Editorial über Putins Griff nach Nestlé: Raubzug auf die Schweiz am helllichten Tag
Editorial über Putins Griff nach Nestlé
Raubzug auf die Schweiz am hellichten Tag
Moskau greift nach Nestlé – und die Schweiz reagiert mit einem dünnen Communiqué. Gefährlich ist vor allem die Gelassenheit, mit der wir Putins Raubzug hinnehmen.
Publiziert: vor 7 Minuten
Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick
Wie muss man sich die letzten Tage des untergehenden Roms vorstellen? Beeinflusst von Hollywoodfilmen und TV-Kitsch, denkt man an Orgien und Ausschweifungen, die umso ausgelassener wurden, je näher die Barbaren an die Grenzen des Reichs rückten – eine Art Sittenverfall als Zerstreuung vor der Apokalypse.
So weit sind wir heute natürlich noch nicht. Trotzdem erstaunt die wohlstandsgesättigte Gelassenheit, mit der wir die Gefahren am Horizont wahrnehmen. Diese Woche hat der russische Präsident Wladimir Putin per Dekret beschlossen, die Russland-Sparte von Nestlé unter Zwangsverwaltung zu stellen. Anderen europäischen Lebensmittelkonzernen wie Danone und Carlsberg erging es nicht anders.
Der Vorfall ist eine Ungeheuerlichkeit. Der Kreml-Chef greift im Handstreich nach einem Teil von Nestlé – mutmasslich im Wert von 1,7 Milliarden Franken. Was es damit auf sich hat, ordnet Russland-Experte Fabian Burkhardt in der «NZZ» ein: Man müsse den Vorgang «als Vorstufe zu einer bevorstehenden Quasi-Enteignung betrachten». Seit Beginn des Ukrainekriegs sei dies «ein fester Bestandteil russischer Wirtschaftspolitik» – die Beute wird in solchen Fällen Putins Günstlingen zugeschanzt.
Mit anderen Worten: Es handelt sich um Raub am hellichten Tag. Und was erwidert die Schweiz? Ein dünnes Statement von Seco und EDA – sonst vor allem dröhnendes Schweigen in der Bundesstadt und in den Chefetagen der Wirtschaft. Nur die Anhänger von Christoph Blochers Neutralitäts-Initiative frohlocken, weil Russland die Schweiz als «unfreundlichen» Staat bezeichnet. Der Diebstahl als Strafe für Sanktionen. Doch kann Appeasement gegenüber einem solchen Staat wirklich die Antwort sein?
Noch verblüffender ist das Achselzucken in der diplomatischen Welt: Solidarität mit den Eidgenossen ist nur in homöopathischen Dosen zu vernehmen. In Moskau dürfte man sich sehr genau merken, wie wenige Konsequenzen dieser Angriff auf die Schweiz nach sich zieht.
Putins Vorgehen ist gefährlich – mindestens so gefährlich ist die Bequemlichkeit in der Schweiz, die, ein bisschen, an das späte Rom denken lässt.
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