Polarisierung in den USA – Dieser Bezirk überwindet die Spaltung der USA

Die US-Fahne neben dem Bürotisch – immerhin das verbindet sie. Den Republikaner Thomas DiBello und die Demokratin Jamila Winder. In ihrem Büro hängt ein Bild, das sie an der Seite Barack Obamas zeigt. DiBello wiederum strahlt auf einem eingerahmten Foto mit Donald Trump um die Wette. Politisch trennen die beiden Welten. Trotzdem regieren sie ihren Bezirk gemeinsam.
Wer in Montgomery County im Gliedstaat Pennsylvania politische Schlammschlachten erwartet, wird enttäuscht. «Wir haben uns gleich nach unserer Wahl vorgenommen, Gemeinsamkeiten zu finden», sagt Winder. «Und dass wir es nicht persönlich nehmen, wenn wir einmal nicht einer Meinung sind.»
DiBello ergänzt: «Bei 85 Prozent unserer Arbeit spielt Parteipolitik keine Rolle. Sicher, wir kriegen beide auch Gegenwind von unseren eigenen Parteien. Aber wir halten als geeintes Team zusammen.»
Erster überparteilicher Haushalt seit zehn Jahren
Der Bezirk mit 900'000 Einwohnern liegt nordwestlich von Philadelphia. Winder und DiBello verwalten hier mit einem dritten Regierungsmitglied ein Budget von über einer Milliarde Dollar. Erst kürzlich verabschiedeten sie es einstimmig den ersten überparteilichen Haushalt seit fast einem Jahrzehnt.
Am Ende ist es den Leuten egal, ob eine Demokratin oder ein Republikaner die Abwasserleitung verlegt – Hauptsache, sie funktioniert.
Dass es auf lokaler Ebene pragmatischer zugeht, ist kein Zufall. Der Politologe Nathan Lee befragt für seine Studien regelmässig lokale Amtsträger. Die Allermeisten finden, die Polarisierung schade den USA – doch nur eine Minderheit sieht negative Folgen für die eigene Gemeinde.
«Am Ende ist es den Leuten egal, ob eine Demokratin oder ein Republikaner die Abwasserleitung verlegt – Hauptsache, sie funktioniert», sagt Lee. Zudem lebten lokale Amtsträger mit den Einwohnern in derselben Gemeinde: «Da fällt es leichter, die Menschen wie Menschen zu behandeln, wenn man ihnen nach der Ratssitzung im Supermarkt begegnet.»
Zwanzig Wohnungen auf Kirchenland
Wie dieser Pragmatismus aussieht, zeigt sich auf der Baustelle von Pfarrer Tim Dooner. Seine Kirche hat dem Bezirk Land zur Verfügung gestellt. Bis Ende Jahr entstehen hier zwanzig Wohnungen für Familien mit geringem Einkommen, fast anderthalb Millionen Dollar hat der Bezirk beigesteuert.
«Gerade in Zeiten, in denen national Chaos und Spaltung herrschen, ist es wunderbar, dass sie hier vor Ort ein stabilisierender Anker sind», lobt Dooner die Bezirksregierung.
Das Idyll bekommt Kratzer
Doch Lees neueste Umfrage liefert ein Warnsignal: Erstmals steigt die Polarisierung auch auf lokaler Ebene deutlich an. Er betont dennoch das Positive: «Nach wie vor hält mehr als die Hälfte der lokalen Amtsträger ihre Gemeinden für widerstandsfähig. Angesichts dessen, was sonst im Land passiert, ist das ein Lichtblick.»
Auch Jamila Winder wird im Internet angefeindet. Schützenhilfe erhält sie ausgerechnet von ihrem Kollegen. «Es gibt viele Leute, die sich rassistisch und hetzerisch über mich äussern», sagt sie. «Und mein Kollege hat sich in diese Kommentarspalten auf Facebook eingeklinkt und geschrieben: Diese Frau ist anständig, so redet man nicht über sie.»
In seiner Partei erwarteten manche, er solle seine Kollegen öffentlich angreifen, sagt DiBello. «Aber das mache ich nicht – weil das einfach nicht meine Art ist. Ich hoffe, dass das, was wir hier machen, mit der Zeit weitere Kreise zieht.»
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