«Wir Normalos kämpfen für die Interessen der Reichen»

Darum geht es
- Andri* und Nazar* haben den Frontkämpfen und dem ukrainischen Militär den Rücken gekehrt und führen seither ein Leben im Schatten.
- Die Männer berichten von Einsätzen ohne Rotation, mangelhafter Versorgung und lebensgefährlichen Befehlen.
- «Ich weiss, dass ich mich nicht ewig verstecken kann»: Beide schliessen eine Rückkehr ins Militär nicht aus, freiwillig oder nicht.
Der Moment, in dem Nazar* erstmals daran dachte, aus dem Militär abzuhauen, kam im Winter. Bei einem russischen Angriff wurden drei Männer seiner Gruppe getötet. Er und zwei Kameraden wurden verletzt. Es kam kein Evakuierungsteam. Schliesslich erlaubte der Kommandant den Rückzug – ohne Deckung.
«Wir trugen alle Tourniquets – Abbindebinden – und spritzten uns Schmerzmittel, um uns bewegen zu können», erzählt Nazar. Es war eine Tortur, bevor sie eine sichere Stellung erreichten: «In fünf Tagen machten wir im drohnenverseuchten Kriegsgebiet fünf Kilometer.»
Er zeigt 20 Minuten eine Schussverletzung am linken Fuss. Nach zwei Monaten Behandlung hätte er wieder an die Front zurückkehren sollen. «Es gab auch weiterhin keine Rotationen. Da packte ich im Spital meinen Rucksack und ging heim.» Heute lebt Nazar im Verborgenen.
AWOL – «absent without leave»
Das tut auch Andri*: «Ich gehe tagsüber nicht einkaufen oder spazieren», sagt der Mechaniker Anfang vierzig aus der Region Mykolajiw. Er arbeitet schwarz und nur zu Randzeiten. Mal versteckt er sich bei seiner Familie, mal in deren Datscha. «Leute wie wir leben in einem Gefängnis.»
Andri verliess seine Einheit nach eigenen Angaben im Frühjahr 2026. Wird er jetzt kontrolliert, muss er mit einem Strafverfahren rechnen. Er fürchtet, «als Strafe zu Sturmtruppen geschickt zu werden, die sehr schnell sterben».
Ähnliches befürchtet Nazar, Mitte vierzig aus der Zentralukraine und Tischler im früheren Leben. Er kehrte der Armee diesen Sommer den Rücken. Sein Kommandant habe bereits verlauten lassen, dass er ihm den Sold streiche, sagt er.
Was Andri und Nazar tun, heisst in der Ukraine SZCh, kurz für «samovilne zalyshennia chastyny»; international AWOL – «absent without leave». Die Ausfälle treffen vor allem die Infanterie: Immer weniger Männer müssen Stellungen immer länger halten. Selbst angeordnete Rotationen sind deshalb schwer umzusetzen (siehe Box).
AWOL, Desertion und Personalnot
Rotation und Logistik
Nazar wurde am 22. Oktober 2025 nach eigenen Angaben auf der Strasse an- und festgehalten und mobilisiert. Nach 52 Tagen Grundausbildung und zwei Wochen «Gewöhnungszeit» kam er als Infanterist an die Front. Militärische Vorerfahrung hatte er keine. «Ich war im Winter 87 Tage auf meiner Position», sagt er.
«An einem Punkt hatten wir während einer Woche weder Essen noch Trinken, es gab schwere Logistikprobleme.» Schliesslich habe eine nahe Drohneneinheit ihnen Lebensmittel gebracht – gegen Bezahlung, wie er sagt. «Es ist klar, dass das Aufgabe der Armee wäre. Aber eben: Der Fisch stinkt vom Kopf.» Er vermutet, dass Kommandanten die Waren für sich behielten oder auf dem Schwarzmarkt verkauften.
Drei Monate Instantnudeln
Wie Nazar war auch Andri Ende 2025 von der Strasse weg eingezogen worden. «Ich habe mich nicht gewehrt», sagt er. Andri kritisiert ähnliche Missstände wie Nazar. «Ich war als Infanterist ununterbrochen über 60 Tage im Schützengraben.» Seine Gesundheit habe gelitten, auch wegen der Versorgung. «Drei Monate lang jeden Tag Instantnudeln – das ist nicht gesund.» Er sei an Diabetes erkrankt, habe dazu mehrere Leistenbrüche davongetragen. «Wasser war nur sieben Kilometer entfernt erhältlich, ich habe viel geschleppt.»
Später sei er im Spital «nur mit Vitaminen behandelt» und wieder auf die gleiche Frontposition geschickt worden. Zu seinem Entschluss, seine Einheit zu verlassen, habe auch das Verhalten der Führung beigetragen: «Der Kommandant war schlicht unmenschlich.»
SIM gewechselt
Er habe erfolglos versucht, die Brigade zu wechseln und als Mechaniker weiterzudienen, sagt Andri. Nach zwei Monaten hatte er genug. Während eines Ausgangs kaufte er sich in einer nahen Stadt ein Motorrad. «Um 9 Uhr fuhr ich von unserer Position los, um 19 Uhr war ich zuhause», sagt Andri.
Danach habe er die SIM-Karte gewechselt. Seinen Wohnort habe die Armee nie erfahren – «sie hatten es bei der Strassenmobilisierung zu eilig, meine Personalien vollständig aufzunehmen».
«Ich fühle Scham»
Wer aus der Armee weggeht, verschärft den Personalmangel an der Front und erschwert die Ablösung jener, die weiterkämpfen. Über Männer, die sich dem Militärdienst ganz verweigern, sagt Andri dennoch: «Ich kann über keinen urteilen, der nicht sterben will. Es ist komplex.»
Auch Nazar, der im Krieg seinen Bruder verloren hat, kennt das Dilemma. «Ich fühle Scham, dass ich das Militär unerlaubt verlassen habe», sagt er. «Gleichzeitig nütze ich tot niemandem etwas – weder dem Land noch meiner Familie.»
«Wir normalen Leute sind am Kämpfen»
Beide Männer kritisieren ein System, das Soldaten monatelang in Stellungen lasse und Erschöpfung, Traumata und Krankheiten ignoriere. «Befehle werden von Leuten erteilt, die nicht an der Frontlinie sind», sagt Andri. «Sie lassen dich mit ihren Entscheidungen hängen, wenn man im Schützengraben in Schwierigkeiten steckt.»
Schon ein verlässlicher Rhythmus von 14 Tagen Einsatz und zehn Tagen Erholung hätte seinen Entscheid verändert: «Wenn man nur schon das berücksichtigt hätte, wäre ich wohl nicht geflohen», sagt Andri.
Nazar formuliert seine Kritik schärfer: «Die Kommandanten wissen, wohin sie die Soldaten schicken und dass es für viele ein Ein-Weg-Ticket ist.» Er empfindet den Krieg zunehmend als Klassenfrage und Stunde der Korrupten.
«Wir Normalos und die Armen sind am Kämpfen, aber letztlich verteidigen wir die Interessen der Reichen im Land. Wo sind denn die Kinder der Politiker und Geschäftsmänner? Sie haben sich freigekauft, sind im Ausland und nicht an der Front.»
Zurück zur Armee?
Trotz allem schliesst keiner der beiden eine Rückkehr ins Militär aus. «Wahrscheinlich werde ich mich wieder melden, denn der Krieg endet nicht so bald», sagt Nazar.
Bis zum 20. September bietet das ukrainische Verteidigungsministerium bestimmten AWOL-Soldaten eine vereinfachte Rückkehr an. Berechtigte können eine von mehr als 70 Einheiten wählen und eine gewünschte Tätigkeit angeben. Die konkrete Stelle und Straffreiheit sind nicht garantiert (siehe Box).
«Ich kann mich nicht ewig verstecken»
Weder Andri noch Nazar trauen der Sache richtig, das klinge nur auf dem Papier gut, sagen beide. «Ich weiss, dass ich mich nicht ewig verstecken kann», sagt Andri. Aber er wolle eine Aufgabe, in der er trotz seiner Krankheiten nützlich sein könne.
Er hat sich nach eigenen Angaben bei mehreren Brigaden als Mechaniker oder dann für eine Verwaltungsstelle beworben – bisher ohne Antwort. Andri sagt: «Wir müssen das Land verteidigen. Aber wir müssen ändern, wie wir das tun.»
Warum riskieren sie das Gespräch mit 20 Minuten? Unabhängig geben beide voneinander an, auf die Missstände im System, die fehlende Rotationen, mangelhafte Logistik und Versorgung sowie «unmenschliche» Entscheidungsträger aufmerksam machen zu wollen – und so ihren Kameraden an der Front möglicherweise zu helfen.
* 20 Minuten hat die Namen «Nazar» und «Andri» geändert; ihre Frontberichte lassen sich nicht vollständig unabhängig überprüfen.
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Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
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