«Keiner geht mit dem Ziel zur Arbeit, Minderjährige zu verletzen»

- Bei den Schülerprotesten in Frankreich werden mehrere Jugendliche schwer verletzt. Ein 15-Jähriger verliert in Lens eine Hand, ein 16-Jähriger wird in Tours schwer am Auge verletzt.
- Bis Freitag registrieren die Behörden 6877 Festnahmen, darunter 5890 Minderjährige. Im Zusammenhang mit den Polizeieinsätzen laufen 24 Untersuchungen der Polizeiaufsicht IGPN.
- Polizeisprecherin Agathe Foucault erklärt gegenüber 20 Minuten, wann die Polizei bei Blockaden eingreift – und weshalb sie das Vorgehen der Einsatzkräfte für notwendig und verhältnismässig hält.
Ein 15-Jähriger verliert in Lens eine Hand, ein 16-Jähriger wird in Tours schwer am Auge verletzt. Gleichzeitig berichten Jugendliche von Tränengas, Polizeischlägen und harten Festnahmen. Die Polizeieinsätze bei den Protesten gegen die Zustände an Frankreichs Schulen sorgen zunehmend für Kritik.
Die Bilanz ist beträchtlich: Bis Donnerstag, 17 Uhr, wurden 6877 Personen in Polizeigewahrsam genommen, 86 Prozent davon Minderjährige. Seit Beginn der Proteste wurden mehr als 200 Schülerinnen und Schüler sowie mehr als 800 Polizisten und Gendarmen verletzt. Wegen mutmasslichen Fehlverhaltens von Einsatzkräften laufen zudem 24 Untersuchungen der Polizeiaufsicht IGPN.
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«Auch friedliche Blockaden können aufgelöst werden»
20 Minuten hat in Paris und den Vorstädten mit Jugendlichen, Eltern und Lehrpersonen gesprochen. Viele kritisieren das harte Vorgehen der Polizei. Doch wie sieht die Gegenseite die Situation? Polizeisprecherin Agathe Foucault nimmt gegenüber 20 Minuten Stellung.
Frau Foucault, wir haben friedliche Schulblockaden erlebt. Anderswo griff die Polizei ein. Weshalb?
Agathe Foucault: «Es gibt zwei Situationen, in denen wir eingreifen. Erstens, wenn uns die Schulleitung darum bittet, den Zugang freizumachen. Dann greifen wir auch ein, wenn es keine Gewalt oder Sachbeschädigung gibt. Zweitens, wenn es zu Gewalt oder Zerstörungen kommt.»
Was macht diese Protestbewegung für die Polizei besonders schwierig?
«Es ist ein sehr junges Publikum, das massiv über soziale Netzwerke kommuniziert. Teilweise hat es in einer einzigen Stadt für einen Morgen bis zu 300 Aufrufe zu verschiedenen Versammlungen gegeben. Für die Police nationale ist es schwierig, um sechs Uhr morgens gleichzeitig an 300 Orten zu sein.»
«Wir müssen unterscheiden zwischen Jugendlichen, die ihre Meinung äussern und solchen, die Straftaten begehen.»
Weshalb enden ursprünglich friedliche Proteste teilweise in gewaltsamen Auseinandersetzungen?
«Das Problem ist, dass sich unter die Schülerinnen und Schüler Personen mischen, die gar nicht demonstrieren wollen, sondern Zerstörungen anrichten. Bei Kontrollen finden wir brennbare Flüssigkeiten, Material zur Vermummung und Gegenstände, mit denen Feuer gelegt werden kann. Wir müssen zwischen Jugendlichen unterscheiden, die ihre Meinung äussern, und jenen, die Straftaten begehen.»
Kann ein Polizeieinsatz selbst eine Situation eskalieren lassen?
«Das ist nicht unser Ziel. Vor einem Gewalteinsatz fordern die Beamten die Menschen mehrfach auf, den Ort zu verlassen. Wenn ein Schüler diese Durchsagen hört, sollte er nicht mehr dort stehen, wenn die Polizei vorgeht.»
Sie haben erklärt, die Polizeieinsätze seien notwendig und verhältnismässig. Bleiben Sie angesichts der schwer verletzten Jugendlichen dabei?
«Ja. Notwendig bedeutet, dass wir Gewalt anwenden müssen, um eine Straftat oder eine Störung der öffentlichen Ordnung zu beenden. Verhältnismässig bedeutet, dass wir abgestuft und mit Augenmass vorgehen. Die schweren Verletzungen sind keineswegs zufriedenstellend. Viele Polizisten sind selbst Väter und Mütter. Niemand geht mit dem Ziel zur Arbeit, Minderjährige zu verletzen.»
Was ist für Sie ein erfolgreicher Polizeieinsatz?
«In erster Linie einer, bei dem niemand verletzt wird. Weder Demonstrierende noch Polizisten. Am besten funktioniert der Dialog. 90 Prozent der Demonstrationen in Frankreich verlaufen ohne Zwischenfälle. Gleichzeitig ist die Zahl der verletzten Jugendlichen zu relativieren. Die Mehrheit verletzt sich selbst, etwa bei Stürzen von Bushaltestellen oder Fahrzeugen, oder wird von anderen Jugendlichen verletzt.»
Nach der schweren Verletzung des 15-Jährigen in Lens wurde der Einsatz bestimmter Schockgranaten ausgesetzt. Unterstützen Sie diesen Entscheid?
«Wir sind eine hierarchisch organisierte Institution und befolgen die Anweisungen. Der Minister hat die Granate für die Dauer der Untersuchung ausgesetzt. Also werden wir anders arbeiten.»
«Der Einsatz von Tränengas ist notwendig und verhältnismässig.»
Und Tränengas gegen 15- oder 16-Jährige, ist das verhältnismässig?
«Das ist notwendig und verhältnismässig. Wenn Personen in eine Schule eindringen und ein Schulleiter die Polizei um Hilfe bittet, muss diese handeln. Entweder greifen wir mit körperlicher Gewalt direkt ein oder wir setzen Mittel wie Tränengas ein, um die Menschen aus der Distanz zu zerstreuen.»
Was erleben die Einsatzkräfte selbst?
«Heute Morgen (Freitag, die Red.) waren wir bei 650 verletzten Polizisten. Darunter sind auch schwere Verletzungen. In Belfort wurde ein Polizist zu Boden geworfen und ins Gesicht geschlagen. Fünf Verdächtige sind festgenommen worden. Auch Familien von Polizisten werden bedroht. Eine Schülerin hat Morddrohungen erhalten, weil ihr Vater Polizist ist.»
Wie ist es für Polizisten, gegen Jugendliche vorgehen zu müssen?
«Wir greifen nicht gegen die Jugendlichen ein, sondern sind bei ihnen im Einsatz. Die Polizei stellt sich nicht gegen die Jugend. Wir bekämpfen Personen, die Straftaten begehen.»
Wie beurteilst du den Einsatz von Tränengas und harter Polizei bei Schülerprotesten?
Jugendliche aus den Pariser Vorstädten sagen, die Polizei gehe dort härter vor als an privilegierten Schulen. Stimmt das?
«Das ist völlig falsch. Die Polizei greift in Paris genauso ein wie in Rochefort: entweder auf Anfrage der Schulleitung oder bei Gewalt und Sachbeschädigungen. Das Gesetz ist überall dasselbe.»
Was sagen Sie einem 16-Jährigen, der friedlich demonstriert und inzwischen Angst vor der Polizei hat?
«In Frankreich ist das Demonstrationsrecht ein verfassungsmässiges Recht, das die Polizei schützt. Jugendliche sollten sich jedoch von gewaltbereiten Personen distanzieren und polizeilichen Aufforderungen Folge leisten.»
Foucault kritisiert zudem, dass Videos von Polizeieinsätzen häufig ohne Kontext verbreitet würden. «Eine Polizeiaktion dauert oft mehrere Stunden. Gezeigt werden aber nur wenige spektakuläre Sekunden.» Für die Polizeisprecherin ist klar: Die Beamten seien nicht da, um Schülerproteste zu verhindern. «Wir sind da, um zu schützen.»
Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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