. "Aber das erschien uns nicht ausreichend, um eine Entscheidung zu treffen", fügt Olga hinzu.

Im Frühjahr 2024 flogen Olga und Daniel nach Tiflis, um Elena (Name geändert) zu treffen. Die Agentur hatte sie nach langen Diskussionen eher widerwillig für dieses Treffen nach Georgien gebracht. Elena selbst machte aber einen guten Eindruck auf das Paar aus Hamburg. Sie erzählte von ihren Erfahrungen als Leihmutter, zeigte Fotos ihrer Kinder und gab zu, dass sie die Einnahmen für die Renovierung ihrer Wohnung verwenden wolle.
"Zunächst wurde uns gesagt, dass die Leihmutter während der gesamten Schwangerschaft in einer Mietwohnung in Tiflis wohnen würde. Doch dann stellte sich heraus, dass Elena, nachdem ihr der Embryo eingesetzt wurde, für einige Monate nach Hause in die Ukraine zurückkehren würde, wo Krieg herrscht", berichten Olga und Daniel gegenüber der DW.
Menschenrechtsaktivisten kritisieren Gesetze
Die Rechtsanwältin Nino Bogweradse betont im Gespräch mit der DW, dass die georgische Gesetzgebung eine Schwachstelle aufweise. Sie regele lediglich die Beziehungen zwischen der Leihmutter, den potenziellen Eltern und den Kliniken, berücksichtige jedoch in keiner Weise die Rolle der Vermittlungsagenturen. Darunter litten die Leihmütter häufig.
Leihmütter in Georgien verfügen ohnehin nur über begrenzte Rechte. Die meisten Fragen im Zusammenhang mit der Schwangerschaft, medizinischen Entscheidungen und der Vergütung werden nicht durch die Gesetze des Landes, sondern durch einen Vertrag zwischen den Parteien geregelt. Der Staat legt zudem keine sozialen Mindestgarantien oder Standards hinsichtlich der Vertragsbedingungen fest.
Leihmütter dürfen das Kind nicht für sich behalten, weder, nachdem ihnen der Embryo eingesetzt wurde, aus dem Programm aussteigen noch die Schwangerschaft abbrechen. Einige Menschenrechtsorganisationen, beispielsweise Human Rights Watch (HRW) und die International Women's Health Coalition (IWHC), sind der Ansicht, dass die auf dem georgischen Markt etablierte Praxis die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen verletzt.
"Agenturen von materiellen Interessen geleitet"
"Vermittlungsagenturen sprechen oft von ihrer besonderen Mission - Menschen dabei zu helfen, ihr ersehntes Kind zu bekommen. In Wirklichkeit treibt sie jedoch in erster Linie finanzielles Interesse an - und deshalb nutzen sie die prekäre Lage der Leihmütter aus und üben Druck auf potenzielle Eltern aus", erklärt die Forscherin Olga Doletskaya von der Universität Leeds im Gespräch mit der DW.
Olga und Daniel stimmen dieser Einschätzung zu. "Uns wurde ständig zu verstehen gegeben, dass wir die Entscheidung so schnell wie möglich treffen müssten. Angeblich hätten noch mehrere andere Paare Interesse an unserer Leihmutter, und wir müssten uns beeilen.", berichtet Olga.
Die Vermittlungsagentur habe zudem immer wieder betont, dass sie die potenzielle Leihmutter auf eigene Kosten nach Georgien gebracht habe, obwohl diese Leistung vertraglich nicht vorgesehen gewesen sei. "Irgendwann fragte mich ein Vertreter der Agentur, als er meinen emotionalen Zustand bemerkte, wie lange ich noch kinderlos bleiben wolle. Ich hatte das Gefühl, manipuliert zu werden", so Olga.
Das Paar kehrte mit gemischten Gefühlen aus Georgien nach Deutschland zurück und beschloss vorläufig, von der Idee, eine Leihmutter in Anspruch zu nehmen, Abstand zu nehmen.
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