«Wir haben eine Raupeninvasion – sie fressen mir alles weg»

- In Sargans hat eine Massenpopulation von Raupen des Wanderfalters Einpunkt-Graseule Wiesen befallen.
- Bauer Ignaz (58) muss deswegen bereits auf seine Wintervorräte zurückgreifen.
- Laut einem Experten kommt es in der Schweiz ungefähr alle zehn Jahre zu einer solchen Massenvermehrung.
- Der heisse und trockene Sommer dürfte den Raupenbefall begünstigt haben.
«Zuerst ist es zu trocken, und jetzt kommen die Raupen», sagt Bauer Ignaz (58) zu 20 Minuten. Er bewirtschaftet Weideland zwischen Sargans und Heiligkreuz im Kanton St. Gallen. Dort haben unzählige Raupen das Gras auf einer Weide fast vollständig gefressen.
Entdeckt hat Ignaz den Befall vor gut einer Woche. Damals war er oberhalb der betroffenen Weide mit der Traubenlese beschäftigt. «Als ich das Land anschaute, dachte ich noch: Hoffentlich gibt es genug Futter für meine Tiere», erzählt der Landwirt. Weil die Wiese braun war, ging er zunächst davon aus, dass sie unter der Trockenheit gelitten hatte.
«Es hat praktisch nur noch Löwenzahn»
Erst eine Anwohnerin machte ihn auf die zahlreichen Raupen in der Umgebung aufmerksam. Als Ignaz den Boden genauer untersuchte, entdeckte er die Tiere auch auf seiner Weide. «Die Trockenheit ist nicht der Grund, weshalb die Wiese so braun ist. Die Raupen haben mir alles weggefressen», sagt er. «Es hat praktisch nur noch Löwenzahn.»
Vorräte vom Winter werden verfüttert
Für den Landwirt hat der Befall einschneidende Folgen. Seine Tiere will er zwar noch einmal auf die Weide lassen, damit sie den verbliebenen Löwenzahn fressen können. «Wegen der Raupenplage muss ich bereits das Winterfutter brauchen», so Ignaz. Und weiter: «Wir mussten wegen der Trockenheit bereits Kühe weggeben. Wegen der Raupen müssen nun wahrscheinlich noch weitere Kühe zum Schlachter.» Zusätzliches Heu zu kaufen, sei in diesem Jahr schwierig, weil vielerorts nur wenig gewachsen sei.
Sie kommen nachmittags zum Vorschein
Nach bisherigen Erkenntnissen ist der Befall auf ein kleines Gebiet zwischen Sargans und Heiligkreuz begrenzt. Neben der Weide von Ignaz wurden auch Rasen von diversen Anwohnern stark beschädigt. Auf Trottoirs und entlang der Strasse sind ebenfalls zahlreiche Raupen zu sehen, wie 20 Minuten vor Ort beobachten konnte.
Mehrere Anwohner berichten, dass sich die Tiere tagsüber im Boden verstecken. Gegen den späteren Nachmittag kämen sie wieder zum Vorschein. Vereinzelt gelangen sie auch bis zu den Wohnhäusern.
Alle zehn Jahre kommt es zur Massenpopulation
Die Einpunkt-Graseule, wissenschaftlich Mythimna unipuncta, ist ein Wanderfalter. Sie wanderte aus dem Mittelmeerraum in die Schweiz. «Der Falter kommt in subtropischen Regionen vor, etwa in Afrika und Südostasien», sagt Andreas Kopp von der Beratungsstelle Naturinfo des Kantons St. Gallen. Seit Hunderten von Jahren könne man die Raupe vereinzelt auch in der Schweiz beobachten.
«Etwa alle zehn Jahre kommt es in der Schweiz punktuell zu einer Massenpopulation», so Kopp weiter. Die letzten drei Vorkommnisse gab es 1997, 2007 und 2016 im Kanton Tessin. Warum es dieses Jahr im Sarganserland zu einer Massenvermehrung kommt, erklärt sich Kopp mit dem trockenen und heissen Sommer. Für ihn ist klar: «Durch die Klimaerwärmung wandert die Einpunkt-Graseule immer weiter nach Norden.»
Weshalb dieses Phänomen in einem durchschnittlichen Zehnjahresrhythmus vorkommt, kann sich Kopp nicht erklären. Er vermutet: «Wahrscheinlich ist es eine Strategie der Einpunkt-Graseule, um grössere Gebiete zu besiedeln.»
Dass sich die Falter ausgerechnet die Gegend zwischen Sargans und Heiligkreuz ausgesucht haben, sei Zufall. «Es scheint, als hätten sie das Gefühl: Das ist ein guter Platz.»
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Vanessa Figi (vfi), Jahrgang 2004, arbeitet seit Juli 2026 als Praktikantin beim Ressort Ostschweiz.
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