The Daily Newsstand · Free, Always
Monday, September 14, 2026

Dichtestress auf dem See – «Die Leute haben keine Ahnung von den Regeln auf dem See»

Translate

Die Rekordhitze zieht besonders viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen aufs Wasser. «Der Zürichsee ist im Hochsommer wie ein Freizeitpark. Halligalli mit Mietbötchen und Pedalos», sagt Adrian Gerny, der seit 18 Jahren als Berufsfischer auf dem See unterwegs ist. Je voller der See ist, desto häufiger kommt es zu brenzligen Situationen.

Die können ja auch keine Ahnung haben, weil sie keine Prüfung machen müssen.

Auch an diesem sonnigen Nachmittag wird Gerny beim Auswerfen der Fischernetze immer wieder gestört. Ein Motorboot nähert sich mit hoher Geschwindigkeit seinem Boot. Gerny versucht, den Kapitän des Sportbootes mit einer Handbewegung auf sich aufmerksam zu machen – vergebens. Das Motorboot fährt ungebremst über das sinkende Netz.

Anfang Bildergalerie

Bildergalerie überspringen

  • Bild 1 von 2. Ein Motorboot nähert sich in hoher Geschwindigkeit dem Fischernetz von Adrian Gerny. Die Schiffsschrauben können grosse Schäden bei den Netzen anrichten. Bildquelle: SRF.

    Person in orange Weste steht auf einem Boot auf See mit weiteren Booten und Hügeln im Hintergrund.
  • Bild 2 von 2. Adrian Gerny arbeitet in der Hochsaison von Juni bis September bis zu 100 Stunden für seinen Betrieb. In den frühen Morgenstunden, wenn er seine Netze einholt, ist es meist noch dunkel. Bildquelle: SRF.

Ende der Bildergalerie

Zurück zum Anfang der Bildergalerie.

Das Problem: Die Schiffsschrauben der Motorboote können die Fischernetze beschädigen. So entstehen Adrian Gerny jährlich Schäden von 15’000 bis 20’000 Franken. Dabei gäbe es klare Vorschriften: Zu Fischerbooten beispielsweise müssen andere Verkehrsteilnehmer 200 Meter Abstand hinten und 50 Meter seitlich und vorne einhalten.

«Haarsträubende Situationen»

Gerny vermutet, dass gerade die Mieterinnen und Mieter von kleinen Motorbooten bis 8 PS die Regeln nicht kennen: «Die können ja auch keine Ahnung haben, weil sie keine Prüfung machen müssen.» Und die Leute könnten auf dem Wasser die Distanzen schlecht einschätzen. Das führe zu haarsträubenden Situationen.

So seien bereits Personen zehn Meter hinter seinem Boot ins sinkende Netz geschwommen. Das kann verheerend enden. Das Netz zieht die Schwimmerinnen und Schwimmer in die Tiefe, wenn sie sich darin verheddern und sich nicht rechtzeitig befreien können.

«Eine Frage der Zeit, bis jemand in einen Propeller gerät»

Box aufklappen Box zuklappen

Freizeitaktivitäten haben laut mehreren Schifffahrtsgesellschaften und der Wasserschutzpolizei der Stadt Zürich auf praktisch allen grösseren Seen in der Schweiz zugenommen. In den letzten Jahren seien mehr Stand-up-Paddles, Pumpfoils, Kajaks und auch mehr Schwimmerinnen und Schwimmer zu beobachten. Konflikte entstehen vor allem dort, wo dieselben Wasserflächen gleichzeitig genutzt werden – etwa bei Hafen- und Steganlagen oder in den Fahrrinnen der Kursschiffe.

Mangelnde Kenntnis der Regeln

Besonders kritisch wird die Situation bewertet, wenn Sportgeräte ohne Fahrausbildung oder Einweisung genutzt werden. So stellt die BLS Schifffahrt AG (Thunersee) fest, dass sich die Lage trotz früherer Sensibilisierungskampagnen des Bundesamtes für Verkehr weiter verschärft hat: Während Mietbetriebe Kundinnen und Kunden instruieren, bestellen immer mehr Menschen Sportgeräte online und begeben sich ahnungslos auf den See.

Dass dies verheerende Folgen haben kann, unterstreichen jüngste Beinahe-Unfälle. Am Thunersee befanden sich Schwimmer und Taucher unbemerkt nur knapp einen Meter von drehenden Schiffspropellern entfernt. Silvan Paganini, Leiter Nautik bei der BLS Schifffahrt AG, zitiert einen langjährigen Kapitän: «Wenn es so weitergeht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis eine Person in einen Propeller gerät.»

Trägheit der Schiffe wird unterschätzt

Auch die CGN (Genfersee) sowie die Schifffahrt Vierwaldstättersee betonen, dass viele Freizeitnutzer die physikalischen Eigenschaften von Grossschiffen unterschätzen. Ein Kursschiff benötigt rund 150 Meter Bremsweg. Um Unfälle zu vermeiden, müssen Kapitäne regelmässig Notstopps einlegen, abbremsen oder abdrehen, was wiederum Auswirkungen auf die Fahrpläne hat.

Prävention vor Anzeigen

Trotz täglicher Interventionen bleiben formelle Anzeigen selten. Die Seepolizei der Kantonspolizei Zürich sowie die Schifffahrtsgesellschaften setzen primär auf Präsenz, Aufklärung und das direkte Gespräch. Das Miteinander funktioniert nur, wenn alle Akteure ihre Eigenverantwortung wahrnehmen, Schifffahrtsregeln kennen und eine defensive Fahrweise an den Tag legen.

In warmen Sommernächten oder Vollmondnächten beobachtet der Fischer zudem ein neues Phänomen: Stand-up-Paddler gehen um zwei Uhr morgens auf den See und sehen sich den Sternenhimmel an, «oder warten auf die göttliche Eingebung», so Gerny. Sie hätten kein Licht dabei und er habe somit keine Chance, diese Leute zu sehen, wenn er in der Nacht seine Netze einholt. Nach der Schweizer Binnenschifffahrtsverordnung (BSV) müssen Stand-up-Paddle-Boards bei Nacht oder schlechter Sicht mit einem weissen Rundumlicht beleuchtet sein.

«Ruderboot wurde halbiert»

Pascale Walker ist ehemalige Profiruderin und trainiert morgens und abends auf dem Zürichsee. Wie so oft im Hochsommer ist der See am Abend wellig und unstet. Ständig schwappt Wasser ins Ruderboot, ihre Bahn wird von Pedalos, Schwimmern und Segelbooten durchkreuzt. «Es ist schwierig, so zu rudern», sagt sie.

Walker sitzt, wie es beim Rudern üblich ist, rückwärts im Boot. «Ich kann nur kurz nach hinten blicken. Vielen Leuten ist nicht klar, dass wir Ruderinnen fast nichts sehen», erklärt die 31‑Jährige. Plötzlich taucht ein Schwimmer hinter ihr auf. Nur dank eines Zeichens der begleitenden Reporterin auf dem Beiboot kann Walker abbremsen und eine Kollision vermeiden.

Wie schnell aus Unachtsamkeit ein Schockmoment werden kann, hat Walker selbst erlebt. Ein Segelschiff, das parallel zu ihrem Boot fuhr, änderte überraschend den Kurs und überfuhr ihr Ruderboot. Das Sportgerät wurde komplett halbiert – dass niemand verletzt wurde, war ein grosses Glück. Rechtlich bekam die Besatzung des Segelschiffs allerdings recht, denn auf dem See gilt die Vortrittsregel: Wind vor Muskelkraft.

So verhalten Sie sich richtig auf dem See

Box aufklappen Box zuklappen

Das Bundesamt für Verkehr fasst die wichtigsten Verhaltensregeln für Wassersportlerinnen und -sportler zusammen:

1. Abstand zu Kursschiffen halten, insbesondere in deren Fahrtrichtung. Kursschiffe haben Vortritt und sind schwer manövrierbar.

2. Mit mindestens 100 Metern Abstand von Landestellen schwimmen.

3. Machen Sie sich sichtbar, z.B. mit Schwimmbojen.

4. Auf dem Boot, bzw. Schiff nachts und bei schlechter Sicht Lichter anschalten.

5. Vor Tauchgängen die weiss-blaue Tauchtafel installieren. Bewegen Sie sich stets ausserhalb von Schiffs-Fahrlinien.

Das Grundproblem auf dem Wasser unterscheidet sich kaum vom Verkehr auf der Strasse: Viele Menschen mit völlig unterschiedlichen Interessen teilen sich denselben Raum. Doch auf dem Wasser fehlen Fahrspuren, Ampeln und Stoppschilder und die Verkehrsregeln sind vielen nicht bekannt.

Regelmässige Notbremsungen

Auch für Chefkapitän Marco Pfister wird der volle See zur Herausforderung. Er steuert mit 60 Metern Länge eines der grössten Schiffe auf dem Zürichsee. Bei voller Fahrt hat es einen Bremsweg von rund 150 Metern. Regelmässig muss Pfister trotz gesetzlichem Vortritt ausweichen oder Notbremsungen einleiten, um Unfälle mit Freizeitsportlern zu verhindern.

Der See gehört niemandem allein. Es gibt Regeln, die man einhalten muss.

Ständig hält er Ausschau nach anderen Verkehrsteilnehmern oder Freizeitsportlerinnen, die dem Kursschiff zu nahe kommen könnten. «Da fährt ein Surfer direkt vor das Schiff. Wenn der jetzt umfällt, muss ich einen Notstopp einleiten», sagt er. Wenig später kreuzt ein Segelboot seine Fahrrinne. Pfister gibt ein Schallsignal ab. Ein solches akustisches Warnsignal darf nur bei drohender Gefahr gegeben werden. Im Hochsommer, so Pfister, geschehe das mehrmals täglich. «Die Leute können zum Teil recht egoistisch sein. Der See gehört niemandem allein. Es gibt Regeln, die man einhalten muss – dafür sind sie da.»

Anfang Bildergalerie

Bildergalerie überspringen

  • Bild 1 von 3. Der Chefkapitän der Zürcher Schifffahrtsgesellschaft, Marco Pfister, erlebt im Hochsommer fast täglich brenzlige Situationen mit anderen Verkehrsteilnehmern und Freizeitsportlerinnen auf dem See. Bildquelle: SRF.

  • Bild 2 von 3. Das grösste Kursschiff der ZSG ist 60 Meter lang und hat einen Bremsweg von 150 Metern. Chefkapitän Marco Pfister muss immer wieder mal Notstopps einleiten. Bildquelle: SRF.

  • Bild 3 von 3. Die Freizeitaktivitäten haben auf den grösseren Schweizer Seen in den letzten Jahren zugenommen. Bildquelle: SRF.

Ende der Bildergalerie

Zurück zum Anfang der Bildergalerie.

Ein extrem brenzliger Fall ereignete sich bei der Halbinsel Au: Vor dem Steg stiegen plötzlich Luftblasen von Tauchern auf. Tauchflaggen waren keine zu sehen. Um die Menschen im Wasser nicht zu gefährden, musste Marco Pfister die Landung sofort abbrechen und das Schiff in den See steuern.

Die Polizei zieht er in heiklen Situationen selten bei: «Wir können nicht wegen jedem Pumpfoiler, der zu nah beim Schiff ist, oder wegen jedem Pedalo, das im Weg steht, die Polizei rufen. Dann wären wir den ganzen Tag am Telefon.» Zuerst werde das Gespräch gesucht. Die Pumpfoil-Community des Zürichsees steht beispielsweise in Kontakt mit der Schifffahrtsgesellschaft und tauscht sich untereinander online über die Vorschriften und Empfehlungen auf dem See aus.

Berufsfischer Adrian Gerny, Ruderin Pascale Walker und Schiffskapitän Marco Pfister sind sich einig: Ein sicheres Miteinander auf dem See gelingt nur, wenn alle die geltenden Regeln und Vorschriften kennen und die Seenutzerinnen und -nutzer einander mit Eigenverantwortung, Rücksicht und Respekt begegnen. Dann bleibt der See ein friedlicher Erholungsort für alle.

View the original on SRF News

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.