Wahlen in Bosnien-Herzegowina – Warum viele Junge in Bosnien die Hoffnung verlieren

Almas Geschichte spielt in der Hauptstadt Sarajevo. Sie hätte sich aber genauso gut überall sonst in Bosnien-Herzegowina abspielen können. Alma heisst eigentlich anders, aber in dieser Geschichte geht es um heikle Dinge.
Ein Anruf aus dem Ministerium
Angefangen habe es, als ihr Vater kurz vor ihrem Uniabschluss sagte, er werde ihr einen Job besorgen: «Ich habe dem damals wenig Beachtung geschenkt.» Doch dann bekam sie einen Anruf. Eine Frau war am Apparat. «Sie sagte, sie sei von einem Ministerium und wolle mich treffen, um eine freie Stelle zu besprechen.» Der Frau schien es dabei spürbar unwohl zu sein.
Für Alma war klar: Dahinter steckt ihr Vater, denn sie hat sich weder dort beworben noch die Erfahrungen für eine solche Arbeit. Auch wusste sie, sie würde das Angebot nicht annehmen. Eine Arbeit über Beziehungen, statt Leistung zu erhalten, hätte sich falsch angefühlt.
Sie verurteile jedoch niemanden, der ein solches Angebot annehme, betont sie. Der Arbeitsmarkt sei gerade für junge Menschen ausgetrocknet und sie habe das Privileg, keine Familie versorgen zu müssen.
Korruption ist weitverbreitet
«Ich war etwas schockiert, dass mein Vater mir eine solche Position vermitteln konnte.» Denn er sei kein einflussreicher Mann, sondern einfach ein treuer Anhänger einer der drei grossen ethno-nationalistischen Parteien, die das Land seit Jahrzehnten regieren. Durch seine Arbeit in der Gemeinde konnte er zudem über die Jahre viele Kontakte knüpfen.
Wenn sogar ein einfacher Mann wie er seine Beziehungen spielen lassen könne, zeige dies, wie verbreitet Korruption und Vetternwirtschaft im Land seien. Auf dem Korruptionsindex von «Transparency International» liegt Bosnien auf Platz 109.
Hoffnung auf Wandel verloren
Das mangelhafte Gesundheitssystem oder die marode Infrastruktur: Die Folgen der Korruption spüren die Menschen im Alltag direkt. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen ist daher niedrig. Viele haben zudem die Hoffnung auf Veränderung verloren, was sich in einer tiefen Wahlbeteiligung zeigt.
Das hat auch mit der Dominanz der ethno-nationalistischen Parteien zu tun – je eine für die Kroaten, die Serben und die Bosniaken im Land. Mehr als 30 Jahre nach Kriegsende sprechen sie immer noch nur vom Krieg. Seit Jahrzehnten sind zudem die gleichen drei Männer an der Spitze dieser Parteien.
Das politische System von Bosnien-Herzegowina gilt als das komplizierteste der Welt. Das Land hat verschiedene Verwaltungsebenen: Es ist geteilt in zwei Entitäten – die serbisch geprägte Republika Srspka und die bosniakisch-kroatisch geprägte Föderation. Die Föderation selbst ist in sich noch in zehn Kantone geteilt.
Bei der Wahl am Sonntag werden die Parlamente der beiden Entitäten, das nationale Parlament, die Parlamente der Kantone sowie die Präsidentschaft neu besetzt. Insgesamt hat das Land drei Präsidenten – je einen kroatischen, einen serbischen und einen bosniakischen. Der Vorsitz wechselt im Turnus von acht Monaten.
In diesem politischen Konstrukt gibt es auf allen Ebenen Vetomechanismen. Weil an den meisten Stellen die jeweiligen ethno-nationalistischen Parteien an der Macht sind, kommt es oft zu Blockaden und Streit. Darunter leidet die Entwicklung des Landes. Eine Reform dieses Systems scheitert bislang am Widerstand der grossen Parteien, die in diesem auf ethnische Differenzen ausgelegten Staatsaufbau einen Garant für ihren Machterhalt sehen.
Viele entscheiden sich daher für die Auswanderung. Bosnien-Herzegowina leidet besonders darunter. Gerade gut Ausgebildete gehen mangels Perspektiven lieber in die EU, als in der Heimat zu bleiben.
Alma hat sich dagegen entschieden, zu bleiben. Sie hat mittlerweile einen Job bei einer internationalen Organisation. Der Frau vom Ministerium hat sie höflich abgesagt. Doch auch sie hat keine Erwartungen an die Wahlen. «Es braucht einen grundlegenden Wandel.» Doch diesen Wandel sehe sie derzeit nicht kommen.
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