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Friday, October 16, 2026

Vier vergessene Koffer für 117 Euro: Was steckt in den mysteriösen Gepäckstücken?

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Das Geschäft mit verlorenem Gepäck

Vier vergessene Koffer für 117 Euro: Was steckt in den mysteriösen Gepäckstücken?

Geschlossene Koffer ersteigern, ohne zu wissen, was drin ist: In Grossbritannien boomt ein ungewöhnliches Geschäft mit verlorenem Gepäck. Eine Journalistin zahlte für vier Koffer umgerechnet 117 Euro. Ob sich der Kauf lohnt, ist allerdings Glückssache.

Publiziert: vor 25 Minuten

Ein gelber Hartschalenkoffer, eine prall gefüllte schwarze Reisetasche und ein blaues Gepäckstück mit Kompass am Griff: Bei einer Auktion in London stehen Gegenstände zum Verkauf, deren Inhalt niemand kennt. Wer mitbietet, weiss lediglich, wie die Koffer von aussen aussehen. Was sich darin verbirgt, bleibt bis zum Kauf ein Geheimnis.

Im August 2025 wagte die britische Journalistin Emma Russell von der Zeitung «The Guardian» das Experiment. Beim Londoner Auktionshaus Greasby's ersteigerte sie vier Koffer für insgesamt rund 117 Euro. Erst nachdem sie bezahlt hatte, durfte sie ihre Käufe öffnen.

Das Prinzip erinnert an eine Mischung aus Schnäppchenjagd und Glücksspiel. Vielleicht warten brauchbare Kleidung, elektronische Geräte oder andere wertvolle Gegenstände im Innern. Vielleicht besteht der Inhalt aber auch aus Dingen, die kaum jemand gebrauchen kann.

Das Geschäft mit den geheimnisvollen Koffern

In Grossbritannien hat sich rund um nicht abgeholtes Gepäck ein eigener Markt entwickelt. Beim Londoner Auktionshaus Greasby's kommen laut dem Bericht monatlich zwischen 70 und 80 Koffer unter den Hammer.

Die Käufer sehen vor dem Gebot meist nur die Aussenseite. Grösse, Zustand, Marke und Gewicht können Hinweise liefern, garantieren aber keinen Gewinn. Gerade diese Ungewissheit macht den Reiz aus. Das Phänomen wird auch als «Suitcase Gambling», also Koffer-Glücksspiel, bezeichnet. Die Käufer hoffen auf einen überraschenden Fund und nehmen dafür in Kauf, dass sich der Inhalt als weitgehend wertlos erweisen könnte.

Allerdings stammt nicht jedes versteigerte Gepäckstück direkt von einem Flughafen. Das Auktionshaus bestätigt laut dem Bericht, dass es regelmässig nicht abgeholte Waren von Londoner Flughäfen übernimmt. Woher die vier Koffer der Journalistin genau stammten, wird nicht angegeben.

Millionen Gepäckstücke machen Probleme

Dass verlorenes Gepäck die Luftfahrt beschäftigt, zeigen Zahlen des Branchenunternehmens SITA. Weltweit wurden 2025 dem Bericht zufolge fast 24 Millionen Gepäckstücke als verspätet, verloren, beschädigt oder mit fehlendem Inhalt registriert. Die Kosten für die Abwicklung solcher Gepäckprobleme beliefen sich demnach auf rund 5,56 Milliarden Euro.

Dazu gehören die Suche nach Gepäckstücken, deren Bearbeitung und Rückführung sowie Entschädigungen an betroffene Reisende.

Die gute Nachricht: Die grosse Mehrheit der fehlgeleiteten Gepäckstücke findet letztlich zu ihren Besitzern zurück. Erst wenn die Suche erfolglos bleibt und die vorgeschriebenen Fristen abgelaufen sind, kann sich aus dem Gepäck ein Geschäft entwickeln.

Was passiert mit vergessenen Gegenständen an Flughäfen?

Nicht jedes Gepäckstück, das in einer Auktion landet, wurde von einer Airline verloren. Entscheidend ist, ob ein Koffer aufgegeben wurde und nicht am Ziel ankam oder ob jemand eine Tasche im Flughafengebäude vergessen hat.

Am Londoner Flughafen Heathrow etwa werden vergessene Gegenstände laut dem Bericht drei Monate aufbewahrt. Danach können sie verkauft werden, sofern sie noch einen Wert haben. Unbrauchbare Gegenstände werden entsorgt.

Auch am Frankfurter Flughafen beträgt die Aufbewahrungsfrist für Fundgegenstände dem Bericht zufolge drei Monate. Am Flughafen München werden Gegenstände dagegen mindestens sechs Monate aufbewahrt, bevor sie nach Ablauf der Frist in eine öffentliche Versteigerung gelangen können.

Die Regeln sind von Flughafen zu Flughafen unterschiedlich. Auch die Art des Gegenstands und die jeweils geltenden gesetzlichen Bestimmungen spielen eine Rolle.

Keine geheimnisvollen Kofferauktionen in der Schweiz

In der Schweiz läuft es anders als in Grossbritannien: Öffentliche Versteigerungen von vergessenen Koffern sind an Schweizer Flughäfen nicht bekannt. Was mit Gepäckstücken geschieht, die niemand abholt oder die sich keinem Besitzer zuordnen lassen, hängt vom jeweiligen Fall ab. Zuständig sind je nach Situation die Fluggesellschaft, deren Abfertigungsfirma oder das Fundbüro des Flughafens. Nach Ablauf der geltenden Aufbewahrungsfristen können die Gegenstände anderweitig verwertet oder entsorgt werden. Ein Schweizer Pendant zu den geheimnisvollen Kofferauktionen, bei denen Käuferinnen und Käufer auf unbekannte Inhalte hoffen, lässt sich derzeit nicht belegen.

Von Schmuck bis zum Überraschungskoffer

Wie vielfältig die Funde sein können, zeigte laut dem Bericht eine Auktion im Juli 2026 in Karlsfeld bei München. Dort wurden unter anderem Schmuck, hochwertige Uhren, Kameras, Spielkonsolen und sogenannte Überraschungskoffer angeboten.

Für Interessierte ist das eine besondere Herausforderung: Sie müssen den möglichen Wert eines Gegenstands abschätzen, ohne seinen Inhalt zu kennen. Ein schwerer Koffer kann wertvolle Technik enthalten, aber genauso gut hauptsächlich Kleidung oder wenig begehrte Alltagsgegenstände.

Auch am Flughafen Amsterdam-Schiphol werden nicht abgeholte Gegenstände nach bestimmten Fristen weiterverarbeitet. Laut dem Bericht können Gegenstände mit geringerem Wert nach drei Monaten verkauft, gespendet oder entsorgt werden. Wertvollere Dinge werden länger aufbewahrt.

In Wien kommt das Geld einem guten Zweck zugute

Dass aus vergessenen Gegenständen nicht nur ein Geschäft entstehen kann, zeigt ein Beispiel aus Wien. Bei einer Auktion über die Plattform AURENA wurden laut dem Bericht insgesamt 22'000 Euro mit nicht abgeholten Gegenständen eingenommen. Unter den angebotenen Waren waren Musikinstrumente, Elektronik und Rollstühle. Der gesamte Erlös sei für wohltätige Zwecke bestimmt gewesen.

In den USA ist daraus ein eigener Laden entstanden

Noch einen Schritt weiter geht das Unternehmen Unclaimed Baggage im US-Bundesstaat Alabama. Es kauft nicht abgeholtes Gepäck, öffnet die Koffer und sortiert den Inhalt. Brauchbare Gegenstände werden aufbereitet und anschliessend weiterverkauft. Das Sortiment reicht von Kleidern und Büchern bis hin zu hochwertiger Fotoausrüstung. Der Laden ist inzwischen selbst zu einer Attra ktion geworden.

Wem gehört der Koffer, wenn niemand ihn abholt?

Hinter dem ungewöhnlichen Geschäftsmodell steckt eine weniger amüsante Seite. In den Koffern befinden sich oft persönliche Dinge, die für ihre ursprünglichen Besitzer einen emotionalen Wert haben können: Kleidungsstücke, Geschenke, Ladegeräte oder Erinnerungsstücke.

Dass solche Gegenstände irgendwann verkauft werden dürfen, hängt von den geltenden Regeln und den jeweiligen Fristen ab. Ein Koffer wird also nicht einfach deshalb zur Handelsware, weil ihn jemand vergessen hat.

Für die Käufer bleibt es dennoch ein Spiel mit dem Zufall. Wer einen Überraschungskoffer ersteigert, kauft nicht nur einen Gegenstand, sondern eine Möglichkeit. Ob daraus ein echtes Schnäppchen wird, zeigt sich erst beim Öffnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf blic.rs. Das serbische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.

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