Drei Jahre nach Hamas-Angriff – Spitzendiplomatin Schmutz Kirgöz: «Es braucht Beharrlichkeit»

Drei Jahre nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober hat sich der Nahe Osten fundamental verändert. Die Spitzendiplomatin Monika Schmutz Kirgöz sieht auch neue Chancen für den Frieden.
Monika Schmutz Kirgöz
Diplomatin und Botschafterin
Nach dem Studium der Politikwissenschaft an der Universität Lausanne doktorierte Monika Schmutz Kirgöz in Entwicklungsökonomie am Nadel Zentrum für Entwicklung und Zusammenarbeit der ETH Zürich. Seit 1996 arbeitet sie im EDA und war Schweizer Botschafterin im Libanon und in Italien. Seit 2025 leitet sie die EDA-Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika.
SRF News: Wie hat sich die Region drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 verändert?
Monika Schmutz Kirgöz: Es ist eine widersprüchliche Entwicklung: Die vom Iran unterstützte «Achse des Widerstands» ist geschwächt, das iranische Regime selbst aber eher gestärkt. Gleichzeitig formiert sich die Region neu und es gibt Hoffnungsschimmer: Im Libanon zum Beispiel sagen die Menschen heute offen, dass sie Frieden mit Israel wollen – das war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Auch die Golfstaaten haben ein neues Unsicherheitsgefühl und suchen nach anderen Lösungen. Was immer in dieser Region passiert, ohne eine Zweistaatenlösung wird es schwierig.
Wo steht der Friedensplan für Gaza heute?
Er stockt. Wir sind in der zweiten Phase blockiert: Die Hamas will sich nicht entwaffnen lassen und Israel hat sich noch nicht aus dem Gazastreifen zurückgezogen. Die humanitäre Lage ist nach wie vor schwierig. Aber der Plan ist nicht gescheitert. Die Kommunikationskanäle sind offen, der internationale Druck wird aufrechterhalten. Es braucht Beharrlichkeit.
Am Schluss braucht es eine Zweistaatenlösung, das ist für die Schweiz das «Endgame».
Eine Zweistaatenlösung ist in weite Ferne gerückt?
Am Schluss braucht es eine Zweistaatenlösung, das ist für die Schweiz das «Endgame». Palästinenserinnen und Palästinenser müssen in Würde und Frieden neben einem israelischen Staat leben können. Die Schweiz wird einen Staat Palästina aber erst anerkennen, wenn es einen glaubwürdigen Prozess in diese Richtung gibt. Diesen sehen wir im Moment nicht.
Welche Rolle spielt die Schweiz dabei konkret? Kritiker sagen, sie sei zu wenig klar positioniert.
Dem widerspreche ich. Wir sind sehr im Konkreten tätig. Wir haben seit Oktober 2023 über 200 Millionen Franken für die notleidende Zivilbevölkerung in Gaza bereitgestellt und sorgen mit unseren Leuten vor Ort dafür, dass Hilfe ankommt. Und wir halten die Gesprächskanäle zu allen Seiten offen.
Wir versuchen, auf eine Entwaffnung und einen Frieden zwischen dem Libanon und Israel hinzuarbeiten.
Die Schweiz spricht nicht mit der Hamas, aber mit der Hizbollah?
Wir haben einen Gesprächskanal zur Hisbollah, immer in Abstimmung mit Washington und Tel Aviv. Wir sind dort sehr aktiv und versuchen, auf eine Entwaffnung und einen Frieden zwischen dem Libanon und Israel hinzuarbeiten. Unsere Expertise in diesem Bereich, die man «Decommissioning» nennt, haben wir angeboten.
Ende Oktober sind Wahlen in Israel. Was würde sich bei einem Regierungswechsel ändern?
Das ist schwer vorauszusehen. Das Israel nach dem 7. Oktober ist nicht mehr das gleiche, die Gesellschaft ist traumatisiert und das Sicherheitsbedürfnis allgegenwärtig. Das Friedenslager, das «Peace Camp», ist heute leider eher marginal. Aber egal, wer die Regierung stellt: Für uns bleibt Israel ein wichtiger Gesprächspartner, um die Lage in der Region zu stabilisieren.
Der Nahe Osten lässt einen nie los, und wenn man dafür verantwortlich ist, noch viel weniger.
Sie persönlich wechseln nach drei Jahren als Chefin der Abteilung Naher Osten als Botschafterin nach Wien. Warum?
Es waren extrem intensive Jahre, praktisch ohne Wochenenden oder Ferien. Der Nahe Osten lässt einen nie los, und wenn man dafür verantwortlich ist, noch viel weniger. Wir erhalten auch viele Reaktionen in der Schweiz, werden oft angegriffen, zum Teil auch persönlich. Kein Konflikt polarisiert so stark. Ein ehemaliger Chef nannte ihn die «Mutter aller Konflikte». Das macht etwas mit einem. Wien war ein grosser Traum von mir.
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