Wahlen in Sachsen-Anhalt – So radikal will die AfD die Kultur umbauen

Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, ist sich sicher: Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt regieren, würde in der Kulturszene kein Stein auf dem anderen bleiben. «Das betrifft die künstlerische Praxis, die Institutionen, die Berichterstattung, sogar den Tourismus. All das soll einer ‹neuen patriotischen Kultur› unterworfen werden.»
Steiner befürchtet, dass es nach der Wahl zu Debatten über die inhaltliche Ausrichtung des Bauhaus kommen könnte. Schliesslich kritisiert die AfD die Kunst- und Architekturschule seit langem (siehe Infobox).
Das sagt die AfD über das Bauhaus
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- Im AfD-Wahlprogramm bezeichnet die Partei
das Unesco-Weltkulturerbe Bauhaus als «umstrittene Architekturschule». Laut Wahlprogramm fehle es dem Bauhaus an «nationaler Verwurzelung». - Im Sommer 2024 hatte der kulturpolitische Sprecher der AfD Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, erklärt: Das Bauhaus sei «von einer abgrundtiefen Hässlichkeit» und «unerträglich anzuschauen».
- Im Oktober 2024 brachte die AfD einen Antrag für eine «kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus» in den Landtag ein. Der Titel lautete «Irrweg der Moderne». Diese Formulierung stammt vom nationalsozialistischen Rassenideologen Paul Schultze-Naumburg,
er verwendete sie in seinem Pamphlet
«Kunst und Rasse» von 1928. - In der Landtagsdebatte zum Antrag erklärte
AfD-Politiker Tillschneider, das Bauhaus habe «das menschliche Bedürfnis nach Geborgenheit und Behaglichkeit nach allen Regeln der Kunst vergewaltigt». - Die Kritik der Partei am Bauhaus erinnert stark an die Polemik der Nationalsozialisten gegenüber der Kunst- und Architekturschule:
Die Nationalsozialisten diskreditierten das Bauhaus als «entartet». Auf ihren Druck hin wurde es im Jahr 1933 aufgelöst.
Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt ist einer von insgesamt fünf Landesverbänden in Deutschland, die der deutscheVerfassungsschutz als «gesichert rechtsextrem» einstuft. Wie die «neue patriotische Kulturpolitik» der AfD aussehen soll, wird im Wahlprogramm erläutert. Unter anderem heisst es dort, «antideutsche Kunst und Kultur» solle kein Staatsgeld bekommen.
Theater befürchten finanzielle Zensur
Der Schweizer Regisseur Julien Chavaz ist seit vier Jahren Generalintendant und Operndirektor am Theater Magdeburg. Er ist überzeugt, dass die AfD nach einem Wahlerfolg versuchen würde, in die Theaterspielpläne einzugreifen. Zwar ist das Theater Magdeburg ein Stadttheater, aber das Land Sachsen-Anhalt ist ein wichtiger Geldgeber. «Die AfD würde unsere Spielpläne vielleicht nicht direkt zensieren, aber sie könnte finanzielle Hebel in Bewegung setzen. Das Ergebnis wäre dasselbe.»
Auch Annegret Laabs befürchtet Auswirkungen auf ihre Arbeit. Sie leitet das Kunstmuseum Magdeburg, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Finanziert wird es hauptsächlich von der Stadt. Trotzdem ist das Museum von Fördermitteln abhängig.
Die AfD-Forderung nach einer patriotischen Leitlinie für Kunst und Kultur wäre für ihr Ausstellungsprogramm das Ende: «Wir zeigen Arbeiten von internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Viele davon beschäftigen sich mit Politik», sagt Museumsdirektorin Laabs. «Unter einer AfD-Regierung würde unser Programm klein und bedeutungslos werden.»
Die AfD will kulturelle Deutungshoheit
Wieso spielt Kultur im Wahlprogramm der AfD überhaupt so eine grosse Rolle? David Begrich ist Experte für Rechtsextremismus beim Verein Miteinander e.V. in Magdeburg. Er sagt: Die AfD wolle keine offene, freie Gesellschaft, sondern eine völkisch-nationalistische Nation. «Dieses Ziel kann man allein mit Gesetzen nicht erreichen.» Der AfD gehe es um kulturelle Hegemonie. «Und die will sich die AfD langfristig sichern – über die Kulturpolitik, die Schulpolitik, die Hochschulpolitik.»
Die AfD und die Kultur: Das steht im Wahlprogramm
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Das kulturpolitische Programm der AfD Sachsen-Anhalt umfasst 21 Punkte. Hier eine Auswahl:
- Die AfD kritisiert, dass die Theater in Sachsen-Anhalt zu wenige «deutsche Stücke» zeigten.
- Die AfD will nur solche Kunst finanziell fördern, die «einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet».
- Die AfD will «die schönsten Beispiele deutscher Geschichte […] selbstbewusst herausstellen».
- Die Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnet die Partei als «Verewigung eines Schuldkomplexes».
- Aus Sicht der AfD dient Provenienzforschung allein der «künstlichen Aufrechterhaltung eines Schuldgefühls», das die Deutschen «endlich ablegen» sollten.
- Deshalb will die Partei dem Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste die Landesfinanzierung streichen – rund 70'000 Euro pro Jahr.
- Die AfD will die Landeszentrale für politische Bildung abschaffen.
Die AfD bemüht sich also um kulturelle Deutungshoheit. Doch die Kulturinstitutionen in Sachsen-Anhalt wehren sich. Mehr als 150 Organisationen haben sich zusammengeschlossen in der Initiative «Kultur ist Vielfalt und Heimat». Sie stellen sich gegen die patriotische Kulturpolitik der AfD. Um deutlich zu machen, was für die Kultur auf dem Spiel steht, sind die Kulturinstitutionen durch Sachsen-Anhalt getingelt, um mit den Menschen zu sprechen.
Annegret Laabs erzählt, dass viele Menschen gar nicht wüssten, was die Partei in Sachen Kultur plant. Wie viele Leute man mit der Aktion erreicht habe, könne sie nicht sagen. «Aber wir wollen auch nach der Wahl noch in den Spiegel schauen und sagen können: Wir haben wenigstens alles versucht, um die Menschen aufzuklären.»
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 03.09. 2026, 08:00 Uhr.
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