Kulturgelder-Verteilung – Klassik, Pop und Millionen: Wie die Schweiz ihre Musik fördert

Es sind bemerkenswerte Zahlen, welche die Recherche der «Musikvielfalts-Initiative» ans Licht bringt: Das Opernhaus Zürich wurde 2024 allein vom Kanton mit 71 Millionen Franken subventioniert. Das Grand Théâtre de Genève erhielt von Stadt und Kanton insgesamt rund 44 Millionen Franken, während der bekannte Lausanner Musikclub Les Docks mit 953'000 Franken unterstützt wurde.
Jedoch: Dass die Oper mehr Geld erhält (und braucht) als Rock-Clubs, ist keine Neuigkeit. Dass darüber hinaus viele Gelder in mehrjährigen Verträgen «zementiert» sind, auch nicht. Selbst der Befund, dass die Romandie grosszügiger Musik fördert, gehört zum Branchenwissen.
Wirklich neu an der vorliegenden Recherche ist vor allem, dass sie die Musikförderung von sechs grossen Schweizer Städten vergleichbar macht. Runtergerechnet auf Pro-Kopf-Ausgaben, was die Zahlen greifbarer macht.
Janina Neustupny vom Initiativkomitee betont dann auch: «Unsere Recherche ermöglicht erstmals, die Musikförderung von sechs grossen Städten aus der Deutschschweiz, der Westschweiz und dem Tessin gegenüberzustellen.»
Die wichtigsten Resultate der Recherche
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Bild 1 von 4. Bereits bekannt, aber jetzt im Vergleich: Die Romandie gibt am meisten aus für Musik. Bildquelle: Musikvielfalts-Initiative.
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Bild 2 von 4. Planungssicherheit ist kostspielig: Über 80 Prozent, teils sogar über 90 Prozent der Gelder werden als «gebundene Mittel» über mehrjährige Leistungsverträge an dieselben Institutionen (übrigens auch Pop/Rock-Clubs) vergeben. Bildquelle: Musikvielfalts-Initiative.
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Bild 3 von 4. Klassik gegen Pop? «Es geht uns nicht darum, Musikrichtungen gegeneinander auszuspielen und wir stellen mit der Veröffentlichung auch keine Forderungen», so Janina Neustupny vom Initiativkomitee. Bildquelle: Musikvielfalts-Initiative.
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Bild 4 von 4. Aus welchem Topf kommt das Geld? Lotterie- und Steuereinsätze im Vergleich. Bildquelle: Musikvielfalts-Initiative.
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Dafür wurden die Fördergelder auf Pro-Kopf-Zahlen heruntergerechnet. Wie die Grafiken der Erhebung zeigen, klafft besonders zwischen Zürich (CHF 10.20 pro Kopf für Pop) und Genf (CHF 43.50) eine gewaltige Lücke.
Drei (nicht ganz so neue, aber brisante) Erkenntnisse der Studie
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1. Die enormen Unterschiede bei den Geldern
Der Löwenanteil der öffentlichen Musikförderung fliesst in die Sparte «Klassik». In den untersuchten Städten sind es zwischen 76 Prozent und 95 Prozent des Gesamtbudgets. In Zürich stehen beispielsweise CHF 223.50 pro Kopf für die Klassik CHF 10.20 für den gesamten Bereich «Musiques Actuelles» (Pop, Rock, Jazz, Hip-Hop) gegenüber.
2. Ein starres System der «gebundenen Mittel»
Die Ungleichheit ist strukturell verankert. Über 80 Prozent, teils sogar über 90 Prozent der Gelder werden als «gebundene Mittel» über mehrjährige Leistungsverträge an dieselben Institutionen vergeben. Auch Pop/Rock-Clubs bekommen wiederkehrende Betriebsbeiträge (Les Docks in Lausanne jährlich CHF 953'000 wie auch das Moods in Zürich CHF 917'900 oder die Kaserne Basel CHF 357'423). Für die freie, projektorientierte Szene bleibt nur ein kleiner Topf an «beweglichen Mitteln», was Innovation und Vielfalt ausbremst.
3. Der «Pop-Röstigraben» in der Förderung
Die Romandie ist deutlich grosszügiger zur Popmusik. Genf gibt mit CHF 43.50 pro Kopf mehr als doppelt so viel für «Musiques Actuelles» aus wie Bern (CHF 20.40) und viermal so viel wie Zürich (CHF 10.20).
Wobei gerade diese Zahlen unbedingt in das Verhältnis zum jeweiligen Gesamtbudget gesetzt werden sollten. Genf hat nämlich insgesamt ein viel höheres Budget und spielt proportional gesehen davon sogar weniger in die Kassen seiner «Musiques Actuelles» als Basel oder Bern. Solch fehlende Kontextualisierungen führen auf der Präsentationsebene dieser Recherche stellenweise zu verzerrten Schlussfolgerungen.
Ein Kampf der Begriffe?
Doch die Erhebung sorgt auch für Stirnrunzeln. Die strikte Aufteilung in «Klassik» und das trendigere «Musiques Actuelles» (Pop, Rock, Hip-Hop und so weiter) zeichnet – gewollt oder ungewollt – ein zugespitzt dramatisches Bild, das vielleicht auch gar nicht mal so zeitgemäss ist. Laut Initiativkomitee folge man damit den Kategorisierungen der meisten Förderstellen.
Suggeriert das Framing nicht, Klassik sei von gestern und weniger förderungswürdig? Ein Vorwurf, den Janina Neustupny von der Initiativgruppe zurückweist: «Es geht uns nicht darum, Musikrichtungen gegeneinander auszuspielen, und wir stellen mit der Veröffentlichung auch keine Forderungen.»
Wer steckt hinter der Recherche und was ist das Ziel?
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Die Recherche wurde vom Journalisten Lukas Nussbaumer im Auftrag der «Musikvielfalt-Initiative» durchgeführt. Hinter der Initiative steht ein breites Komitee aus der Schweizer Pop-, Rock- und Jazz-Szene, darunter Musikerinnen wie Sophie Hunger, Verbände wie Petzi sowie diverse Festival- und Club-Vertreter. Ihr Ziel ist eine faire und vielseitige Schweizer Musikförderung.
Obwohl die kantonale Initiative 2022 abgelehnt wurde, ist das Thema nicht vom Tisch. Offiziell soll die neue Recherche eine faktenbasierte Debatte über die schweizweite Förderpraxis anstossen.
Janina Neustupny vom Komitee betont: «Wir veröffentlichen eine Recherche, keine Kampagne.» Dennoch dürfte die Erhebung den Druck auf die Kulturpolitik in den Städten und Kantonen gezielt erhöhen.
Eine Basis – und basta. Deutungen oder Lösungsvorschläge sucht man vergebens. «Es geht uns nur darum, eine Datengrundlage zu schaffen, mit der Politik, Berufsverbände, Musikschaffende und die breite Öffentlichkeit diskutieren können», so Neustupny.
Wie äussern sich betroffene Förderstellen zur Recherche?
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Franziska Burkhardt – Kulturbeauftragte der Stadt Bern und Präsidentin der Städtekonferenz Kultur (SKK) kommentiert: «Die Recherche liefert einen wichtigen Diskussionsbeitrag. Weil die Städte insgesamt mehr als die Hälfte der öffentlichen Kulturförderung in der Schweiz tragen, sind die Ergebnisse für uns interessant. Natürlich gibt es hier ein gewisses Spannungsfeld, obwohl die Verflechtungen von freier Szene und Häusern in der Regel sehr stark und produktiv sind. Wer ein Symphonieorchester oder eine andere Kulturinstitution langfristig unterstützt, setzt damit einen Schwerpunkt. Die in Institutionen gebundenen Mittel stehen kurzfristig nicht für andere Projekte zur Verfügung, stellen aber teilweise eine Plattformförderung für freischaffende Bands oder Orchester dar.»
Katrin Grögel, Leiterin der Abteilung Kultur in Basel-Stadt, wollte die Zahlen weder verifizieren noch kommentieren: «Ich habe kein Mandat, das es mir erlauben würde für eine nationale Perspektive der Kulturpolitik zu sprechen. Und in Basel wurde das Thema ja bekanntlich durch eine Volksinitiative entschieden.»
Das Echo aus der Szene
Was bedeuten diese Zahlen im Alltag? Cécile Drexler, Geschäftsleiterin vom Branchenverband Sonart beobachtet die Konsequenzen seit Jahren: «In Lausanne gibt's einen Club neben dem anderen, während in Zürich Clubsterben herrscht und im Tessin praktisch keine Konzertclubs existieren.» Für sie sind die kleinen Bühnen, die oft um jeden Franken kämpfen müssen, entscheidend für das gesamte Ökosystem der Musik.
«Die kleinen Bühnen sind für eine Karriere eminent wichtig, damit die grossen danach auch bespielt werden können.» Die Lösung sei deshalb nicht eine Umverteilung, sondern letztlich eine grundsätzliche Frage: «Unterm Strich braucht's einfach mehr Geld, wenn wir als Gesellschaft eine vielfältige Kulturszene wollen.»
Die vielfältige Szene hat die Schweiz ja schon. Gut möglich, dass die Debatte, was eine gerechte Förderung ist, mit dieser Erhebung wieder an Fahrt aufnimmt.
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