Der «Weltuntergangsgletscher» schmilzt schneller als gedacht

- Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis könnte den Meeresspiegel stärker ansteigen lassen als bisher angenommen.
- Laut einer neuen Studie dringt warmes Meerwasser über mehrere Kilometer unter das Eis und beschleunigt die Schmelze.
- Bis 2100 könnte der Gletscher rund drei Zentimeter beitragen, doppelt so viel wie bisher berechnet.
- Für 2028 planen die Forschenden eine Expedition, bei der Messinstrumente direkt am Gletscher eingesetzt werden.
Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis könnte den Meeresspiegel deutlich stärker ansteigen lassen als bisher berechnet. Eine neue Studie zeigt, dass warmes Meerwasser das Eis von unten schneller abschmilzt. Die Forscher warnen deshalb vor grösseren Überschwemmungsrisiken für Küstenregionen weltweit.
Wie CNN berichtet, haben Wissenschaftler der University of California, Irvine, und des Jet Propulsion Laboratory der Nasa ein neues Computermodell entwickelt. Ihre Ergebnisse wurden im Fachjournal «Nature Communications» veröffentlicht.
Meerwasser dringt tief unter das Eis
Der Thwaites-Gletscher ist mit einer Fläche von 192’000 km² rund fünfmal so gross wie die Schweiz. Er gilt als breitester Gletscher der Erde. Wegen der möglichen Folgen seines Zusammenbruchs wird er inoffiziell auch als Doomsday Glacier, also Weltuntergangsgletscher, bezeichnet.
Schon heute trägt sein schmelzendes Eis rund vier Prozent zum weltweiten Meeresspiegelanstieg bei. Besonders problematisch ist, was unter dem Gletscher geschieht. Dort, wo das Eis den Meeresboden verlässt und zu schwimmen beginnt, dringt durch die Gezeiten immer wieder relativ warmes Meerwasser unter den Gletscher.
Bisherige Modelle hätten diesen Vorgang nur unzureichend berücksichtigt. Die neue Untersuchung zeigt nun, dass das Wasser über mehrere Kilometer unter das Eis gelangen und dort die Schmelze beschleunigen kann.
Doppelt so hoher Meeresspiegelanstieg möglich
Die Forscher kommen zum Schluss, dass der Thwaites-Gletscher bis zum Jahr 2100 rund drei Zentimeter zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen könnte. Das wäre doppelt so viel wie bisher angenommen. Dieses Szenario ist laut der Studie selbst ohne zusätzliche globale Erwärmung möglich.
Zudem bestehe den Berechnungen zufolge eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent, dass sich der Gletscher bis Ende des Jahrhunderts von einem wichtigen Unterwasserrücken löst, der ihn derzeit stabilisiert. Danach könnte sich das Eis deutlich schneller zurückziehen.
Im Extremfall drohen mehrere Meter
Sollte der Thwaites-Gletscher vollständig zusammenbrechen, könnte der Meeresspiegel langfristig um mehr als 60 Zentimeter steigen. Weil er auch andere grosse Eismassen der Westantarktis zurückhält, könnte deren zusätzlicher Verlust insgesamt einen Anstieg von rund drei Metern ermöglichen.
Das wäre eine erhebliche Gefahr für Küstenstädte weltweit. Allerdings handelt es sich dabei um langfristige mögliche Folgen und nicht um eine Prognose bis 2100.
Forschende wollen unter den Gletscher
Unabhängige Wissenschaftler bezeichnen die neuen Ergebnisse als möglicherweise wegweisend. Gleichzeitig verweisen sie darauf, dass noch viele Fragen offen seien.
Besonders schwierig sei die Erforschung der Vorgänge unter dem Eis. Deshalb planen die Wissenschaftler für 2028 eine Expedition, bei der Messinstrumente direkt am Gletscher eingesetzt werden sollen.
Studienautor Eric Rignot fordert zudem eine rasche Verringerung der Treibhausgasemissionen. Doch selbst dann müsse die Welt wegen der bereits eingetretenen Veränderungen mit einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels rechnen.
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Jonas Bucher ist Blattmacher und stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks bei 20 Minuten. Er ist seit 25 Jahren in der Medienbranche tätig und 20 Minuten stets treu geblieben.
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