«Würde heute eine Lehre machen»: Masterabgänger finden keine Jobs

- Ein Absolvent der Uni Zürich findet vier Jahre nach seinem Master keine Festanstellung in seinem Fachgebiet.
- Sein Youtube-Video löst über 2000 Kommentare aus, viele Betroffene schildern ähnliche Erfahrungen.
- Laut Seco waren im Juli 2026 knapp 18'500 Personen mit Masterabschluss beim RAV als arbeitslos registriert – so viele wie nie seit 2010.
«Ich habe ein komplett nutzloses Masterdiplom»: Ein junger Schweizer erzählt in einem viral gegangenen Youtube-Video, dass er vor vier Jahren an der Universität Zürich einen Master in Data Science, Statistik und Politik abgeschlossen habe. Eine Festanstellung in seinem Fachgebiet habe «Oiviredet» seither nicht gefunden. Stattdessen habe er als Velokurier, Essenslieferant und Callcenter-Mitarbeiter gearbeitet. Das RAV habe ihm erklärt, dass er vor allem die richtigen Leute kennen müsse, um in der Branche Fuss zu fassen.
20 Minuten hat versucht, den jungen Mann zu kontaktieren, bislang jedoch ohne Erfolg. Mit seinen Erfahrungen ist er aber nicht allein. Unter den mehr als 2500 Kommentaren berichten zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer von ähnlichen Schwierigkeiten bei der Jobsuche. Einer, dem es ähnlich geht, ist Alexander (26) aus dem Aargau.
Vor einem Monat hat er seinen Master in Biologie an der ETH Zürich abgeschlossen. Seit drei Monaten sucht er nach einem Job – bisher erfolglos. «Der Bewerbungsprozess fühlt sich fast wie das Ausfüllen eines Lottoscheins an», sagt er. Auf die wenigen Einstiegsstellen würden sich teilweise mehrere Hundert Personen bewerben. Alexander will in die Pharmaindustrie, etwa zu Roche, Novartis oder Lonza. Viele seiner Studienkollegen würden stattdessen ein Doktorat anstreben, weil die Stellensuche im akademischen Umfeld einfacher sei.
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«Man soll sich gut überlegen, ob man heute noch studieren will»
Inzwischen sucht Alexander auch nach Übergangslösungen, etwa einem Teilzeitjob im Detailhandel. «Ich will etwas tun, nicht nur zu Hause rumsitzen.» Der Vergleich mit früheren Mitschülern, die eine Lehre absolviert haben, beschäftigt ihn. «Während ich noch bei meinen Eltern wohne und kaum Berufserfahrung vorweisen kann, haben andere bereits zehn Jahre Berufserfahrung gesammelt, sich beruflich etabliert und ein eigenständiges Leben aufgebaut.»
Noch sei der 26-Jährige zuversichtlich, doch die Absagen und ausbleibenden Rückmeldungen setzten ihm zunehmend zu. Sein Fazit: «Man soll sich gut überlegen, ob man heute noch studieren will. Denn: Ein Uniabschluss ist längst keine Garantie mehr für bessere Berufsaussichten, höhere Jobsicherheit oder eine bessere finanzielle Situation in der Zukunft. Ich würde heute eine Lehre machen.»
Das sagt die Universität Zürich
Juli 2026: 18’500 Personen mit Masterabschluss waren beim RAV
Dass die Schwierigkeiten über Einzelfälle hinausgehen, zeigen auch die Zahlen. Im Juli 2026 waren laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) knapp 18’500 Personen mit einem Masterabschluss arbeitslos – so viele wie seit Beginn der Erhebung 2010 noch nie. Drei Jahre zuvor waren es noch rund 9000. Zwischen 2023 und 2025 stieg die Erwerbslosenquote unter Masterabsolventinnen und -absolventen von 3,9 auf 6,4 Prozent, bei Personen mit einem Bachelorabschluss von 3,4 auf 4,9 Prozent.
Besonders stark betroffen sind Personen mit einem Master in Technischen Wissenschaften: von 2,1 auf 4,8 Prozent. In den Wirtschaftswissenschaften erhöhte sie sich von 3,5 auf 8,5 Prozent, in den Geistes- und Sozialwissenschaften von 5,1 auf 8,5 Prozent. Am höchsten ist die Erwerbslosigkeit in den künstlerischen und kreativen Bereichen.
Deutlich besser stehen Absolventinnen und Absolventen Pädagogischer Hochschulen da: Ihre Erwerbslosenquote liegt bei 0,7 Prozent. Auch in Gesundheit und sozialer Arbeit bleibt sie unter 2 Prozent.
Fehlende Berufserfahrung erschwert die Jobsuche
Zudem finden immer mehr Hochschulabsolventinnen und -absolventen keine Stelle, die ihren Vorstellungen entspricht. Bei Personen mit Uni-Master stieg dieser Anteil zwischen 2022 und 2024 von 30 auf 44,1 Prozent. Das häufigste Hindernis bei der Stellensuche bleibt die fehlende Berufserfahrung.
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Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.
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