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Tuesday, October 27, 2026

Erfolgsrezept für Proteste – Unbequem und geeint – so erreichen Proteste ihr Ziel

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In Serbien hat eine Protestbewegung die Wahlen gewonnen, in Frankreich gehen Jugendliche für Änderungen im Bildungssystem auf die Strasse und in Spanien wehren sich die Leute gegen die Wohnungsnot. Die Proteste sind inhaltlich verschieden, in ihrem Aufbau aber ähnlich. Erfolgreiche Proteste brauchen einen langen Atem und Legitimität, genug Leute und eine gewisse Einigkeit, so die Theorie des Soziologen Charles Tilly. Fällt einer dieser Punkte weg, zerfällt ein Protest. Die Schweizer Politologin Michelle Beyeler ordnet die vier Kriterien ein.

1. Masse

So banal es klingt, Menschen müssen mitmachen, sonst gelingt ein Protest nicht. Die US-Forscherinnen Erica Chenoweth und Maria Stephan benannten die 3.5 Prozent-Hürde. Kurz gesagt lasse sich ein Regime stürzen, wenn sich 3.5 Prozent der Bevölkerung dagegenstellen. Politologin Michelle Beyeler von der Universität Zürich bezweifelt, dass sich der Erfolg eines Protests an einer so einfachen Zahl festmachen lässt. Sie hat ihre Habilitation zum Thema Protestbewegungen geschrieben. «Diese Zahl kann je nach Anliegen variieren und je nachdem, wie stark die anderen Faktoren wie Legitimität und Commitment sind.»

Grosse Menschenmenge mit Schildern bei einer Demonstration.
Legende: Im Januar 2026 demonstrieren in Kopenhagen Tausende gegen die Androhung der USA, Grönland annektieren zu wollen. Reuters / Tom Little

2. Legitimität

Je mehr Leute ein Anliegen betrifft oder je krasser ein Missstand ist, umso grösser die Unterstützung. Die Legitimität ist aber oft mit dem Mass an Gewalt verknüpft. «Es braucht eine Gratwanderung zwischen einerseits nicht zu viel Gewalt, aber auch ein bisschen unbequem sein», sagt Michelle Beyeler. Ohne Druck würden sich die Verantwortlichen kaum bewegen. Und aus Angst, die radikalen Flügel eines Protests würden zu stark, wird eher mit den Gemässigten verhandelt. «Wenn dann aber das Rathaus brennt wie in Limoges (bei den aktuellen Protesten in Frankreich A.d.R.), dann ist es zu viel», so Beyeler. Dann verliere ein Protest seine Legitimität.

3. Langer Atem

Kurzfristige Anliegen sorgen selten für grosse und erfolgreiche Proteste. Sobald die Bevölkerung und Entscheidungsträger sehen, dass das Anliegen nicht gleich wieder fallen gelassen wird, erhält es mehr Aufmerksamkeit. Michelle Beyeler nennt als Beispiel die Umweltaktivistin Greta Thunberg: «Sie hat gestreikt, schon lange bevor irgendjemand darauf aufmerksam wurde. Aber irgendeinmal sah man, dass sie jeden Freitag da ist, und hat das quasi zum Thema gemacht.»

4. Einigkeit

So verschieden einzelne Gruppen innerhalb des Protests sein mögen, das Grundanliegen muss gleich sein, um Erfolg zu haben. Ein Beispiel hierfür sind die Wahlen in Serbien. Aus Studentenprotesten entstand eine Wahlliste gegen Korruption und für mehr Demokratie, hinter der sich verschiedenste Parteien und Interessensgruppen vereinten. Ob ein Protest besser zentral geleitet wird oder zerstreut, darüber sei sich die Forschung nicht einig, sagt Beyeler: «Wir sehen derzeit die Gen-Z-Proteste, die erfolgreich sind und stark dezentral laufen.» Spätestens aber, wenn ein Anliegen in die Politik getragen werde, brauche es Personen, die eine zentrale Rolle einnehmen.

Mit diesem Rezept könne ein Protest Druck erzeugen und Gehör erlangen, sagt Beyeler. Dieser Erfolg sage aber noch nichts darüber aus, ob die Anliegen auch umgesetzt würden. Das hange stark vom Umfeld und dem politischen System ab.

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