«Ich will nicht sterben» – was antworten Sie, Kommandant?

Darum gehts
- Oberstleutnant Wolodimir Chaban ist stellvertretender Leiter für psychologische Unterstützung des Personals aus dem territorialen Rekrutierungszentrum (TCK) im Oblast Odessa.
- Er und die TCK-Mitarbeiter erleben im Rekrutierungsprozess täglich Widerstand und Hass. «Mobilisierung ist Gewalt», sagt Chaban.
- Er nimmt Stellung zum Vorwurf, wonach sich die brutalen Rekrutierungsmethoden kaum von der Brutalität Russlands unterscheiden würden.
Mitten in Odessa liegt das territoriale Rekrutierungszentrum, in dem Oberstleutnant Wolodimir Chaban arbeitet. 20 Minuten besuchte ihn in dem Zentrum, von dem wir aus Sicherheitsgründen keine Fotos machen sollten. Wie bei Gesprächen mit Militärstellen im Krieg üblich, wurde das Interview vor der Veröffentlichung von einer übergeordneten Stelle geprüft und unverändert freigegeben.
Chaban spricht über Anfeindungen, Widerstand und darüber, warum Mobilisierung für ihn Gewalt und dennoch unvermeidlich ist. Das Gespräch fand statt, bevor 20 Minuten die Kriegsdienstverweigerer Sascha* und Artom* traf. Zu ihren konkreten Vorwürfen konnte Chaban deshalb nicht Stellung nehmen.
Kommandant Chaban, wie viele Männer hat Ihr Zentrum dieses Jahr einberufen?
Wir erfüllen ausschliesslich die Sollvorgaben, die uns der Generalstab macht.
Mit Verlaub, das klingt wie die Antwort eines Politikers.
Das heisst: Wir berufen genau so viele Männer ein, wie uns die Führung der ukrainischen Armee vorgibt. Zahlen kann ich Ihnen keine nennen.
Sie und Ihre Männer haben wohl den meistgehassten Job im Land. Wie erleben Sie das?
2025 zeichnete mich der Präsident mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj aus. «Held, wir sind stolz auf dich», steht da. Einen Monat später arbeitete ich im territorialen Zentrum, und in den sozialen Medien drohte man mir: «Wir finden dich.» Innerhalb eines Monats wurde ich vom Helden zu einem Menschen, den alle töten wollen.
Ihre Mitarbeiter zwingen Männer in die Armee.
Mobilisierung ist Gewalt. Sie reisst einen Menschen aus seinem gewohnten, warmen Umfeld und bringt ihn dorthin, wo es kalt und hart ist. Deshalb gibt es Widerstand.
Warum machen Sie diese Arbeit?
Sie ist notwendig. Ich war selbst Kommandeur. Wenn eine Einheit Verluste erleidet und niemand die Soldaten ersetzt, bleiben sie weitere hundert Tage auf ihren Positionen. Manche beziehen im Sommer in kurzen Hosen ihre Stellungen und kommen im Winter im Pelzmantel zurück. Ohne neue Soldaten und Reserven würden wir irgendwann auf den Strassen von Odessa gegen die Russen kämpfen.
Videos zeigen Gewalt gegen Einberufene, aber auch Angriffe auf Rekrutierer. Wie gehen Ihre Mitarbeiter damit um?
Viele von ihnen wurden an der Front verwundet und können nicht mehr kämpfen. Ihre Erinnerungen an den Krieg und die Verluste sind frisch. Gleichzeitig erleben sie in relativ sicheren Städten Widerstand. Wir schulen sie darin, zu argumentieren und nicht zu eskalieren.
Kritiker sagen, ihre Methoden unterschieden sich kaum von jenen in Russland.
Die Videos zeigen einzelne Fälle, nicht das ganze System. Konflikte werden von der militärischen Führung, der Polizei und den Ermittlungsbehörden untersucht. Jede Gruppe trägt Bodycams. Ist ein Soldat im Unrecht, drohen Disziplinar- und Geldstrafen oder ein Strafverfahren. Viele Videos zeigen nur die Mitte oder das Ende eines Vorfalls.
Was antworten Sie einem Mann, der sagt: «Ich will nicht sterben»?
Das Ziel eines Soldaten ist, nicht zu sterben. Sein Ziel ist es, den Feind zu töten und zu gewinnen. Sein Leben zu schützen, hat höchste Priorität.
Viele fürchten, als Drohnenpilot ausgebildet zu werden, aber dann mit Gewehr und Schaufel im Schützengraben zu landen.
Letztlich entscheidet das Kommando, wo ein Soldat am wirksamsten eingesetzt wird. Aber niemand schlägt Nägel mit einem Mikroskop ein: Ein guter Mechaniker repariert Technik, ein guter Fahrer wird nicht einfach ans Maschinengewehr gesetzt. Garantieren kann ich das nicht. Die Realität an der Front kann etwas anderes erfordern.
Fragen Männer, was im Todesfall mit ihrer Familie geschieht?
Ja. Wir sagen zuerst: Das wird nicht geschehen. Du wirst gewinnen, zurückkehren und deine Angehörigen umarmen. Wenn es doch geschieht, lässt der Staat die Familie nicht allein. Die anspruchsberechtigten Angehörigen erhalten insgesamt 15 Millionen Hrywnja (umgerechnet rund 273’000 Franken). Bei Verwundungen hängt die Zahlung vom konkreten Fall ab.
Wäre es nicht ehrlicher, gleich offen über den möglichen Tod zu sprechen?
Es wäre psychologisch falsch, jemanden beim Dienstantritt aufzufordern, sein Testament zu schreiben. Die staatliche Unterstützung für ihn und seine Familie wird später erklärt.
«Man kann nicht nach einem Jahr erklären, die Sache sei erledigt, während der Krieg ohne einen weitergeht.»
Männer, die sich verstecken, sagten mir: «Ich würde kämpfen, wenn ich nach zwei Jahren wieder nach Hause kann.» Was antworten Sie ihnen?
Meine persönliche Antwort lautet: bis zum Sieg kämpfen. Es gibt aber befristete Verträge für ein, zwei oder drei Jahre. Wer einen Einjahresvertrag abschliesst, kann danach ins zivile Leben zurückkehren und erhält beispielsweise sechs Monate Aufschub.
Was bedeutet denn «bis zum Sieg»?
Das ist nicht ganz ernst gemeint. Man kann aber nicht nach einem Jahr erklären, die Sache sei erledigt, während der Krieg ohne einen weitergeht.
Führen die befristeten Verträge dazu, dass sich mehr Menschen melden?
Kein Kommentar. Es gibt eine militärische Befehlskette. Deshalb darf ich dazu nichts sagen.
«Die Gesellschaft sieht den Krieg zwiespältiger.»
Was sagen Sie Soldaten, die seit 2022 fragen, wann sie nach Hause können?
Der Mensch ist keine Maschine. Er braucht Erholung. Aber ob und wann die 2022 eingezogenen Soldaten entlassen werden können, kann ich nicht sagen.
2022 standen Freiwillige Schlange. Wie ist die Stimmung heute?
Die Gesellschaft sieht den Krieg zwiespältiger. Viele Menschen sind emotional erschöpft und wünschen sich Ruhe. Hinzu kommen russischer Informationsdruck, Propaganda und Terror gegen die Zivilbevölkerung.
Was lässt Sie noch an den Sieg glauben?
Ich glaube an das ukrainische Volk. Es ist trotz des fünften Kriegsjahres stark und geeint. Mit internationaler Unterstützung werden wir dieses Böse besiegen.
3 Fragen zum Rekrutierungsprozess
Wie ist der Ablauf?
«Zuerst klärt eine ärztliche Untersuchung, ob jemand für den Militärdienst geeignet ist», sagt Oberstleutnant Wolodimir Chaban von der Einberufungs- und Rekrutierungsbehörde TCK. Danach werde geprüft, ob ein Anspruch auf Aufschub besteht – etwa wegen drei oder mehr minderjähriger Kinder oder eines Angehörigen mit Behinderung.
Was, wenn jemand tauglich ist und keinen Aufschub bekommt?
«Menschen ohne militärische Erfahrung absolvieren eine 51-tägige Grundausbildung, danach je nach Funktion eine Fachausbildung», sagt Chaban. «In der Einheit folgt eine 14-tägige Anpassungsphase an die Geräusche, Gerüche und psychische Belastung des Krieges. Erst danach entscheidet der Kommandeur über einen Kampfeinsatz.»
Kann man seine Einheit wählen – auch wenn man nicht freiwillig kommt?
Ja, sagt Chaban. Rekrutierer versuchten, passende Aufgaben anzubieten. Eine Garantie für den späteren Einsatz gebe es jedoch nicht. «Es macht keinen Unterschied, ob jemand selbst kommt oder von der Nationalpolizei gebracht wird», so Chaban. «Unsere Mitarbeiter nehmen niemanden fest, sondern patrouillieren gemeinsam mit der Polizei.»
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
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