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Wednesday, August 19, 2026

Kurt wurde 20 Meter mitgeschleift: «Alles kommt wieder hoch»

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  • Kurt Ott (67) aus Aarburg wurde 1982 beim Kinderfestumzug in Brittnau AG von einer Kutsche erfasst und 20 Meter mitgeschleift.
  • Der Unfall verursachte schwere Verletzungen an Schulter, Brustbein, Kreuzband und Lendenwirbeln – Ott leidet bis heute täglich darunter.
  • Der tödliche Kutschenunfall im Rosegtal GR holt die Erinnerungen an seinen eigenen Unfall wieder hoch. Ott fordert einen Fahrzeugausweis für Kutschen.

Als Kurt Ott (67) vom tödlichen Kutschenunfall im Rosegtal GR liest, ist er gedanklich sofort wieder im Jahr 1982 beim Kinderfestumzug in Brittnau AG: «Es ging mir unter die Haut. Plötzlich kam alles wieder hoch», sagt der Aarburger zu 20 Minuten.

«Wir hörten die Kutsche nicht kommen»

Er war damals 23 Jahre alt und spielte in einer marschierenden Musikgesellschaft. Es war kurz vor zehn Uhr morgens, strömender Regen. Hinter der Gruppe geriet eine mit 13 Kindern besetzte Pferdekutsche wegen eines Bremsversagens ausser Kontrolle. Das von zwei Haflingern gezogene Gespann wurde auf der steilen Strasse immer schneller, geriet ins Zickzack und streifte Gartenmauern und Zäune. «Wir spielten so laut Musik, dass wir die Kutsche hinter uns nicht heranrasen hörten.» Auch Warnrufe seien im Spiel der Musikgesellschaft untergegangen.

Das Fuhrwerk traf Kurt mit voller Wucht von hinten. «Ich geriet unter den Wagen und wurde rund 20 Meter mitgeschleift.» Erst als die Kutsche in eine Telefonstange krachte, kam das Gespann zum Stillstand.

Die Bilder dieses Tages verfolgen ihn bis heute: «Ich sehe immer noch die schockierten und schreienden Menschen, die von der Kutsche sprangen, und meine Musikkollegen, die ebenfalls erfasst wurden.» Sieben Menschen, darunter drei Kinder, mussten ins Spital. Ott und der Kutscher wurden so schwer verletzt, dass sie auf die Intensivstation eingeliefert wurden.

Ein Zeitungsbericht von 1982 hielt das Unglück fest. Die Aufnahmen zeigen die Kutsche und den Aufprall an der Telefonstange, die das Gespann schliesslich stoppte.

Ein Zeitungsbericht von 1982 hielt das Unglück fest. Die Aufnahmen zeigen die Kutsche und den Aufprall an der Telefonstange, die das Gespann schliesslich stoppte.Aargauer Zeitung

«Lebe seit 44 Jahren mit den Folgen»

Kurt erlitt beim Unfall mehrere Schulterbrüche, einen Brustbeinbruch, einen Kreuzbandriss sowie Verletzungen an den Lendenwirbeln: «Der Unfall hat mein Leben komplett verändert.» Auch nach 44 Jahren habe er täglich Schmerzen. Längere Strecken zu Fuss fallen ihm schwer, seine rechte Schulter sei bis heute steif. «Über Kopf kann ich nur noch mit links greifen.»

Wenn er eine Kutsche sehe, mache er bis heute einen grossen Bogen. «Die Erinnerungen sind dann sofort wieder da.» Angst vor Pferden habe er hingegen nicht. «Mit ihnen kann ich gut umgehen. Manchmal füttere ich sogar die Pferde meines Nachbarn. Die Tiere konnten ja nichts für den Unfall.»

Trotz des schweren Kutschenunfalls hat Kurt seine Liebe zu Pferden nicht verloren. Angst vor den Tieren habe er keine – bis heute sucht er ihre Nähe.

Trotz des schweren Kutschenunfalls hat Kurt seine Liebe zu Pferden nicht verloren. Angst vor den Tieren habe er keine – bis heute sucht er ihre Nähe.Privat

«Unglück wäre vermeidbar gewesen»

Ott ist überzeugt, dass das Unglück damals hätte verhindert werden können. Die Staatsanwaltschaft sei zum Schluss gekommen, dass die Bremsen vor der Fahrt nicht ausreichend kontrolliert worden waren. Für Ott ist deshalb klar: «Es war menschliches Versagen.»

Ott fordert eine Art Fahrzeugausweis für Kutschen

Umso wichtiger sind für Kurt deshalb gründliche technische Kontrollen der Kutschen. «Bei der Abnahme müsste sehr genau geprüft werden, ob etwa die Bremsen wirklich einwandfrei funktionieren.» Vorstellen könnte er sich deshalb eine Zulassung ähnlich wie bei Autos. «Eine Art Fahrzeugausweis für Kutschen wäre sinnvoll.» Grundsätzlich lehnt er Kutschenfahrten jedoch nicht ab: Sie können etwas Schönes sein. Aber die Sicherheit muss gewährleistet sein.»

«Hatten Glück, dass es bei uns keine Toten gab»

Dass der Engadin-Unfall tödlich endete, habe ihn tief getroffen. «Dann wird mir wieder bewusst, wie knapp es damals auch bei uns war.» Zum Glück habe die Telefonstange die Kutsche gestoppt. «Sonst wären wohl noch mehr Menschen überrollt worden – und es hätte Tote geben können.»

Wie gehst du mit traumatischen Erlebnissen aus deiner Vergangenheit um?

Thomas Sennhauser

Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.

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