Julia von Lucadous neuer Roman – «Zeiten erhöhter Gefahr»: Wenn selbst Bunkerwände nichts nützen

Jot, die Hauptfigur des Romans, ist ein Mann, der vorbereitet sein will. Für jede Gefahr, jede Krise, jede erdenkliche Katastrophe. Ein Sicherheits-Nerd. Er lebt zurückgezogen in einem Dorf im Aargau. Im Keller hat er für den Ernstfall einen Bunker eingerichtet. Panzertüre. Notvorräte. Auch beruflich ist er in diesem Bereich tätig: Er arbeitet für eine Firma, die Schutzbunker an Wohlhabende verkauft.
Wir sind im Jahr 2014. Russland annektiert die Krim. Es gilt, wachsam zu sein und Vorkehrungen zu treffen.
Schweizer Kulisse
Die Autorin der Geschichte, Julia von Lucadou, ist 44 und lebt in Köln. Dass sie die Schweiz als Schauplatz wählte, ist kein Zufall. Dort hat sie jahrelang gelebt. Zwischen 2014 und 2017 studierte sie am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Mit ihrem Debüt «Die Hochhausspringerin» war sie für den Schweizer Buchpreis nominiert.
«In der Schweiz», erzählt die Autorin, hätten sie «die vielen Bunker von Anfang an fasziniert». Ein «ideales Sujet für einen Roman». An der Figur Jot spielt die Autorin durch, wie das Sicherheitsdenken zur Obsession werden kann. Und zum Verhängnis.
Pageturner
Der Roman beginnt damit, dass Jot im Wald eine Leiche entdeckt. Die Polizei erkennt Suizid. Für Jot ist der Fall damit jedoch nicht abgeschlossen: Das Bild des Toten lässt ihn nicht mehr los. Einzelheiten, die er sicher zu wissen glaubt, werden plötzlich fraglich. Jot beginnt, an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. War die Leiche gar nicht angezogen, wie er zuerst meinte? War es also ein Sexualdelikt?
Literarisch gekonnt schildert Julia von Lucadou, was geschieht, wenn die eigenen Erinnerungen unsicher werden. In kafkaesken, bildstarken Szenen lässt die studierte Filmwissenschaftlerin Reales und Eingebildetes aufeinanderprallen.
Der Wahn überlagert die Wirklichkeit. Jot verliert die Kontrolle über sein Denken. Taumelt tiefer und tiefer in den seelischen Abgrund.
Die Leiche im Wald ist damit weit mehr als der Auslöser einer Kriminalgeschichte. Der Anblick des Toten bringt verdrängte Erinnerungen aus seiner Jugend ins Bewusstsein. Die Jahre in einem katholischen Kinderheim. Episoden, erst unscharf, dann deutlicher: Es geht um sexuellen Missbrauch. Jots Selbstbild gerät ins Wanken.
Nun erscheint das manische Bedürfnis nach Kontrolle nicht mehr als Marotte. Es war über Jahre Jots Versuch, seiner tiefsitzenden psychischen Unsicherheit zu entkommen. Seine Bunkerfantasien sind Ausdruck eines Wunsches, sich vor Bedrohungen zu schützen, die nicht von aussen kommen – sondern über Jahrzehnte in seinem Unbewussten «gebunkert» waren.
Multiple Panik
Auf sprachlich hohem Niveau verbindet die Autorin innere und äussere Krise: Leiche im Wald, Angst vor dem Weltkrieg, Kinderheim, Bunkeranlagen… Die Motive jagen sich in wilden Assoziationsketten durch den von der ersten bis zur letzten Seite packenden Text.
Es habe sie gereizt, «zu erkunden, was die Ursache ist, wenn Menschen heute von ihrer Furcht vor der Weltlage erzählen», sagt die Autorin. Manchmal sässen die Gründe auch «in der Seele der Einzelnen». Da nützten «die dicksten Bunkerwände» nichts.
Klar: Die aktuelle Geopolitik gibt Anlass zur Sorge. Doch wenn wir uns zu sehr ängstigen, dies zeigt dieses überaus gelungene Stück Literatur, könnte die Ursache auch anderswo liegen: in uns selbst.
Buchhinweis
Box aufklappen Box zuklappen
Julia von Lucadou: «Zeiten erhöhter Gefahr». Hanser Berlin, 2026.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.