Schwiizerdütsch in 8 Monaten: «Viele glauben, ich sei Schweizer»

- Der 24-jährige Deutsche Melih arbeitet seit acht Monaten bei der SBB und spricht fliessend Schweizerdeutsch.
- Viele Schweizer halten ihn für einen Einheimischen – seine deutsche Herkunft sorgt regelmässig für Überraschung.
- Ein Tiktok-Video über seine Integration wurde knapp 77'000 Mal angesehen.
- Anfang nächsten Jahres will er offiziell in die Schweiz ziehen.
Wenn Melih Schweizerdeutsch spricht, rechnen offenbar die wenigsten damit, dass er eigentlich aus Deutschland kommt. «Wenn ich sage, dass ich Deutscher bin, sind die Leute total baff», erzählt der 24-Jährige. Dabei arbeitet er erst seit acht Monaten in der Schweiz.
Melih ist in Heidelberg geboren und aufgewachsen und wohnt heute im Kreis Weil am Rhein, direkt an der Schweizer Grenze. Sein Alltag spielt sich jedoch grösstenteils in der Schweiz ab. Bei der SBB arbeitet er als Fachspezialist im operativen Bereich.
«Ich wollte mehr aus mir machen»
In die Schweiz zog es ihn ganz bewusst. «Ich wollte mehr aus mir und meinem Sprachtalent machen», sagt Melih. Die Schweiz habe ihm schon immer gefallen, auch die Menschen erlebe er als freundlich. «Mir hat das graue Leben in Deutschland nicht mehr gefallen. Die SBB hat mir dann die Hand gereicht.»
An einige Unterschiede musste er sich trotzdem erst gewöhnen. Schweizer seien seiner Erfahrung nach zwar sehr freundlich und offen, gleichzeitig aber auch direkt. Besonders das Verhältnis unter Arbeitskollegen empfindet er als familiärer als in Deutschland.
Welcher Weg hilft dir am meisten, eine neue Sprache oder Mundart zu lernen?
Für Melih stand schon früh fest: Wenn er einen grossen Teil seines Lebens in der Schweiz verbringt, möchte er auch Schweizerdeutsch lernen. «Ich finde, Integration fängt schon bei der Sprache an.» Er habe das Gefühl, dass Deutsche beim Thema Integration in der Schweiz nicht immer den besten Ruf hätten. «Ich will einfach das Gegenteil beweisen.»
Schweizerdeutsch durch Zuhören gelernt
Einen Kurs brauchte der 24-Jährige dafür nicht. Durch den täglichen Kontakt mit Schweizern habe er die Mundart schnell aufgenommen. Dabei lernte er nicht nur einen bestimmten Dialekt kennen: «Ich habe überall in der Schweiz Schweizerdeutsch gelernt.»
Dass es dabei durchaus Unterschiede gibt, merkte er spätestens bei einem Bewerbungsgespräch im Wallis. «Ich war komplett aufgeschmissen, weil ich wirklich 0,0 verstanden habe», erinnert er sich.
Auch vermeintlich einfache Wörter sorgten anfangs für Verwirrung. Als Beispiel nennt er «da». Im Schweizerdeutschen könne damit «hier» gemeint sein, während er das Wort aus Deutschland anders gewohnt sei. «Wie oft ich mich deswegen schon vertan habe.»
«Sie können mich keinem Kanton zuordnen»
Heute sorgt eher Melihs Herkunft für Verwirrung. «Die Leute können am Anfang nicht richtig einordnen, aus welchem Kanton ich komme.» Erzähle er dann, dass er in Deutschland geboren und aufgewachsen sei, sei die Überraschung gross.
Manche würden ihm sagen, sie wären nie darauf gekommen. Andere verglichen ihn mit Deutschen, die schon seit Jahrzehnten in der Schweiz leben und trotzdem keinen Dialekt sprechen.
Melih glaubt auch, dass Schweizerdeutsch beeinflusst, wie er wahrgenommen wird. «Man nimmt mich teilweise ernster und vor allem nicht als Deutschen, sondern als Schweizer.»
Eine Form der Bestätigung
Auch Kontakte zu knüpfen sei einfacher geworden. «Schweizer kennenzulernen ist durch das Schweizerdeutsch viel einfacher. Sie merken direkt, dass ich nicht so ‹deutsch› bin.» Er beschreibt es so: «Im Alltag bin ich der Schweizer, obwohl ich als Person deutsch bin.»
Genau darüber sprach Melih auch auf Tiktok. In einem Video erzählt er, dass er seit acht Monaten in der Schweiz arbeitet und bereits Schweizerdeutsch spricht. Sein Appell an andere Zugezogene: Wer hier langfristig leben wolle, solle versuchen, den Dialekt zumindest zu verstehen.
Das Video wurde mittlerweile knapp 77'000 Mal angesehen. Mit den Reaktionen habe er so nicht gerechnet. «Ich habe nur positive Kommentare bekommen. Das hat mich wirklich glücklich gemacht und berührt.»
Inzwischen hätten ihn sogar Menschen auf der Strasse erkannt und persönlich für das Video gelobt. Für Melih ist das auch eine Form der Bestätigung: «Es ist ein Zeichen dafür, dass man mich in der Schweiz so akzeptiert, wie ich bin.»
«Die Schweiz ist ein Teil von mir geworden»
Obwohl Melih weiterhin auf der deutschen Seite der Grenze wohnt, fühlt sich sein Lebensmittelpunkt längst anders an. «Wenn ich in Deutschland zu Besuch bin, möchte ich so schnell wie möglich zurück in die Schweiz.»
Anfang nächsten Jahres möchte er deshalb auch offiziell über die Grenze ziehen und eine Wohnung in der Schweiz suchen. «Die Schweiz ist ein Teil von mir geworden.» Mittlerweile habe er hier sogar Heimatgefühle entwickelt.
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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