«War völlig am Ende»: Wie Mirjana nach Mobbing neuen Mut fasst

- Mirjana Murer (34) wurde als Schülerin mehrere Jahre lang von ihrer ganzen Klasse gemobbt.
- Eine Kung-Fu-Schule gibt ihr Akzeptanz, Sicherheit und neues Selbstvertrauen zurück.
- Trainerin und Lehrerin Paula Kugler betont, dass bei Mobbing zuerst Schule und Lehrpersonen informiert werden müssen.
Zehn Minuten steht Mirjana Murer vor einer Tür. Zehn Minuten, in denen sie mit sich ringt, ob sie wirklich hineingehen soll. Hinter der Tür befindet sich eine Kung-Fu-Schule. Für die damals völlig verunsicherte Schülerin ist schon dieser kleine Schritt eine riesige Überwindung. Was sie noch nicht weiss: Er wird ihr Leben verändern.
«Es gab Anstifter, aber gemobbt wurde ich von der ganzen Klasse», erzählt die heute 34-Jährige gegenüber 20 Minuten. Jahrelange Anfeindungen hinterlassen tiefe Spuren: Mirjana wird immer stiller, zieht sich zurück und verliert zunehmend das Vertrauen in sich selbst. «Auch mein Selbstwert hat stark darunter gelitten.»
Ein Erlebnis während der Sommerferien weckt neue Hoffnung. Zufällig sieht sie eine Kung-Fu-Aufführung und ist sofort fasziniert. «Ich war beeindruckt von der Kraft, den Bewegungen und dem Zusammenhalt. Für mich stand sofort fest: Das will ich auch machen.»
Ein Ort, an dem sie sich sicher fühlt
Als Mirjana eine Woche später über die Schwelle der SKEMA-Schule tritt, erlebt sie etwas, was für andere selbstverständlich ist: Akzeptanz. «Ich wurde einfach so angenommen, wie ich bin. Und das war genug», erinnert sie sich.
In der Kampfkunst entdeckt sie, was ihr durch das Mobbing lange gefehlt hat: Sicherheit und Vertrauen in sich selbst. «Zum ersten Mal musste ich mich nicht beweisen und hatte das Gefühl, dass ich etwas gut mache.» Mit jedem Training wächst nicht nur ihr Können, sondern auch ihr Selbstbewusstsein. Sie lernt, ihrem Körper und ihren Fähigkeiten zu vertrauen.
Dabei geht es nicht darum, sich mit Gewalt gegen andere durchzusetzen. Im Gegenteil: Die Kampfkunst lehrt sie, auch in schwierigen Situationen die Ruhe zu bewahren. «Aggression und Wut sind dabei genauso hinderlich wie Angst», erklärt sie. Gegenseitige Rücksichtnahme und Respekt seien zentrale Bestandteile der Kampfkunst.
Für Murer bedeutet Kung Fu deshalb weit mehr als körperliches Training. Es ist ein Weg, die eigene Persönlichkeit zu entdecken und zu stärken. Aus dem Mädchen, das sich kaum durch eine Tür traute, ist eine Frau geworden, die Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gefunden hat.
Warum Kampfkunst Kindern helfen kann
Dass solche Erfahrungen gerade für Kinder wertvoll sein können, weiss auch Paula Kugler (30). Sie ist Unterstufenlehrperson und unterrichtet gleichzeitig Kung Fu. Aus ihrer pädagogischen Perspektive sieht sie in der Kampfkunst eine Möglichkeit, Kinder von innen heraus zu stärken.
«Kinder lernen, Grenzen zu setzen und Raum einzunehmen», erklärt sie. Gleichzeitig würden Empathie und Rücksichtnahme gefördert. Es gehe also keineswegs darum, sich gegenüber anderen körperlich zu behaupten.
Ein wichtiger Bestandteil sei die Atmung. Kinder lernen, ihre Emotionen wahrzunehmen und sich selbst zu regulieren. «Kampfkunst macht friedlich», sagt Kugler.
Kinder stärken, Erwachsene in die Pflicht nehmen
Dabei betont sie ausdrücklich, dass Kung Fu kein Ersatz für das Eingreifen von Erwachsenen ist. Bei Mobbing müssten in erster Linie die Lehrpersonen und die Schule informiert werden. Die Verantwortung, das Mobbing zu stoppen, liege nicht beim betroffenen Kind.
Hat dir Sport schon einmal durch eine schwierige Lebensphase geholfen?
Was die Kampfkunst hingegen bieten könne, sei ein geschützter Raum, in dem Kinder neue Erfahrungen sammeln, Selbstvertrauen entwickeln und Gemeinschaft erleben. «Das Schönste für mich als Trainerin ist es, zu sehen, wie schnell schüchterne Kinder aufblühen und Anschluss finden», erzählt Kugler.
Auch Mirjana ist aufgeblüht und steht an den SKEMA Open Doors am 24. Oktober nun sogar selbst auf der Bühne, um ihre Begeisterung für ebendiese Kunst, die vor Jahren ihr Leben verändert hat, weiterzutragen und Mobbing-Betroffenen Hoffnung zu machen.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-) Mobbing betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Clickandstop.ch, Online-Meldestelle der Stiftung Kinderschutz Schweiz
Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)
Céline Eicher (eic), Jahrgang 1996, arbeitet seit 2026 für 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Ressort Sport.
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