«Es war eine Anti-Trump-Wahl» – vier Gründe für die Schlappe

- Trump und seine Republikaner verlieren im Kongress die Mehrheit.
- Laut US-Experte Julien Labarre war es eine «Anti-Trump-Wahl», die den Demokraten ab dem 3. Januar die Mehrheit bringt.
- Trumps Zollpolitik belastete das Portemonnaie, und der Irankrieg weckte Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit.
Eine blaue Welle ist über die USA gefegt. Die Demokraten werden ab dem 3. Januar die Mehrheiten sowohl im US-Senat als auch im Repräsentantenhaus stellen. Die Partei hat in vielen Rennen die Prognosen übertroffen. Für US-Experte Julien Labarre steht fest: «Es war eine Anti-Trump-Wahl.» Viele Amerikaner hätten nicht unbedingt für die Demokraten gestimmt, sondern gegen die Politik des Präsidenten und seiner Partei. Vier Gründe seien dabei entscheidend gewesen:
Hohe Preise
Bei US-Wahlen spielt laut Labarre eine Frage eine besonders grosse Rolle: Geht es mir heute besser als bei der letzten Wahl? Dabei beurteilten viele Amerikanerinnen und Amerikaner eine Regierung vor allem danach, wie sich ihre persönliche wirtschaftliche Situation entwickelt habe.
Genau hier liege eines der grössten Probleme für Trump: Seine Zollpolitik hat die Menschen wirtschaftlich belastet. «Im Wahlkampf hatte der Präsident versprochen, mit Zöllen die amerikanische Wirtschaft zu stärken und die Preise zu senken. Stattdessen haben viele Wählerinnen und Wähler die negativen Folgen seiner Handelspolitik im eigenen Portemonnaie gespürt.»
Besonders problematisch sei für Trump, dass sich diese Entwicklung unmittelbar mit seinen politischen Entscheidungen verbinden lasse. «Die Verantwortung kann er kaum seinem Vorgänger Joe Biden zuschieben.»
Irankrieg
Normalerweise ist Aussenpolitik für die US-Wahlen nicht entscheidend. Der Irankrieg ist laut Labarre dieses Mal aber ein wichtiger Faktor gewesen. «Trump hat den Amerikanern nie überzeugend erklären können, weshalb dieser Krieg notwendig ist.» Zudem habe er mehrfach erklärt, das iranische Atomprogramm sei zerstört worden. «Wenige Monate später begründete er weitere Angriffe mit der Gefahr iranischer Atomwaffen. Dieser Widerspruch hat Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit geweckt.» Hinzu kämen wiederholte Ankündigungen einer bevorstehenden Verhandlungslösung, während ein Ende des Krieges nicht absehbar gewesen sei, so der Experte.
Für viele Amerikaner sei der Krieg zudem ein weiteres Zeichen gewesen, dass sich der Präsident mit anderen Themen beschäftige als mit ihren wirtschaftlichen Problemen, die sie auch wegen des Kriegs an der Tanksäule zu spüren gekriegt hätten.
Misstrauen gegenüber der Regierung
Nicht nur einzelne politische Entscheidungen, sondern auch Trumps Auftreten hätten zum Wahlergebnis beigetragen. «Der Präsident hat viel Aufmerksamkeit auf politische Projekte und die eigene Inszenierung gelenkt. Für Menschen, die unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden, ist dadurch ein problematischer Kontrast entstanden.» Die Demokraten hätten diesen Gegensatz gezielt aufgegriffen. Ihre Botschaft: Während viele Amerikaner finanziell unter Druck stehen, profitieren die Trump-Familie und sein Umfeld persönlich und finanziell.
Zum Experten
Julien Labarre ist Postdoktorand an der Universität Zürich. Bevor er an die UZH kam, war er Assistant Professor für amerikanische Politik an der California State University Dominguez Hills. Seine aktuelle Arbeit konzentriert sich auf Informationsumfelder und die Qualität der US-Demokratie, mit besonderem Augenmerk auf die Entstehung illiberaler Bestrebungen und antidemokratischer Einstellungen in der amerikanischen Öffentlichkeit.
Fehlende Gegensteuer der Republikaner
Die Niederlage trifft laut Labarre nicht nur Trump persönlich. Auch seine Partei trage aus Sicht vieler Wählerinnen und Wähler Verantwortung. «Die Republikaner hätten in den vergangenen zwei Jahren die Möglichkeit gehabt, Teile von Trumps Agenda im Kongress zu stoppen. Sie haben sich aber weitgehend dagegen entschieden. Damit sind sie für die Politik des Präsidenten mitverantwortlich geworden.» Labarre verweist auf das Phänomen der negativen Parteibindung: Viele Menschen wählten nicht aus Begeisterung für eine Partei, sondern aus Ablehnung der anderen.
Genau das habe den Demokraten geholfen. Labarre geht davon aus, dass auch bisherige republikanische Wählerinnen und Wähler zu den Demokraten wechselten oder zu Hause blieben, um ihre Unzufriedenheit mit Trump auszudrücken.
Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.
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