30 Tage ohne Orgasmus: Was bringt das Männern wirklich?

- Beim No Nut November verzichten Männer einen Monat lang auf Selbstbefriedigung oder sogar sämtliche Orgasmen.
- Die Challenge verspricht mehr Testosteron, Konzentration und besseren Sex. Wissenschaftliche Belege dafür fehlen.
- Psychologin Borbala Rozsnyik erklärt, wann der Verzicht sinnvoll sein kann und wann er zum Problem wird.
Mehr Testosteron, bessere Konzentration und ein erfüllteres Sexleben: Wer im November auf Selbstbefriedigung verzichtet, soll angeblich mit zahlreichen Vorteilen belohnt werden. Zumindest versprechen das Anhänger des sogenannten No Nut November. Doch was bringt es Männern tatsächlich, 30 Tage lang keinen Orgasmus zu haben?
Jedes Jahr im November stellen sich Männer weltweit dieser Challenge. Während manche lediglich auf Masturbation verzichten, streichen andere auch Pornografie oder sogar Sex mit der Partnerin aus ihrem Alltag. Die Hoffnung: mehr Disziplin, mehr Energie und eine gesteigerte sexuelle Leistungsfähigkeit.
Verzicht bringt keine messbaren Vorteile
Doch Psychologin Borbala Rozsnyik dämpft die Erwartungen. Sie erklärt gegenüber der Plattform Erotik.com: «Für einen nachhaltigen Testosteronanstieg oder eine allgemeine körperliche und geistige Leistungssteigerung fehlen belastbare wissenschaftliche Belege.»
Tatsächlich hat sich die Wissenschaft bereits mit dem Internettrend beschäftigt. Eine 2025 im «Journal of Sexual Medicine» veröffentlichte Studie untersuchte, ob sich die sexuelle Zufriedenheit durch den freiwilligen Verzicht verändert.
Dafür wurden zunächst 435 Personen befragt. An der zweiten Befragung nach dem Challenge-Zeitraum nahmen noch 114 Personen teil. Das Ergebnis: Zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern zeigten sich über den untersuchten Zeitraum keine statistisch signifikanten Unterschiede beim sexuellen Wohlbefinden.
Warum verzichten Männer trotzdem freiwillig?
Allerdings betonen die Forschenden, dass weitere Untersuchungen notwendig sind. Auch Rozsnyik warnt davor, die Ergebnisse zu verallgemeinern.
Wenn die versprochenen Vorteile wissenschaftlich nicht nachgewiesen sind, warum machen dann überhaupt so viele mit? «Die Challenge bietet ein klares Ziel und das Gefühl, die eigenen Gewohnheiten bewusst zu steuern», erklärt die Psychologin. Manche Männer seien neugierig, andere wollten ihren Pornokonsum reduzieren oder sich selbst beweisen, dass sie einen Monat durchhalten können.
Entscheidend sei jedoch die Motivation. «Will ich etwas über mich erfahren – oder glaube ich, meine Sexualität unterdrücken zu müssen? Das ist ein grosser Unterschied.»
Wie stehst du zum No Nut November?
Tatsächlich könne eine bewusste Pause helfen, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Etwa, ob man sich aus Lust selbst befriedigt oder lediglich aus Langeweile und Stress.
«Wenn ich masturbiere, bin ich schwach»
Doch der Verzicht kann auch negative Auswirkungen haben. Manche Männer erleben laut Rozsnyik mehr sexuelle Frustration oder denken plötzlich häufiger an genau das, was sie sich verbieten.
Besonders kritisch werde es, wenn aus der freiwilligen Challenge ein Zwang entstehe. «Wenn ich masturbiere, bin ich schwach», nennt die Psychologin als Beispiel für eine problematische Denkweise.
Wer die Challenge vorzeitig abbricht, müsse sich deshalb keineswegs schämen. «Wer die Challenge abbricht, hat weder als Mensch versagt noch mangelnde Disziplin bewiesen.»
Auch die Häufigkeit der Selbstbefriedigung allein sei kein Grund, sich Sorgen zu machen. Entscheidend sei vielmehr, ob jemand sein Verhalten noch kontrollieren könne oder dadurch Beziehungen und Verpflichtungen vernachlässige.
Wenn plötzlich auch die Partnerin verzichten muss
Nicht nur die Männer selbst können die Auswirkungen der Challenge spüren. Auch in Beziehungen kann der freiwillige Verzicht zum Problem werden.
Besonders dann, wenn Männer nicht nur auf Masturbation, sondern auch auf gemeinsamen Sex verzichten. Ohne vorheriges Gespräch könne die Partnerin das als Zurückweisung empfinden.
Andererseits könne eine gemeinsam vereinbarte Pause auch neue Möglichkeiten schaffen, über sexuelle Wünsche zu sprechen und Intimität anders zu erleben.
Ist ein Monat ohne Orgasmus ungesund?
Wer nun befürchtet, dass 30 Tage ohne Orgasmus dem Körper schaden könnten, kann beruhigt sein. Ein freiwilliger Verzicht gilt laut der Psychologin grundsätzlich nicht als gesundheitlich gefährlich.
Allerdings gibt es ebenso wenig einen medizinischen Grund, grundsätzlich auf Selbstbefriedigung zu verzichten. Orgasmen können beispielsweise beim Entspannen und Einschlafen helfen.
Hast du schon einmal bewusst auf Selbstbefriedigung oder Sex verzichtet? Hast du dadurch Veränderungen bei deiner Energie, Konzentration oder Lust bemerkt? Oder hältst du die Challenge für völligen Unsinn? Erzähl uns unten im Formular von deinen Erfahrungen!
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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