"Hab' schon ausgemistet" : Sharon Brauner sagt (und singt) "Bye bye Berlin"

"Hab' schon ausgemistet"Sharon Brauner sagt (und singt) "Bye bye Berlin"
03.10.2026, 17:14 Uhr
Von Sabine Oelmann

Sie überlegt, Berlin zu verlassen. Es ist keine Kapitulation, eher eine logische Konsequenz. Leicht fällt es ihr nicht: Sharon Brauner wurde in West-Berlin geboren, ist dort zur Schule gegangen, lebt, liebt und arbeitet in Berlin. Brauner lässt ntv.de an ihren Gedanken zu Heimat und Hoffnung teilhaben.
In vielen Bundesländern erzielt die AfD Spitzenwerte, in Berlin könnten die Linken die Bürgermeisterin stellen, Antisemitisches kommt einigen Mitgliedern beider Parteien locker über die Lippen. Der Präsident des Deutschen Zentralrats der Juden, Josef Schuster, weist auf eine Auswanderung vieler Jüdinnen und Juden aus Deutschland hin. Er könne sich vorstellen, dass eine weitere große Anzahl ernsthaft überlegt, Deutschland zu verlassen, sollten der linke oder der rechte Rand Verantwortung in der Politik übernehmen. In den vergangenen Jahren sei die Situation für jüdische Menschen in Deutschland "problematischer geworden".
Auch Sängerin und Schauspielerin Sharon Brauner spielt mit dem Gedanken, ihre Heimat zu verlassen. Grundsätzlich hat sie viele Gründe, in Berlin zu bleiben: "Ich hab's im Hinterkopf. Es ist nicht so, dass ich meinen Koffer bereits gepackt habe und der an der Tür steht, aber mit dem Ausmisten habe ich schon mal begonnen." Sie liebt diese Stadt, sagt sie ntv.de. Und deshalb verabschiedet sie sich ganz langsam und dennoch Stück für Stück: "Weil ich bedauerlicherweise davon ausgehe, dass man das Ruder hier nicht mehr so schnell herumreißen kann."
Dabei macht Brauner das nicht an ihrem Alltag fest, sondern eher an Tatsachen, zum Beispiel daran, "dass sich 47 Prozent der 16- bis 26-Jährigen für Die Linke entschieden haben und sich ein Großteil dieser Generation fast ausschließlich über TikTok informiert", sagt sie. "Ich verstehe den Frust der Jugend und den Wunsch nach Veränderung, aber die sozialen Medien sind ein Tummelplatz für Manipulatoren, die genau wissen, wie man junge Menschen gefügig macht." Das kennen wir aus der Geschichte, ob Mittelalter-Pogrome, Hexenjagden oder Nazizeit, "das ist immer der gleiche Mechanismus, der gezielt eingesetzt wird. Und ich meine damit nicht nur diese Wahl und auch nicht nur Die Linke. Aber wie soll man die Kids vor Propaganda schützen?", fragt Brauner, ohne eine Antwort zu erwarten. Sie meint das immer gleiche Muster, das benutzt wird, um Menschen zu mobilisieren, zu manipulieren und dann quasi per Knopfdruck so weit zu instrumentalisieren, dass es zu einem Pogrom kommen kann. "Das will ich nicht miterleben", sagt sie mit Nachdruck.
"Radikale Mitte"
In Deutschland sieht Josef Schuster derzeit mehr als "nur ein unterschwelliges Problem mit Antisemitismus", mit dem "Rand", "der Brandmauer" - denn es scheint mittlerweile fast egal, welcher Rand mobilisiert. "47 Prozent einer nachwachsenden Generation sind keine Ränder mehr", gibt Brauner zu bedenken und stellt fest: "Ob Rechts- oder Linksaußen - das ist gehupft wie gesprungen. Wenn man sich allerdings mit Menschen unterhält, egal ob tendenziell eher links oder rechts, dann wollen alle einfach nur in Frieden leben. Nur - der Weg dahin erscheint bei einigen sehr sonderbar. Wir sollten uns nicht von Minderheiten gegeneinander aufhetzen lassen. Ich wünsche mir eine radikale Mitte für unser Land."
Sharon Brauner sieht das Wachsen der AfD und das "immer weiter an den rechten Rand Wandern" als Reaktion auf das, was sich in unserem Land alles verändert hat: "Ich mag die AfD als Partei nicht und wähle sie natürlich nicht, aber ich habe, offen gesagt, keine Angst vor ihr. Genau genommen sorgt mich in dieser Stadt tatsächlich 'nur' die wachsende Aggressivität, die Kriminalität, die ansteigende Armut und der Judenhass, der teilweise mit eingewandert ist. Deshalb halte ich auch das Wort 'antisemitisch' für falsch, wenn doch nur die Juden gemeint sind." Mag sein, dass es in der AfD viele Antisemiten gibt, bei den Linken begegnen ihr jedenfalls auch zu viele Menschen mit eindeutig judenfeindlichen Positionen: "Und dabei mochte ich die früher, ich hab' sie sogar mal gewählt, als sie noch Pazifisten waren."
"Es herrschte Artenvielfalt"
Brauner, die in West-Berlin geboren und aufgewachsen ist, vermisst die immer wieder beschworene "gute alte Zeit" und das Wissen, dass jedes Individuum zählt. "Verallgemeinerungen seien der Anfang von Entmenschlichung", glaubt die 57-Jährige. "Da waren wir schon mal weiter. Es herrschte Artenvielfalt", lacht sie, "es hat keinen gestört, dass Männer Frauenklamotten getragen haben. Das ist keine Neuentdeckung. Die Hautfarbe hat uns hier in West-Berlin auch nicht interessiert. Es war ein West-Berlin, in dem es egal war, wo jemand herkommt, viel wichtiger war: Wo will er hin?".
Um diesen Zustand wieder zu erreichen, müsste man sich aber auf Menschen einlassen, mit ihnen sprechen, nicht nur in Echokammern und eigenen Algorithmen festkleben und nicht alle über einen Kamm scheren. Im alten West-Berlin, so, wie Brauner es kennt und liebt, war ganz sicher nicht alles Gold, was glänzt, aber es war spannend. Man wollte von denen, die keine ursprünglichen Berliner waren, alles wissen, egal, ob aus Freiburg, Riga, der Türkei, Ghana oder Kambodscha. Es war spannend, man war neugierig. Keine - oder nur wenige - Vorurteile, sondern Interesse an allem, was nicht so war, wie man selbst: "Mein bester Freund ist aserbaidschanischer Türke, er ist wie ein Guru für mich", sagt Brauner lachend, "er hat mich inspiriert, Musik zu machen. Wir sind beide nicht religiös, aber lieben unsere Wurzeln." Multikulti zu leben, neugierig aufeinander zu sein, das ist für sie der West-Berliner Spirit, den man nur noch an wenigen Ort, wie der Kantstraße, finden kann.
Und was ist nun mit dem Berlin geworden, wie es in den Achtzigern war, wo man sich einbildete, die Insel-Stadt sei ein bisschen so wie New York? Brauner lacht: "Nee, es war besser." Sie kennt den Vergleich, sie war in New York, um am Lee Strasberg Institute Schauspiel und Regie zu studieren, sie sang in diversen New Yorker Clubs. Als sich die Gelegenheit bot, in Deutschland als Schauspielerin zu arbeiten, pendelte sie zwei Jahre und kehrte der Liebe wegen endgültig nach Berlin zurück.
Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass die Stadt sich so schnell so verändert? "Die Agitation und das Gebrüll, das zudem von manchen NGOs ausgeht, ist unerträglich. Diese hysterischen Demos auf den Straßen Berlins ebenso, dagegen hatten die Corona-Demos im Vergleich fast was von einer Love-Parade", sagt sie nachdenklich. Und die Mitte schweigt und schaut zu, weil sie es irgendwann leid ist, sich gegen diese impertinente Art zu wehren? Es sieht fast so aus. "Wir schauen gerade bei allem zu: Wie 16-Jährige wählen, obwohl sie ihre Taten und die Konsequenzen nicht wirklich abschätzen können und auch nur bedingt strafmündig sind. Wir schauen zu, wie der Hass auf den Straßen wächst – wo führt das hin?" fragt Brauner.
Und wohin soll es gehen, wenn sie sich entscheidet, Berlin zu verlassen? Budapest? Argentinien? "Vielleicht Italien für eine Weile", sagt sie, die noch immer hofft, jedoch nicht daran glaubt, dass es besser wird. Ihr Glaube, für immer zu Berlin zu gehören, fing bereits 2015 an zu wackeln, als Angela Merkel verkündete: "Wir schaffen das." Da hatte sie das Gefühl, es könnte nicht gut ausgehen für einige Menschen in Deutschland. "Ich hatte eine wirklich depressive Phase damals. Meine Familie mütterlicherseits lebte seit dem 17. Jahrhundert im deutschen Sprachraum und seit sieben Generationen in Berlin, da denkt man nicht einfach ans Gehen. Aber es sind auch Menschen nach Deutschland gekommen, die Juden einfach nur hassen, weil ihnen das so eingeimpft wurde, schon seit Jahrzehnten. Darunter sind Menschen, die Frauen keine Rechte zusprechen, die Homosexuelle eher töten würden, als mit ihnen zu reden. Natürlich und glücklicherweise ist die Mehrheit nicht so. Aber diejenigen, die solche Vorstellungen mitbringen, müssen hier erst lernen, dass Frauen anziehen können, was sie wollen", sagt sie. "Oder dass man Dragqueens respektiert, denn hier zählt jedes Leben. Man schneidet nicht einfach mal eben jemandem die Kehle durch, wenn die Person einem nicht passt." Dass Femizide keine Folklore sind, sondern Mord, scheint bei einigen Mitbürgern trotzdem noch nicht angekommen zu sein.
"Ich habe übrigens keine Probleme, weil ich Jüdin bin", sagt Brauner noch, "ich habe ein Problem als Freigeist. Ich hab' mich mein Leben lang zuallererst immer als Berlinerin und Künstlerin identifiziert." Und betont: "Ich bin hier nicht mit Judenhass aufgewachsen, ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin in Berlin geboren und war in einem jüdischen Kindergarten, der bereits Anfang der 70er, also nicht mal 30 Jahre nach Kriegsende, von der Polizei geschützt werden musste: Vor Linksradikalen - den Kindern der Nazi-Kriegsgeneration! - und vor islamistischen Terroristen." Das hat sich tief bei ihr eingeprägt. "Aber abgesehen von diesen 70er-Jahre-Terroristen, ihren nützlichen Gehilfen und einzelnen Neo-Nazis war der Rest der Bevölkerung entweder noch traumatisiert und am Aufarbeiten oder bereits komplett aufgeklärt und entspannt neutral. Oder einfach auch sinnvoll mit dem eigenen Leben beschäftigt", erinnert sie sich.
Den Judenhass in dieser Form - in Schulen, in der Bevölkerung - und parallel die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, hat sie in Berlin erst ab der Jahrtausendwende als stark wachsend wahrgenommen: Und dann ab 2014 sprunghaft: "Was damals viele noch nicht sehen wollten, waren die Veränderungen in der Stadt." Deswegen hat sie "Kind dieser Stadt - Bye-bye Berlin" geschrieben, weil sie damit ihrem Gefühl zumindest Ausdruck verleihen konnte. Dass dieses Lied nur kurze Zeit später so vielen aus der Seele sprechen würde, war ihr beim Schreiben nicht bewusst.
Ihre momentane Stimmung sei gar nicht mehr besonders traurig oder schockiert oder überrascht - den akuten Schmerz habe sie schon vor langer Zeit verspürt, erzählt sie ntv.de und im Video zum Lied verarbeitet. "Gesungen habe ich den Song erst nach dem 7. Oktober 2023, als Süßigkeiten in Berlin-Neukölln verteilt wurden, weil die Hamas so erfolgreich war beim Vergewaltigen und Zerstückeln ihrer Nachbarn", sagt sie. Der Umgang mit diesem Grauen war für sie eine Zäsur: "Die Hamas gehört zur Muslimbruderschaft. Warum wird das in unserem Land gefeiert, geduldet oder unterstützt?" Die jüdischen Menschen sind nicht die Einzigen, an denen sich diese Fanatiker stören, "auch Homosexuelle, selbstbestimmte Frauen und alle anderen, die nicht ins Raster passen, sind ihnen ein Dorn im Auge", sagt Brauner.
"Lass' mich in Ruhe"
Aus "Berlin, der coolsten Stadt der Welt" wurde innerhalb kurzer Zeit "Lass' mich bloß in Ruhe mit dem Scheiß". Sie weiß, dass es schon mal noch viel schlimmer war in der Stadt, und es ist trotzdem wieder was geworden. Und auch wenn sie glaubt, das Ruder nicht mehr rumreißen zu können, hat sie noch Hoffnung. "Ich weiß nur nicht, ob das zu meiner Lebenszeit noch was wird."
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