«Protestnote wäre politisch wichtig, aber letztlich sinnlos»

- Nestlé verliert die Kontrolle über zwei seiner russischen Tochtergesellschaften, bleibt aber formell Eigentümerin.
- Wladimir Putin hat die Zwangsverwaltung angeordnet. Künftig kontrolliere L.E.V. Management die Geschäfte.
- Experte Hirsiger hält eine Schweizer Protestnote zwar für politisch wichtig, aber letztlich für sinnlos – Russland setze sich über internationale Abkommen hinweg.
Und dann bald die Enteignung? Die russische Regierung hat angekündigt, Russlandgeschäfte von Nestlé unter Zwangsverwaltung zu stellen. Betroffen sind Nestlé Rossya und Nestlé Kuban. Die sechs Produktionsstandorte des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns im Land sollen künftig der Kontrolle von L.E.V. Management unterstehen. Einem Unternehmen, das gemäss dem russischen Exilmedium Nowaja Gaseta Europa erst Ende 2025 gegründet wurde und von Andrej Krajuschkin, einem General des russischen Innenministeriums, geführt wird.
Für den Osteuropa-Experten Marcel Hirsiger kommt der Schritt wenig überraschend. «Russland hat den Wirtschaftskrieg gegen westliche Unternehmen längst begonnen, es ist ja auch nicht die erste Zwangsverwaltung oder Enteignung in Russland», sagt er gegenüber 20 Minuten. «Die entsprechenden Grundlagen wurden bereits vor längerer Zeit geschaffen», so Hirsiger mit Verweis auf die Beschlagnahmungen von Danone und Carlsberg 2023.
Retourkutsche für Schweizer Sanktionen?
Auch die Begründung mit Schweizer Sanktionen und Unterstützung für Kiew durch den russischen Regierungssprecher Dmitri Peskow überrascht den Experten wenig. «Nach aussen wird dies natürlich so kommuniziert, selbstverständlich auch mit Blick auf die Abstimmung über die Neutralitätsinitiative Ende September, die derzeit einen schweren Stand in der Schweizer Bevölkerung hat.»
Allerdings habe Russland ja nicht nur Nestlé, sondern auch Auchan und Leroy Merlin – zwei französische Unternehmen – unter Zwangsverwaltung gestellt. «Es dürfte daher vielmehr der Versuch sein, wichtige und profitable Unternehmen auszubeuten und von deren Gewinnen direkt zu profitieren respektive deren Anlagevermögen für die eigenen Aktivitäten zu nutzen.»
Russland habe wenig davon, den Fokus auf die Schweiz zu richten – «dafür sind wir im geopolitischen Kontext wohl zu unbedeutend». Dass die Abstimmungsergebnisse bei der Neutralitätsinitiative aufgrund dieses einen Schrittes gedreht würden, sei auch aus Moskauer Sicht unrealistisch. «Die Massnahme trifft Nestlé vermutlich nicht, weil es sich um ein Schweizer Unternehmen handelt, sondern weil es eines der grössten ist, das noch aktiv ist in Russland.»
Protest möglich, aber kaum erfolgreich
Selbstverständlich könne die Schweiz nun intervenieren und beispielsweise den russischen Botschafter einbestellen oder eine Protestnote einreichen. «Das ist diplomatisch und politisch wichtig, aber letztlich trotzdem sinnlos. Russland kümmert sich ganz bestimmt nicht um die formale Richtigkeit seiner Handlungen oder internationale Abkommen zur Wirtschaftsfreiheit.»
Wie weit soll die Schweiz bei solchen Fällen auf eine Protestnote setzen?
Zudem habe Nestlé die eigenen Aktivitäten in Russland über Jahre hinweg verteidigt, obwohl seit Langem klar gewesen sei, dass der Kreml nicht vor Zwangsverwaltungen und Enteignungen zurückschreckt. «Auf das mit diesen Aktivitäten verbundene Risiko hat Nestlé immer wieder auch hingewiesen, ohne aber das eigene Engagement zurückzufahren oder zu beenden – trotz aller Kritik.»
Schaden für Nestlé und Aktienhalter
Laut Schätzungen von Analysten haben die russischen Nestlé-Geschäfte inklusive Vermögenswerten, Marken und Erträgen einen Wert von 160 bis 175 Milliarden Rubel. Auf den Umsatz des Konzerns haben die Russland-Aktivitäten jedoch nur einen kleinen Einfluss. Laut dem Analysten Jean-Philippe Bertschy von der Schweizer Bank Vontobel entfielen 2021 noch rund zwei Prozent des Umsatzes auf Russland. Inzwischen dürfte der Anteil nur noch bei etwas mehr als 1 Prozent liegen. Gemäss Analysten der US-Bank JPMorgan würde ein aufgezwungener Verkauf, bei dem kaum ein Erlös zustande kommt, den Gewinn je Aktie um rund drei bis vier Prozent schmälern.
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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