«Ein Roboter blutet nicht, er hat keine Familie»

Blick vor Ort – Unterwegs mit den ukrainischen Kampfrobotern
«Ein Roboter blutet nicht, er hat keine Familie»
Sie fahren in Minenfelder, greifen russische Stellungen an – und landen inzwischen sogar per Drohne hinter den feindlichen Linien. Kampfroboter verändern den Krieg in der Ukraine. Blick hat die Soldaten getroffen, die sie einsetzen.
Publiziert: vor 13 Minuten
- Trotz Pannen und Störsendern nutzt die Ukraine Kampfroboter
- Sie greifen an, räumen Minen, liefern und bergen Verwundete
- Bei der Operation «Vivaldi» halfen sie, 176 Quadratkilometer zurückzugewinnen
Helena GrafReporterin
Der Bodenroboter rattert über zerschossenen Teer. Mit zehn Stundenkilometern rollt er Richtung ukrainische Ostfront. Allein. Kein Soldat geht neben ihm. Auf der Maschine: ein Maschinengewehr.
Es regnet, der Himmel ist grau. «Sicario» sitzt derweil im Trockenen. In einem stickigen Zimmer mit heruntergelassenen Rollläden. Der Soldat der 159. Mechanisierten Brigade blickt auf flimmernde Monitore.
Der Roboter erreicht eine Kreuzung. Sicario drückt auf den Auslöser. Nichts. Ein trockenes Klacken. Ladehemmung.
Was für einen Soldaten lebensgefährlich wäre, lässt Sicario kalt. Er zieht einen Hebel zurück. Der Roboter dreht um und rollt davon.
Ein paar Kilometer weiter warten Mechaniker. Sie treten an die Maschine und setzen ihr Werkzeug an. Kein Verwundeter. Kein Blut. Nur kaputtes Metall.
Noch vor zwei Jahren waren Bodenroboter vor allem Helfer. Sie brachten Munition, legten Minen, bargen Verwundete. Heute rollen sie auch in den Angriff.
Russische Soldaten in Panik
Neben dem Haus, in dem Sicario seinen Roboter steuert, steht ein verlottertes Gartenhäuschen. Drinnen liegen Sprengsätze und Munition zwischen Werkzeug und leeren Energydrink-Dosen. Die Soldaten nennen den Ort scherzhaft ihre «Universität für Explosionen».
Demon (47) ist hier so etwas wie der Professor. Der Kommandant der Robotereinheit hat die Entwicklung der Maschinen von Anfang an miterlebt.
«Vor einigen Monaten schickten wir Roboter mit Panzerabwehrminen und 152-Millimeter-Artilleriegranaten los», erzählt er. «Als sie die gegnerischen Stellungen erreichten, brach unter den russischen Soldaten Panik aus.»
Dann spielt Demon einen abgefangenen russischen Funkspruch ab. «Wir sind von Robotern umzingelt!», ruft eine Stimme.
Demon sagt: «Die Roboter zerstörten die Stellungen. Erst danach rückten unsere Soldaten nach und übernahmen die Posten – ohne einen einzigen Verlust.»
Doch die Maschinen sind keine Wunderwaffe. Im Regen versinken sie im ukrainischen Schlamm. Störsender können Verbindungen unterbrechen. Und die Technik ist teuer: Ein Bodenroboter kostet rund 60'000 Euro.
«Ein Roboter blutet nicht»
Für Khrust (44) ist die Rechnung trotzdem einfach. «Wo heute eine Maschine im Schlamm wartet, sassen früher fünf Männer.» Er war selbst zehn Jahre Infanterist. «Wir froren. Wir wurden nass. Manche starben.»
Fällt ein ukrainischer Soldat, kann seine Familie rund 300'000 Euro Entschädigung erhalten – fünfmal so viel wie der Roboter kostet. Doch Khrust will Menschenleben nicht in Geld umrechnen. «Ein Roboter blutet nicht. Er hat keine Familie. Ein Menschenleben ist unbezahlbar.»
Wie weit diese Revolution inzwischen geht, zeigt sich diesen September rund 200 Kilometer weiter südöstlich.
Dort startet das 3. Armeekorps die Operation «Vivaldi» – eine der bedeutendsten ukrainischen Gegenoffensiven der vergangenen Monate. Seit Beginn der Operation haben ukrainische Truppen nach eigenen Angaben 176 Quadratkilometer zurückerobert.
Angriff aus dem Hinterhalt
Und bei Vivaldi fahren Roboter nicht nur an der Front. Sie fallen vom Himmel.
«Schwere Transportdrohnen setzten unsere Roboter zehn bis 15 Kilometer hinter den feindlichen Linien ab», erzählt Mykola Sinkewitsch, Kommandant eines Roboterbataillons des 3. Armeekorps.
Die Maschinen tauchen plötzlich im russischen Hinterland auf und greifen an. «Die Gegner waren verwirrt», sagt Sinkewitsch. «Sie dachten, Saboteure seien hinter ihren Linien. Dabei waren es unsere Roboter.»
Die russischen Soldaten hätten befürchtet, umzingelt zu sein. Ein geplanter Angriff mit rund 20 gepanzerten Fahrzeugen sei abgebrochen worden.
Die ukrainische Taktik: Maschinen voraus, Menschen hinterher. Roboter greifen Stellungen an, räumen Minen und bringen Nachschub. Erst wenn die gegnerische Verteidigung geschwächt ist, folgt die Infanterie.
«Als ich sah, dass es funktionierte, spürte ich Macht», sagt Sinkewitsch. «Niemand hatte so etwas zuvor gemacht. Niemand erwartete uns dort. In diesem Moment kontrollierten wir ihre Logistik – und das Leben ihrer Soldaten.»
Roboter statt 6000 Infanteristen
Das 3. Armeekorps gehört zu den Vorreitern dieser Entwicklung. Nach eigenen Angaben übernehmen Bodenroboter dort bereits 80 Prozent der Logistik und 90 Prozent der Verwundetenevakuierungen. In neun Monaten hätten die Maschinen Einsätze übernommen, für die sonst rechnerisch 6000 Infanteristen nötig gewesen wären.
Trotzdem sagt Sinkewitsch: «Der Roboter kann den Menschen nicht vollständig ersetzen. Der Infanterist bleibt der wichtigste Mann auf dem Schlachtfeld. Aber wir nehmen ihm die tödlichste Arbeit ab.»
Seine Vorstellung vom Krieg der Zukunft ist klar. «Die Maschinen müssen die erste Staffel werden – im Angriff und in der Verteidigung. Die Infanterie wird zur Elite, die am Ende die Entscheidung sichert.»
Bereit für den modernen Krieg
Während die Ukraine unter Feuer neue Formen der Kriegsführung entwickelt, versucht Europa, daraus zu lernen. Westliche Armeen beobachten ukrainische Drohnen- und Robotereinheiten, trainieren mit ukrainischen Soldaten und passen ihre eigenen Konzepte an.
Ob europäische Armeen auf einen Krieg wie diesen vorbereitet wären? Demon braucht keine Sekunde. «Nein. Unsere Armee ist derzeit am besten darauf vorbereitet.»
Dann geht der «Professor» zurück in seine «University of Explosions». Mit seinen Männern tüftelt er bereits daran, was ihre Roboter als Nächstes können sollen.
Während Europas Armeen noch versuchen, den Krieg der Zukunft zu verstehen, wird er hier längst gebaut – in einem Gartenhäuschen.
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