Pianistin Khatia Buniatishvili – Fliegen am Flügel – und trotzdem am Boden bleiben

Ein bisschen ist es wie in Luc Bessons Sci-Fi-Film «Lucy», wo sich – durch eine unfreiwillige Drogenüberdosis – die Gehirnkapazität der Heldin dramatisch erhöht. Wo normale Menschen im zweiten oder dritten Gang herumdümpeln, scheint das Gehirn von Buniatishvili einen zwölften, einen zwanzigsten Gang zu haben: Ihre Finger fliegen über die Tasten, so präzise und leicht, man traut seinen Augen und Ohren nicht. Ihre Droge? Weniger fatal als in «Lucy»: die klassische Musik.
«Die Inspiration lässt uns fliegen»
Probennachmittag in der Tonhalle Zürich. Das Tonhalle-Orchester mit Paavo Järvi am Pult sitzt in Alltags-Kleidung da, entspannt, die Blicke konzentriert in die Noten gerichtet. Am entspanntesten von allen ist die Solistin am Konzertflügel, Khatia Buniatishvili. Noten braucht sie keine, spektakulär schwierige Passagen meistert sie mit einem Lächeln. Genauso sitzt sie eine halbe Stunde später auch auf dem Sofa im Künstlerzimmer.
«Die Musik ist so inspirierend, das bringt uns diese Leichtigkeit», sagt sie. Dass das 1. Klavierkonzert von Tchaikovsky zum Schwierigsten gehört, was es an romantischer Klavierliteratur gibt, beeindruckt sie überhaupt nicht? «So nehmen es viele Menschen wahr, da bin ich einverstanden. Aber ich habe nie gedacht, dass es schwer ist. Es war einfach ein Moment der Freude, dieses Stück zu spielen. Die Inspiration lässt uns fliegen.»
Sofa statt Elfenbeinturm
Khatia Buniatishvili spielt Klavier wie von einem anderen Stern. Aber wie sie vor mir sitzt, offen und neugierig, wie sie von ihrer dreijährigen Tochter erzählt, die sie auf Tournee begleitet, dass sie deswegen weniger schläft, aber für nichts in der Welt auf diese Nähe verzichten möchte: Da ist die brillante Pianistin einfach ein Mensch. Ihr Können ist für sie ein Geschenk, kein Elfenbeinturm, in den sie sich zurückzieht.
Ist Buniatishvili die Einzige, die am Flügel Naturgesetze aushebeln und fliegen kann? Natürlich nicht. Das Niveau im Klassikbetrieb ist enorm hoch, auch andere meistern das 1. Klavierkonzert von Tchaikovsky.
Und doch passt bei ihr einfach alles zusammen: Wie die Musik aus ihr heraussprudelt, tun es auch die Wörter, in fünf Sprachen – Deutsch kann sie angeblich am schlechtesten, Französisch, Russisch oder natürlich Georgisch, ihre Muttersprache, wären einfacher. Wenn sie am Instrument sitzt, macht sie Musik mit ihrem ganzen Körper. In Orchesterpassagen schaut sie um sich, wärmt mit aufmunternden Blicken das ganze Orchester. Um Sekundenbruchteile später wieder mit der nächsten halsbrecherischen Passage einzusetzen.
Im Gleichgewicht dank Ehrlichkeit
«Ich liebe dieses Orchester. Und ich liebe es, wie Paavo arbeitet. Am Ende sind wir eine Gruppe von Menschen, die zusammen atmen und hören und Klang produzieren.» Khatia Buniatishvili meint jedes Wort, das sie sagt. Möglichst echt zu sein: Das ist ihr etwas vom Wichtigsten. Das gilt auch für ihren Auftritt auf Social Media.
«Ehrlichkeit ist für mich der Weg, in Balance zu bleiben. Heute ist die digitale Welt so chaotisch, und ich habe Angst davor. Aber: Angst ist auch unser Dämon, und damit ich keine Angst habe, versuche ich meine Werte zu leben. Werte, die es schon lange gibt, die sich über Generationen hinweg gehalten haben, so wie sich klassische Musik hält, weil sie uns berührt.»
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