Humanitäre Krise in Somalia – Unicef: «In den Vertriebenenlagern in Somalia haben alle Hunger»

In Somalia herrscht eine humanitäre Krise. Millionen Menschen hungern. Hintergrund sind die zahlreichen Konflikte im Land. Seit Jahren kämpft die Zentralregierung gegen die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab. Hinzu kommen gewaltsame Streitigkeiten zwischen lokalen Clans, etwa um Land oder Wasser. Viele Menschen müssen fliehen. Bettina Junker ist Geschäftsleiterin der Unicef Schweiz und Liechtenstein. Sie berichtet von ihrer Reise nach Mogadischu, von der sie soeben zurückgekehrt ist.
Bettina Junker
Bettina Junker ist Geschäftsleiterin des Schweizerischen Komitees Unicef. Das UNO-Kinderhilfswerk ist eines der Sonderorgane der Vereinten Nationen.
SRF News: Wie ist die Lage vor Ort?
Bettina Junker: Wir waren letzte Woche in Mogadischu und den angrenzenden Gebieten. Die Bilder, die wir da gesehen haben, sind beklemmend. In einer Vertriebenensiedlung haben wir Menschen gesehen, die am Ende ihrer Kräfte sind, die eine schwierige Fluchtgeschichte hinter sich haben. Aber in diesem Lager gibt es auch nichts. Es gibt kaum sauberes Wasser, es gibt fast keine Nahrung. Alle haben Hunger. In einem Spital haben wir ein Stabilisierungszentrum besucht, in dem der Schweregrad der Mangelernährung der Kinder festgestellt wird.
Die Schwächsten bekommen sofort eine nährstoffreiche Spezialnahrung, um sie wieder aufzupäppeln. Aber alleine die Menge dieser Menschen, ihre hoffnungslose Situation und die Aussicht darauf, dass jetzt die bedrohlichen Monate kommen – mit viel Niederschlag aufgrund von Super-El-Niño –, das stimmt einen schon nachdenklich.
Die Lebensgrundlagen von vielen Menschen sind schwer getroffen oder gar vernichtet worden.
Die Hauptursachen für die derzeitige Hungerkrise sind Dürre und Konflikte. Nun drohen auch noch Überschwemmungen?
Dieses Land muss eine Aufeinanderfolge von schweren Belastungsfaktoren aushalten. In Somalia gibt es aufgrund der geografischen Lage eine Anfälligkeit für die Folgen des Klimawandels. Dazu kommt eine schwere Dürre. Die Regenfälle sind Ende 2025 ausgeblieben und es gab eine lange Trockenzeit Anfang 2026. So sind die Wasserquellen versiegt. Die Viehbestände sind dahingerafft oder dezimiert worden. Und die Lebensgrundlagen von vielen Menschen sind schwer getroffen oder gar vernichtet worden. Für Oktober bis Dezember werden starke Regenfälle erwartet. Der Boden ist aber so hart und trocken, dass das Wasser nicht aufgenommen werden kann. Das heisst, es wird schnell zu Überschwemmungen kommen. Ich wage mir nicht vorzustellen, was das für die vertriebenen Menschen bedeutet.
Was brauchte es jetzt, um die Not der Menschen, besonders auch der Kinder, zu lindern?
Wir müssen handeln, bevor sich die Situation weiter verschärft. Wir haben die schwer mangelernährten Kinder, wir haben auch die Möglichkeit, sie aufzupäppeln. Diese Kinder müssen erreicht werden, und zwar schnell. In einer mittelfristigen Perspektive geht es darum, dass man dafür sorgt, dass Kinder gar nicht in diese Situation kommen. Man muss bei der Prävention ansetzen.
Die Mittel reichen hinten und vorne nicht. Der breite Rückgang internationaler humanitärer Finanzierung ist natürlich verheerend.
Weltweit streichen Regierungen ihre Ausgaben für humanitäre Hilfe zusammen. Für Somalia rechnet die Unicef mit einem Rückgang von 40 bis 60 Prozent. Reicht das Geld?
Die Antwort auf Ihre Frage ist ganz klar «nein». Die Mittel reichen hinten und vorne nicht. Der breite Rückgang internationaler humanitärer Finanzierung ist natürlich verheerend. Er ist vor allem verheerend für ein Land wie Somalia, das eine starke Abhängigkeit von internationalen Finanzierungen hat und dessen geografische Lage es schwer macht, aus einer Situation der Schwäche nach Überschwemmungen und Dürren wieder auf die Beine zu kommen.
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