Hilfe nach dem Erdbeben – Schweizerin in Kolumbien: «Alle tun, was für sie möglich ist»

Das Telekommunikationsnetz funktioniert nur sporadisch. Es braucht mehrere Versuche, bis das Gespräch möglich ist. Die Stimme von Nathalie Favre klingt besorgt, aber nicht niedergeschlagen. Sie lebt seit 2018 in Cali, der Stadt im Südwesten Kolumbiens, die vom Erdbeben am Montag schwer getroffen wurde.
Auf die Frage «Wie geht es Ihnen?» antwortet die Schweizerin kolumbianischer Herkunft mit einem Wortschwall, als wolle sie das Erlebte der letzten 36 Stunden verarbeiten.
«Schon beim ersten Beben um 7:34 Uhr war mir klar, was los war. Ich nahm meine Katze Matilda in die Arme und suchte Schutz unter dem Küchentisch, so wie es uns in einem Kurs, den ich besucht hatte, beigebracht worden war. Ich hörte die Nachbarn schreien. Es kam mir endlos vor.»
Das Epizentrum des Erdbebens der Stärke 7.4 lag in San José del Palmar im westlichen Departement Chocó. Die Erschütterungen dauerten fast vier Minuten und waren bis in die fast 500 Kilometer entfernte Hauptstadt Bogotá zu spüren.
Die Sorge um die Angehörigen
«Als die Erde aufgehört hatte zu beben, bin ich auf die Strasse gegangen, um mich meinen Nachbarn anzuschliessen», fährt Favre fort. «Zum Glück wurde niemand verletzt.»
Ihr erster Impuls war, ihren Sohn und ihren Mann zu kontaktieren, von dem sie getrennt lebt und der etwas nördlich von Cali wohnt, einer der grössten Metropolen der Region mit 2.2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern.
«Wasser, Strom und Telekommunikation – alles fiel sofort aus. Ich konnte niemanden erreichen! Wie durch ein Wunder gelang es mir, mich mit dem WLAN-Netz einer Bank in der Nachbarschaft zu verbinden, und gegen 11 Uhr konnte ich endlich meine Angehörigen erreichen. Alle waren wohlauf.»
Noch ist das ganze Ausmass der Schäden nicht ermessbar. Bisher ist die Rede von mehr als 250 Toten und 3500 Verletzten. Gemäss dem Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) gibt es keine Informationen über Schweizer Opfer.
Bauten entsprechen nicht den Normen
Nathalie Favre wurde 1982 in Kolumbien geboren und von einem Schweizer Ehepaar adoptiert. Sie wuchs im Wallis auf und emigrierte 2018 nach Kolumbien.
Das kleine, zweistöckige Wohnhaus, in dem sie wohnt, hat keine grösseren Schäden davongetragen. «Es sind vor allem die grossen Gebäude, die eingestürzt sind. Der Süden der Stadt wurde zudem stärker getroffen als der nördliche Teil, in dem ich wohne», berichtet die Schweizerin.
Vor einigen Wochen erst hatte sie das Thema nach einem ersten leichten Beben mit einem Architekten besprochen. Dieser habe ihr gesagt, dass die meisten Häuser Calis nicht den Normen für Erdbebensicherheit entsprächen, obwohl das Land am Pazifischen Feuerring liege, einer Zone, die regelmässig von starken Erdbeben heimgesucht werde.
Wie alle in Kolumbien ist sich auch Favre der lokalen Naturgefahren bewusst. «Man kennt sie, man lernt, damit zu leben», sagt sie.
Gemäss der Walliserin haben die weitverbreitete Korruption und die Untätigkeit vergangener Regierungen die Resilienz der kolumbianischen Bevölkerung gestärkt. «Ich bin voller Bewunderung und Stolz angesichts der Solidarität, die sich entwickelt hat», sagt sie. «Blutspenden, Sammelaktionen für lebensnotwendige Güter, Unterbringung, Hilfe bei der Suche nach Vermissten unter den Trümmern … Alle tun, was für sie möglich ist.»
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