Hilfsprojekt in Lateinamerika – Profitieren Perus Familien vom CO₂‑Ausgleich aus der Schweiz?

Hilfsprojekt in Lateinamerika Profitieren Perus Familien vom CO₂‑Ausgleich aus der Schweiz?
Saubere Luft dank neuer Kochherde: Nach diesem Prinzip kompensiert die Schweiz CO₂‑Emissionen in Peru. Eine Bilanz.
10.10.2026, 15:09
Juana Chamorro Briceño kommt in der Stadt Sanagorán spät von ihrem befristeten Job als Reinigungskraft nach Hause. Sechs Monate ist es her, seit ihr Ehemann in dieser Bergregion im Norden Perus bei einem Unfall in einer illegalen Kohlemine ums Leben gekommen ist.
Ihre Kinder haben die Schule abgebrochen, um im illegalen Goldabbau zu arbeiten. Alle zusammen müssen sie ums Überleben kämpfen.
«Ich weiss nicht, was ich tun soll, wenn ich meinen Job verliere. Ich werde mehr arbeiten müssen», sagt Briceño.
Neuer Kochherd dank Schweizer Geld
Ihre Situation ist keine Seltenheit in dieser armen Region in den peruanischen Anden. Sie und ihre vier Kinder gehören zu den 35’000 Haushalten, die einen neuen Kochherd erhalten haben – dank eines Programms, mit dem die Schweiz seit knapp sechs Jahren einen Teil ihrer CO₂‑Emissionen kompensiert.
Das sogenannte Tuki-Wasi-Projekt ist das weltweit erste Kompensationsprojekt, das im Rahmen des Pariser Klimaabkommens lanciert wurde. Es ersetzt das Kochen über offenem Feuer in Innenräumen durch verbesserte Herde, die weniger Holz verbrauchen. Solche Kompensationsprojekte sind zu einem Eckpfeiler der Schweizer Klimapolitik geworden.
Die Schweiz hat sich mit ihrer Klimapolitik zum Ziel gesetzt, bis 2030 rund 34 Millionen Tonnen CO₂ durch bilaterale Programme im Ausland zu kompensieren. Das entspricht etwa einem Drittel ihrer gesamten CO₂‑Emissionen.
Der Beitrag des Tuki-Wasi-Projekts ist zwar bedeutend, macht aber nur einen Bruchteil dieser Verpflichtung aus. Ein Bewertungsbericht aus dem Jahr 2023 schätzte die Reduktionswirkung von Tuki Wasi auf etwas mehr als eine halbe Million Tonnen CO₂.
«Natürlich bin ich froh über den Herd. Ich habe ja keinen anderen», sagt Chamorro Briceño. Ihre vier Kinder müssten dadurch nicht mehr «den Rauch einatmen, der früher unsere Häuser erfüllte, weil wir über offenem Feuer gekocht haben». Aber sie betont auch, dass sie viel mehr Unterstützung bräuchte, um mit ihrer Familie nicht mehr in extremer Armut leben zu müssen.
Beitrag zur Selbstversorgung
Das Kompensationsprojekt aus der Schweiz wird vom französischen Sozialunternehmen Microsol umgesetzt. An einem Markttag in Sanagorán kamen kürzlich im Gemeindesaal Einheimische zu einem Workshop zusammen, der von Microsol und seinem regionalen Partner organisiert wurde. Frauen mit Strohhüten und Babys auf dem Rücken strömten mit ihren Partnern und Kindern herein.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beantworteten Fragen aus dem Publikum und erklärten, wie man lose Lehmziegel mit einer selbst gemachten Zementmischung befestigen kann und wie sich Wellblechreste flach klopfen und zu neuen Topfhaltern für Kochherde zuschneiden lassen.
«Die Logik des Programms besteht darin, dass die Nutzenden die neuen Kochherde und die Technologie als ihre eigenen annehmen», sagt Ralph Callalli, Koordinator des Tuki-Wasi-Programms bei Microsol. Das Ziel sei, eine Abhängigkeit von Hilfsorganisationen zu vermeiden und die Selbstversorgung der Familien zu fördern.
Berechnung der Wirkung im Gang
Die Bedeutung des Kochherd-Programms für die globale Klimapolitik ist den Begünstigten nicht bewusst. Das kommt in Gesprächen deutlich zum Ausdruck. Welche Wirkung zur Reduktion der CO₂‑Emissionen damit genau erzielt wird, wird von den Verantwortlichen des Programms derzeit berechnet in enger Zusammenarbeit mit den Umweltministerien der Schweiz und Perus.
Dabei werden die verbrannten Holzmengen und der verwendete Kochherdtyp berücksichtigt. Ebenso spielt es eine Rolle, dass dies in einer Region geschieht, in der die peruanische Regierung selbst noch keine Kochherdprogramme durchführt.
Noch in diesem Jahr soll bekannt gegeben werden, wie viele Tonnen CO₂ durch das Programm vermieden worden sind.
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