Netflix-Hit aus Afrika – Autorin: «Polygamie wird Frauen heute oft aufgezwungen»

Als Sue Nyathi ihren Debütroman «The Polygamist» Verlagen anbot, winkten diese ab: Für die Geschichte über einen verheirateten Simbabwer und seine Affären gebe es keinen Markt. Also veröffentlichte die simbabwische Autorin das Buch 2012 kurzerhand selbst.
Der Roman wurde ein Erfolg und schaffte den Sprung zu Netflix. Die Serie «The Polygamist» erreichte in 62 Ländern die Top 10, in 21 davon gar Platz 1. Insgesamt verzeichnete Netflix fast 28 Millionen Aufrufe.
Sue Nyathi
Schriftstellerin
Sue Nyathi (geb. 1978 in Bulawayo) ist eine simbabwische Schriftstellerin. In ihren Romanen beschäftigt sie sich mit Beziehungen, Familie, gesellschaftlichen Erwartungen und dem Leben von Frauen im südlichen Afrika.
SRF News: In «The Polygamist» glaubt die Figur Joyce, monogam verheiratet zu sein. Tatsächlich führt ihr Mann weitere Beziehungen und Haushalte. Sie nennen das «pervertierte Polygamie». Warum?
Sue Nyathi: Weil das mit traditioneller Polygamie, wie ich sie aus meiner eigenen Familie kenne, wenig zu tun hat. Meine Grossmutter war die erste von fünf Ehefrauen, mein Urgrossvater hatte elf Frauen. Damals war aber allen klar, wer mit wem verheiratet war. Die erste Frau wusste Bescheid und war teilweise sogar daran beteiligt, wenn weitere Frauen dazukamen.
Was ich in meinem Roman beschreibe, ist etwas anderes: Ein Mann gibt vor, monogam zu leben, führt aber gleichzeitig Beziehungen mit anderen Frauen. Der Frau wird Polygamie also aufgezwungen. Sie kann sich nicht bewusst dafür entscheiden.
Warum wird Polygamie heute häufiger verheimlicht?
Vor allem, weil sich die Stellung der Frauen verändert hat. Für meine Grossmutter, die kaum Bildung hatte, gab es nur wenige Alternativen zur Ehe, auch wenn diese polygam war. Heute sind viele Frauen ausgebildet, berufstätig und dadurch unabhängiger.
Manche Männer sprechen ihren Wunsch nach mehreren Frauen deshalb nicht offen aus. Sie warten, bis eine Frau schon viele Jahre in der Beziehung steckt, in der Hoffnung, dass es für sie dann schwieriger ist, zu gehen.
Was ich ablehne, ist die Täuschung: Eine Frau glaubt, sie lebe in einer monogamen Beziehung, und wacht plötzlich in einer polygamen auf.
Sie sind also nicht grundsätzlich gegen Polygamie?
Nein. Mir geht es um die freie Entscheidung. Wenn eine Frau weiss, dass ein Mann polygam leben will, und sich bewusst darauf einlässt, ist das ihre Entscheidung. Was ich ablehne, ist die Täuschung: Eine Frau glaubt, sie lebe monogam, und wacht plötzlich in einer polygamen Beziehung auf.
Die Netflix-Verfilmung hat in vielen afrikanischen Ländern enorme Diskussionen ausgelöst. Warum trifft die Geschichte gerade dort einen Nerv?
Weil die Menschen sich darin wiedererkennen. Sie sehen sich selbst in den Figuren oder kennen ähnliche Situationen aus ihrem Umfeld. Wenn eine Geschichte etwas von der eigenen Realität widerspiegelt, berührt sie einen. Und das gilt nicht nur für Afrika.
Im Zentrum von «The Polygamist» stehen der wohlhabende Geschäftsmann Jonasi Gomora und das Doppelleben, das er über Jahre aufgebaut hat. Nach aussen führt er mit seiner Frau Joyce eine scheinbar perfekte Ehe. Tatsächlich unterhält er aber Beziehungen zu weiteren Frauen, richtet ihnen eigene Haushalte ein und hält seine verschiedenen Leben sorgfältig voneinander getrennt. Als das Geflecht aus Lügen auffliegt, treffen die Frauen aufeinander.
Die Serie basiert auf Sue Nyathis gleichnamigem Roman von 2012. Für die Verfilmung wurde die Handlung von Simbabwe ins benachbarte Südafrika verlegt. Während der Roman ausschliesslich aus der Perspektive der Frauen erzählt wird, rückt die Serie auch Jonasi Gomora selbst stärker ins Zentrum.
Ihr Roman erschien bereits 2012. Was hat Netflix für Sie verändert?
Mein Leben ist seit dem Serienstart nicht mehr dasselbe. Manche sprechen von einem Erfolg über Nacht. Ich würde eher sagen: Anerkennung über Nacht. Plötzlich kennen die Menschen meinen Namen, suchen nach dem Buch und entdecken auch meine anderen Romane.
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