Von gefürchtet zu willkommen – Biologe: «Bartgeier-Präsenz zeigt: Am Lebensraum passt vieles»

30 junge Bartgeier sind dieses Jahr in der Schweiz flügge geworden. Das zeigen Zahlen der Stiftung Pro Bartgeier. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Bartgeier im Alpenraum ausgerottet worden. Er wurde gejagt, weil er zu Unrecht im Verdacht stand, Lämmer und sogar Kinder zu erbeuten. Daniel Hegglin von der Stiftung Pro Bartgeier erklärt, weshalb die Wiederansiedlung gelingt.
Daniel Hegglin
Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier
Daniel Hegglin ist Wildtierbiologe und Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier. Seit vielen Jahren engagiert er sich für die Wiederansiedlung des Bartgeiers im Alpenraum.
SRF News: Wie ist der Bartgeier seinen schlechten Ruf losgeworden?
Daniel Hegglin: Das sind verschiedene Faktoren. Durch Beobachtungen hat man verstanden, dass der Bartgeier ein reiner Aasfresser ist, der sich primär von den Knochen toter Tiere ernährt. Das Bild des gefährlichen Lämmergeiers war damals fest in den Köpfen und in Lehrbüchern beschrieben. Zu Beginn des Wiederansiedlungsprojekts wurde deshalb mit Ausstellungen und Medienmitteilungen erklärt, wie der Bartgeier lebt. Man begann auch, ihn Bartgeier statt Lämmergeier zu nennen, weil Lämmer für ihn als Beute keine Rolle spielen.
Seinen schlechten Ruf hatte der Bartgeier vor allem in der Alpwirtschaft. Wie steht man heute dort zum Bartgeier?
Generell sehr gut. Seit 1991 haben wir an verschiedenen Orten im Alpenraum Bartgeier ausgewildert. Das sind meistens Regionen, wo auch Alpwirtschaft betrieben wird und Schafe gehalten werden. Die Leute haben schnell gesehen, dass überhaupt keine Konflikte entstehen und keine Schafe erbeutet werden. Die Akzeptanz ist sehr schnell gewachsen, weil man die Tiere selbst erlebt hat. Es ist eindrücklich und schön, Bartgeier in ihrer Umgebung beobachten zu können.
Der Lebensraum des Bartgeiers erstreckt sich über den gesamten Alpenraum. Inwiefern beeinflusst das das Wiederansiedlungsprojekt?
Der Bartgeier lebt nur in geringer Dichte. Umso wichtiger ist, dass man in einem grossen Raum arbeitet. Die Population muss eine gewisse Grösse und genetische Breite erreichen, damit sie stabil ist. Wir stimmen uns über die Ländergrenzen hinweg bei der Auswilderung und der Überwachung des Bestandes ab. Die nächste Bartgeierzählung im Herbst machen wir gleichzeitig mit unseren Partnern in Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich.
Es ist eindrücklich und schön, Bartgeier in ihrer Umgebung beobachten zu können.
Wie hat sich das Nahrungsangebot verändert?
Vor 100 bis 150 Jahren war die Situation eine ganz andere. Der Steinbock war ausgerottet, die Gämse fast nicht mehr vorhanden. Es gab nur sehr wenige wilde Huftiere im Alpenraum. Sie sind die wichtige Nahrungsgrundlage des Bartgeiers. Die Jagdgesetzgebung wurde verbessert und die Huftiere wurden besser geschützt. Dass wir heute wieder gute Steinbockbestände haben, verdanken wir der Wiederansiedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Kanton St. Gallen begann.
Die Präsenz des Bartgeiers zeigt, dass einiges im Lebensraum stimmt.
Wie fügt sich der Bartgeier in die bestehenden Ökosysteme ein?
Sehr gut. Er ist keine Schlüsselart mit grossen Populationen und auch keine Art, die erbeutet wird und von der andere Arten lebt. Er ist mehr ein Indikator: Seine Präsenz zeigt, dass einiges im Lebensraum stimmt. Dass etwa gute Huftierbestände da sind, dass es keine oder kaum Wilderei gibt und Vergiftungen selten sind.
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