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Saturday, November 7, 2026

«Nicht jedes Gerät sollte ans Internet gehängt werden»

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Cyberangriffe auf Supermärkte

«Nicht jedes Gerät sollte ans Internet gehängt werden»

Wer steckt hinter den manipulierten Tiefkühlern? Nach Angriffen in rund einem Dutzend europäischer Länder meldet auch die Schweiz Fälle.

Publiziert: vor 16 Minuten

  • Cyberangriffe auf Kühlanlagen in Europa, auch Volg-Filialen und Metzgerei in Köniz waren betroffen
  • 2025 registrierte das Bacs 222 Angriffe auf kritische Infrastruktur, bis Ende Oktober 2026 waren es 389 Meldungen
  • Viele Pflichtlager-Silos funktionieren noch mechanisch

In mehreren europäischen Ländern kam es diese Woche zu Cyberangriffen auf Kühlanlagen. Bisher Unbekannte manipulierten deren Steuerung aus der Ferne so, dass die Temperaturen stiegen. Unter anderem wurde der Abtaumodus gezielt aktiviert, wodurch die Kühlanlagen bis zu 50 Grad heiss wurden. Bereits Mitte Oktober waren Kühlsysteme französischer Supermärkte angegriffen worden.

Die betroffenen Läden mussten tonnenweise Lebensmittel entsorgen. Neben den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Italien verzeichneten vor allem nordeuropäische Staaten Angriffe. Die Schäden belaufen sich nach ersten Schätzungen auf mehrere Millionen Euro.

Schweizer Betriebe angegriffen

Auch die Schweiz blieb nicht verschont: In Köniz BE manipulierten Hacker die Tiefkühler der Metzgerei Lüthi's Fleischwaren. Das Fleisch verdarb, Preisschilder schmolzen, und das Geschäft musste vorübergehend schliessen. Ebenfalls betroffen waren drei Volg-Filialen, bei denen Hacker einzelne Parameter der Kühlanlagen verstellten, wie SRF zuerst berichtete.

Die Supermarktketten Migros, Lidl Schweiz und Coop geben auf Anfrage an, dass ihnen bislang keine Hinweise auf erfolgreiche Cyberangriffe auf ihre Kühlgeräte oder -anlagen vorliegen. Coop hatte gegenüber «20 Minuten» Anfang der Woche allerdings erfolglose Angriffsversuche bestätigt.

Hunderte Cybervorfälle

Wie stark die Bedrohungslage zunimmt, zeigen die Zahlen des Bundesamts für Cybersicherheit (Bacs): Seit dem 1. April 2025 sind Betreiberinnen und Betreiber kritischer Infrastrukturen verpflichtet, Cyberangriffe zu melden. Vergangenes Jahr registrierte das Bacs 222 Vorfälle. Von Januar bis Ende Oktober 2026 gingen bereits 389 Meldungen ein. Allein im September waren es 63, im Oktober 47. Am häufigsten war in den letzten zwei Monaten die Verwaltung betroffen.

Cyberangriffe seien in den vergangenen Jahren gezielter und komplexer geworden, erklärt das Bacs auf Anfrage. Auch die geopolitische Lage sei nicht vernachlässigbar. «Aufgrund ihrer engen wirtschaftlichen und politischen Verflechtung mit anderen westlichen Staaten müssen sich Schweizer Organisationen darauf einstellen, ihre Widerstandsfähigkeit in einem zunehmend feindseligen Cyberbedrohungsumfeld zu behaupten.»

Notversorgung nicht gefährdet

Ein möglicher geopolitischer Hintergrund der Angriffswelle ist nicht ausgeschlossen. So haben sich prorussische Hackergruppen zu den Kühlanlagen-Attacken bekannt, legten dafür aber keine Beweise vor. Sicherheitsexperten halten eine Beteiligung von Staaten wie Russland oder China grundsätzlich für denkbar.

Für die nationale Notversorgung besteht derweil keine akute Gefahr. Die Réserve Suisse Genossenschaft, zuständig für die Pflichtlager im Nahrungs- und Futtermittelbereich, gibt Entwarnung: «Bei Nahrungs- und Futtermittel sind wir nicht auf Kühlsysteme angewiesen.» Etliche Silos funktionierten zudem noch rein mechanisch, was die Verletzlichkeit für Cyberangriffe stark minimieren würde.

Scharfe Kritik übt Marc Ruef, Cybersecurity-Experte und Mitgründer der Zürcher Scip AG. Dass betroffene Betriebe ihre Systeme nach den ersten bekannt gewordenen Vorfällen nicht umgehend überprüft hätten, sei «in höchstem Masse fragwürdig». Die Schwachstelle liege in der Vernetzung: Häufig nutzten Angreifer unveränderte Standardkonten oder schwache Passwörter aus. Ruef warnt, dass grundsätzlich auch Spitäler – in Frankreich war diese Woche auch eine Blutkonservenbank angegriffen worden – oder die Energieversorgung Ziel solcher Angriffe werden könnten.

Auch Haushalte sind gefährdet

Die Gefahr betrifft nicht nur Unternehmen und kritische Infrastrukturen. Auch vernetzte Geräte im eigenen Haushalt können zum Einfallstor für Hacker werden. Dazu gehören etwa Smart-TVs, Kaffeemaschinen oder Waschmaschinen, die sich aus der Ferne steuern lassen. Mit jedem Gerät, das mit dem Internet verbunden ist, wächst die Angriffsfläche. Wie real das Risiko ist, zeigt eine Meldung des Bacs von dieser Woche: Dem Bundesamt wurden mehrere Fälle von gehackten Heimnetzwerken gemeldet.

«Nicht jedes Gerät sollte ans Internet gehängt werden – auch wenn es technisch möglich wäre», rät Ruef. Wichtig seien zudem regelmässige Sicherheitsupdates. Bei älteren Geräten, die nicht mehr ausreichend geschützt werden, empfiehlt er, die Internetverbindung zu trennen oder ein neueres Modell anzuschaffen.

Wie dringlich das Thema ist, zeige die Entwicklung bei den Sicherheitslücken: «Die Anzahl der publizierten Schwachstellen hat seit Januar um das Vierfache zugenommen.» Unter anderem künstliche Intelligenz beschleunige deren Entdeckung und werde zunehmend auch für automatisierte Angriffe eingesetzt. Ruef warnt deshalb: «Die kommenden Monate und Jahre werden alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen.»

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