The Daily Newsstand · Free, Always
Monday, September 21, 2026

Politische Teilhabe für alle – Abstimmen in Leichter Sprache: Lob, aber es gibt Luft nach oben

Translate

In der Schweiz sollen möglichst viele Menschen am politischen Geschehen teilnehmen können. Darum übersetzt etwa der Kanton Zürich seine Abstimmungsunterlagen in Leichte Sprache. So auch für das nächste Wochenende. Dann stimmt die Bevölkerung unter anderem über das Lehrpersonalgesetz ab.

«Lehrpersonen haben zu wenig Zeit für ihre Arbeit. Deshalb will der Kantonsrat neue Regeln. Für die neuen Regeln muss man das LPG ändern. LPG ist die Abkürzung für Lehrpersonalgesetz. Die neuen Regeln kosten viel Geld. Sie kosten jedes Jahr 83 Millionen Franken mehr.»

So vermittelt der Kanton Zürich der Bevölkerung in einfachen Worten, worum es bei der Vorlage geht. Er will damit mehr Menschen an die Urne holen – und ist damit nicht der einzige Kanton. Auch Basel-Stadt, St. Gallen, Thurgau und Schaffhausen wollen so politische Informationen zugänglicher machen.

Nur Digital: Das reicht Behindertenorganisationen nicht

Rahel Schneebeli von der Behindertenorganisation Pro Infirmis kämpft für diese verständlichen Texte und wünscht sich, dass noch mehr Kantone darauf setzen würden. Denn erst dadurch hätten etwa Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen die Möglichkeit, an Abstimmungen teilzunehmen.

Eine Person öffnet das Abstimmungscouvert.
Legende: Mit Abstimmungsinformationen in Leichter Sprache sollen mehr Menschen in der Schweiz Zugang zur Politik erhalten. Keystone/Christian Beutler

Aber nicht nur sie würden profitieren: Auch Menschen mit Konzentrationsproblemen oder einer Leseschwäche seien dankbar für einfache Formulierungen. «Ich höre sogar von vielen Leuten in meinem Umfeld, dass sie lieber die Informationen in Leichter Sprache lesen», erzählt Schneebeli.

Der Kanton Zürich mache hier seit der Einführung vor rund einem Jahr einen sehr guten Job, sagt Schneebeli. Trotzdem sei noch nicht alles perfekt. Die Expertin stösst etwa auf eine digitale Hürde. Im Kanton Zürich gibt es die Leichte Sprache nur online, erreichbar über einen QR-Code im Abstimmungsheft.

Ich höre sogar von vielen Leuten in meinem Umfeld, dass sie lieber die Informationen in Leichter Sprache lesen.

«Das kann für Personen, die mit Websites nicht so geübt sind oder gar keinen Zugang dazu haben, ein Hindernis sein», warnt Schneebeli. Der Kanton Zürich sieht das anders. Man wisse, dass auch Menschen mit Lernbehinderungen Smartphones gut bedienen können, argumentiert ein Sprecher und verweist zudem auf das gesparte Papier.

Keine Änderungen geplant in Zürich und Schaffhausen

In Schaffhausen geht man einen anderen Weg. Der Kanton druckt die Informationen zur Vorlage ab – stellt sie aber auch digital zur Verfügung. Nur: Der Text in Leichter Sprache sei zu weit hinten im Abstimmungsbüchlein versteckt. Es sei jedoch zentral, so Schneebeli, dass die Informationen leicht auffindbar seien. Es wäre deshalb sinnvoll, «dass die Informationen ganz nach vorn kommen».

Der Schaffhauser Vizestaatsschreiber Christian Ritzmann verteidigt die Entscheidung damit, dass aus Sicht des Kantons die offiziellen Erläuterungen zuerst kommen müssten. Immerhin habe man aber die Leichte Sprache vor die reinen Gesetzestexte geschoben.

Studien: Leichte Sprache ist Chance und Risiko

Box aufklappen Box zuklappen

In der Schweiz haben rund 1.25 Millionen Erwachsene (etwa 22 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 16 bis 65 Jahren) spürbare Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Das zeigt eine Studie des Bundesamts für Statistik. Betroffene Personen verstehen meist nur sehr kurze, einfache Texte oder finden gezielte Informationen im Alltag nur dann, wenn diese klar und unkompliziert formuliert sind. Angebote in leichter Sprache sind für sie zentral, um Nachrichten, Gesetze oder Abstimmungsinformationen zu verstehen. Eine Studie der Zürcher Hochschule ZHAW zur Barrierefreiheit belegt, dass sowohl Menschen mit Lernschwierigkeiten als auch Personen mit Deutsch als Zweitsprache von leicht verständlichen Texten profitieren.

Kritiker merken jedoch an, dass die Gefahr einer Vereinfachung besteht, bei der die Deutungshoheit allein beim Übersetzer liegt. Komplexe politische Sachverhalte würden dadurch oft alternativlos dargestellt. Aktuelle sprachwissenschaftliche Untersuchungen von Politikwissenschaftlern zeigen auch, dass einfache politische Aussagen zwar das Verstehen erleichtern, aber gleichzeitig das Risiko bergen, gesellschaftliche Gruppen zu spalten oder Inhalte populistisch zu verkürzen.

Trotz punktueller Lücken: Die Kantone Zürich und Schaffhausen zeigen sich zufrieden. Die Rückmeldungen seien durchweg positiv. Im Moment sehen darum beide Kantone keinen Grund, an der gängigen Praxis etwas zu ändern.

Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 21.9.26, 6:31 Uhr ;  derv;kaip;buec;liea

View the original on SRF News

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.