Werben um Milliarden – Anthropic vor Börsengang: Wie glaubwürdig sind die KI-Warnungen?

Anthropic hat letztes Jahr einen Verlust von 42 Milliarden US‑Dollar eingefahren. So steht es im Börsenprospekt, der der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt.
Zwar ist Anthropics Umsatz letztes Jahr stark gewachsen, um das Zwölffache auf fast 4.6 Milliarden US-Dollar. Unter dem Strich verbrennt Anthropic aber immer noch viel Geld, weil der Betrieb der künstlichen Intelligenz teuer ist. In den kommenden Jahren möchte das Unternehmen 500 Milliarden Dollar in Rechenleistung investieren.
Gleichzeitig warnt Anthropic potenzielle Investoren davor, dass die eigene Technologie die Menschheit irgendwann einmal zerstören könnte.
Brisante Forderung
Der Chef von Anthropic, Dario Amodei, fordert zwar alle KI‑Unternehmen auf, das Tempo bei der Veröffentlichung neuer Modelle zu drosseln. Nur: Anthropic selber geht hier nicht voran. Im Gegenteil. Das Unternehmen brachte letzte Woche sein neustes KI‑Modell auf den Markt, um den Anschluss an Konkurrent Open AI nicht zu verpassen.
Brisant dabei ist, dass Anthropic das US-amerikanische Kartellrecht aufweichen möchte, damit es sich mit Konkurrent Open AI absprechen kann. Nur so kann laut Anthropic die KI sicher weiterentwickelt werden. Das würde aber auch Markteintrittshürden für kleinere Unternehmen schaffen, die nicht mit am Tisch sitzen, wenn neue Standards oder gar Regulierungen besprochen werden.
Und so sind die Warnungen von Anthropic vor einer angeblich übermächtigen KI auch mit Vorsicht zu geniessen.
Wer sagt, dass die eigene KI gefährlich ist, impliziert, dass diese KI auch sehr leistungsfähig ist. Wer vor der eigenen KI warnt, versucht also auch, künftige Geldgeber von sich und seiner Technologie zu überzeugen. Und lenkt so von Problemen ab, die KI heute schon verursacht – zum Beispiel von Verletzungen von Urheberrechten oder vom Datenschutz.
Womit macht Anthropic Umsatz?
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Umsatz macht Anthropic vor allem mit Unternehmenskunden und mit Softwareentwicklern. Besonders im Programmieren ist die künstliche Intelligenz der Konkurrenz voraus. So hat sich Open AI mit Chat GPT eher auf Konsumenten ausgerichtet. Aber brisant ist, dass ein Viertel des gesamten Umsatzes mit gerade einmal zwei Unternehmenskunden verdient wird. Anthropic sagt nicht, wer die Kunden sind. Nur, dass keine langfristigen Verträge existieren. Da gibt es also nicht nur ein Klumpenrisiko, sondern auch ganz viel Unsicherheit für künftige Investoren.
Das heisst nicht, dass von KI keine Gefahr ausgeht. Tatsächlich gab es in letzter Zeit immer wieder einmal Vorfälle, in denen die KI‑Modelle von Anthropic und von Open AI sich in fremde Systeme gehackt haben.
Die KI‑Unternehmen sprechen gerne davon, dass ihre KI immer autonomer wird. Von aussen ist das schwierig zu beurteilen. Es könnte auch schlicht sein, dass die KI-Unternehmen zu wenig in die Sicherheit investieren, also zu wenig Leitplanken einbauen.
Gescheiter Schachzug
So überrascht es, dass Anthropic im Börsenprospekt zwar seitenweise vor all diesen Risiken warnt. Gleichzeitig aber nicht offenlegt, wie viel Geld das Unternehmen in die Sicherheit investiert.
Anthropic gibt sich kurz vor dem Börsengang vorsichtig. In einer Zeit, in der Kritik an KI immer lauter wird, ist das wohl ein gescheiter Schachzug. Der Börsengang wird voraussichtlich im November über die Bühne gehen. Er gilt als Massstab für andere KI-Anbieter.
Pascal Lago
Wirtschaftsredaktor
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Pascal Lago hat Ökonomie in Zürich und St. Gallen studiert. Er arbeitet seit März 2022 als Wirtschaftsredaktor bei Radio SRF.
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