Campus-Projekt 2026: Georgien im Mittelpunkt
Tiflis im Juni: Rund 20 junge Musikerinnen und Musiker des Bundesjugendorchesters und des Bundesjugendchores kommen in der georgischen Hauptstadt an. Die Reise führt sie in ein Land, das kulturell eng mit Europa verbunden ist und zugleich von politischen Spannungen geprägt wird. Die Bilder der anhaltenden pro-europäischen Proteste in Tiflis sind ihnen bekannt.
Am Morgen nach ihrer Ankunft treffen die deutschen Musikerinnen und Musiker erstmals auf eine Gruppe junger Georgierinnen und Georgier vom Tbilisi Youth Orchestrasowie Sängerinnen und Sänger der freien Szene. Gemeinsam beginnen sie die Arbeit an einem Konzertprogramm, das beim Campus-Projekt des Beethovenfests Bonn im September präsentiert werden soll.
Auf der Suche nach dem gemeinsamen Klang
Ziel ist es, ein Programm zu entwickeln, das musikalische Traditionen beider Länder miteinander verbindet. Doch zunächst suchen die Musikerinnen und Musiker nach einem gemeinsamen Klang.
"Wir Georgier gelten als heißblütige Südländer mit ungezügelten Emotionen", sagt Mirian Khukhunaishvili, Dirigent und künstlerischer Leiter des Projekts. "Aber kaum hört man deutsche Musik, versteht man, dass die Menschen dort auch voller Emotionen sind. Es gibt nur unterschiedliche Herangehensweisen, wie man diese Emotionen zeigt."

Drei Monate später im September 2026 treffen sich alle Musiker wieder in Deutschland. Nach letzten Proben stehen am 23. und 24. September Konzerte in Bonn und Berlinauf dem Programm. Das Bonner Konzert wird live auf dem YouTube-Kanal DW Classical Musicübertragen.
Mehr als ein Musikprojekt
Für viele Beteiligte hat das Projekt auch eine gesellschaftliche Dimension. "In unserem Konzert geht es um die geopolitische Realität, in der wir leben. Wir wollen unsere Hoffnung auf Europa zeigen, nicht nur die Hoffnung, irgendwo beizutreten, sondern dass dies unsere gemeinsame Heimat ist", sagt Khukhunaishvili. "Die Kernbotschaft ist, dass wir in Georgien die westeuropäischen Werte der Menschenrechte teilen."

Einen Schwerpunkt des Programms bildet ein neues Arrangement des georgischen Komponisten Mika Mdinaradze. Darin verbindet er Beethovens Chor "Europa steht!“ aus der Kantate "Der glorreiche Augenblick" mit traditionellen georgischen Liedern.
"Beethoven bleibt darin natürlich unverwechselbar, während die georgischen polyphonen Strukturen ebenfalls ihre Identität bewahren", beschreibt Mdinaradze sein Werk im Gespräch mit der DW. "So entsteht ein Klangmodell von Europa, ein Dialog statt erzwungener Einheit, eine klangvolle Erklärung dafür, wo Georgien hingehört!"
Kultureller Austausch
Das Campus-Projekt des Beethovenfestes Bonn besteht seit 2001. Es bringt junge Musikerinnen und Musiker aus Deutschland mit dem Musiknachwuchs aus Ländern zusammen, die sich in einem gesellschaftlichen oder politischen Transformationsprozess befinden.
"Darunter waren bereits die Ukraine, Afghanistan, der Iran und nun, zum zweiten Mal nach 2003, Georgien", erzählt Thomas Scheider, der das Campus-Projekt beim Beethovenfest leitet. "Das sind Orte, an denen Kultur nicht bloß Begleiterscheinung der Geschichte ist, sondern zu einem zentralen Feld wird, in dem Geschichte verstanden, verhandelt und hinterfragt wird."

Auch für das Bundesjugendorchester (BJO), das seit zehn Jahren Partner des Campus-Projekts ist, geht die Begegnung weit über das rein Musikalische hinaus: "Obwohl die Musik natürlich im Mittelpunkt steht, kann der Austausch so viel mehr zeigen: persönliche Beziehungen, kulturellen Reichtum, bedeutende Geschichte, beeindruckende Natur, aber auch die herausfordernde aktuelle politische Situation", sagt Sönke Lentz, Orchesterdirektor des BJO. "Die pro-europäischen Künstlerinnen und Künstler und die wohl überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in Georgien brauchen unsere Solidarität und Unterstützung.“
Das Bundesjugendorchester hat das Campus-Projekt mit seiner diesjährigen Auslandstournee verbunden. Unter der Leitung von Mirian Kukhunaishvili und gemeinsam mit dem Pianisten Giorgi Gigashvili spielte das Orchester drei Konzerte in Tiflis und Kutaissi. "Ausverkaufte Häuser und stehende Ovationen - das hat uns beeindruckt und gezeigt, welche Bedeutung solch ein Projekt hat", so Sönke Lentz.
Tsotne Zedginidze: georgisches Ausnahmetalent
"Der neue Mozart" – so bezeichnete der weltberühmte Pianist und Dirigent Daniel Barenboim den georgischen Pianisten und Komponisten Tsotne Zedginidze einmal.
Zedginidze ist gerade 17 Jahre alt geworden und damit der jüngste Auftragskomponist seit Bestehen des Campus-Projekts. Aus seiner Feder stammt das Werk "Chmebi: Georgian Fantasia" für Klavier und Kammerorchester. Das Wort "Chmebi" bedeutet auf Georgisch "Stimmen". Der junge Komponist sitzt bei der Uraufführung in Bonn und Berlin selbst am Klavier. "Beethoven wäre schockiert, aber auch inspiriert“, meint Tsotne augenzwinkernd zu seinem Werk, aber auch zum gesamten Projekt.
In seiner Komposition verarbeitet er uralte georgische Folklore mit schräger Harmonik und feurigen Volkstänzen. "In meiner Musik wollte ich keinesfalls gekünstelt wirken, sondern so weit wie möglich georgische Musikstile aufgreifen", erläutert er der DW.

Stargeigerin Lisa Batiashvili erwartet mit Spannung die Premiere von Tsotnes Werk. Mit ihrer Stiftung unterstützt die Musikerin, die mit zwölf Jahren aus Georgien nach Deutschland kam, junge Künstler in ihrer Heimat. Auch Tsotne Zedginidze gehört zu den Stipendiaten.
"In den vergangenen zwanzig Jahren durfte ich erleben, wie die Freundschaft zwischen Deutschland und Georgien gewachsen ist und wie offen und interessiert Menschen hier meinem Heimatland begegnen", sagt Batiashvili.
"Besonders schön ist es zu sehen, wie junge Musikerinnen und Musiker beider Länder gemeinsam musizieren, voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren." Vielleicht entstehe dabei mehr als Musik, so Batiashvili, vielleicht die Vision einer gemeinsamen Zukunft.
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