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Friday, October 9, 2026

Warum lassen wir bei der Krankenkasse so viel Geld liegen?

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Die grosse Wechsel-Illusion

Warum lassen wir bei der Krankenkasse so viel Geld liegen?

Nach dem neuerlichen Prämienschock scheint für viele klar: Jetzt wird die Krankenkasse gewechselt. Doch die tatsächlichen Wechsel hinken den hohen Wechselbekundungen jeweils deutlich hinterher. Woran liegt das?

Publiziert: 09:36 Uhr

  • Viele wollen wechseln, doch zuletzt taten es nur 7,5 Prozent
  • Im Schnitt wären jährlich 702 Franken Ersparnis möglich
  • Aufwand, Schulden, Verbilligungen und Alter bremsen

Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft

Die Uhr tickt: Wer seine Krankenkasse wechseln will, muss das bis spätestens Ende November erledigen. Eine erwachsene Person kann im Schnitt 702 Franken pro Jahr einsparen, so eine Analyse des Beratungsunternehmens Deloitte. Im Einzelfall können es gar deutlich höhere Beträge sein.

Tatsächlich genutzt wird das Sparpotenzial jedoch oft nicht: In Umfragen liebäugeln meist zwischen 25 und 33 Prozent mit einem Wechsel. Die Wechselraten sind jeweils deutlich tiefer. Im vergangenen Jahr kehrten 7,5 Prozent ihrer Krankenkasse den Rücken. Schweizerinnen und Schweizer werden deshalb gern als wechselfaul bezeichnet.

Meinungsumschwung nach Prüfung

Die Prämienexplosion der vergangenen Jahre hat die Wechselrate zwar auf 7 bis 10 Prozent leicht erhöht – doch weniger stark als erwartet. Gesundheitsökonom Stefan Felder (66) erklärt die Differenz zu den Umfragen gegenüber Blick. «Zwischen der Absichtsbekundung und dem tatsächlichen Wechsel vergeht naturgemäss einige Zeit, bei der der Versicherte klüger werden kann.» Einige Versicherte würden es bleiben lassen, weil der Aufwand, sich um die Details zu kümmern, zu gross ist. Andere, weil sie feststellen, dass der Prämienunterschied doch geringer ist als vermutet.

Felder verweist zudem auf das Sparpotenzial innerhalb der aktuellen Versicherung: So haben im vergangenen Jahr weitere 7 Prozent das Versicherungsmodell oder die Franchise angepasst.

Rolle des Einkommens

Mehr als jede zweite Person macht sich wegen der Prämien finanzielle Sorgen, so die Deloitte-Studie. Gerade Geringverdiener wechseln jedoch seltener ihre Krankenkasse. Ein Grund: Wer Schulden bei seiner Kasse hat, darf schlicht nicht wechseln. Der Anteil der Haushalte mit Zahlungsrückständen bei den Prämien wächst und lag bei der letzten Erhebung bei 7,3 Prozent. Auch die Unterstützung durch die öffentliche Hand spielt eine Rolle. «Wenn man wegen der Verbilligung keine Prämie zahlt, was nicht selten vorkommt, gibt es keinen Anlass zum Wechseln», so Felder.

Haushalte mit tiefem Einkommen sind häufiger im teureren Standardmodell mit der Mindestfranchise von 300 Franken versichert. «Sie scheuen das finanzielle Risiko eines höheren Selbstbehalts», so Felder. Beim Vergleich der Mindestfranchisen ist das Sparpotenzial zwischen den Kassen auch deutlich kleiner.

Besonders wechselfreudig sind Haushalte aus der Mittelschicht. Bei ihnen schlägt die Erhöhung oft voll ein, und der administrative Aufwand fällt ihnen leichter. Gutverdiener hingegen setzen häufiger auf eine Optimierung innerhalb der Kasse und erhöhen beispielsweise die Franchise.

Die Schmerzgrenze

Steigt die monatliche Prämie um ein paar Franken, dürfte kaum jemand den administrativen Aufwand eines Wechsels auf sich nehmen. «Aber bei 20 Franken monatlich beziehungsweise 240 Franken jährlich kommt man schon ins Grübeln», sagt Felder. Bei Erwachsenen liegt die durchschnittliche Erhöhung im kommenden Jahr darüber. Dass die finanzielle Belastung zu mehr Wechseln führt, zeigen die Zahlen aus der Romandie und dem Tessin, wo die Prämien zu den höchsten im Land gehören.

Das grösste Einsparpotenzial besteht bei einem Erstwechsel. Bei jedem weiteren liegt die durchschnittliche Ersparnis gemäss Axa-Wechselreport bei rund 380 Franken pro Jahr. Die Abweichungen sind je nach Prämienregion und Kasse jedoch enorm.

Alter als zentraler Faktor

Auch das Alter ist ein zentraler Faktor bei der Wechselrate: Am häufigsten wechseln Versicherte im Alter von 26 bis 40, wie eine Auswertung des Bundesamts für Gesundheit vom September 2026 zeigt. Bei Anfang- und Mitte-30-Jährigen ist es jeder Achte. Danach nimmt die Wechselfreudigkeit kontinuierlich ab. Ab 70 ist ein Kassenwechsel die absolute Ausnahme.

Felder erklärt: «Chronische Erkrankungen sind ein Erklärungsgrund, Gewohnheit ist ein weiterer wichtiger Faktor: Je länger ein Vertragsverhältnis dauert, desto mehr Nachteile braucht es, um es aufzugeben.» Im Alter werden die Menschen zudem grundsätzlich risikoscheuer, und auch die administrativen Hürden schrecken ab.

Nicht nur der Preis zählt

Die Hälfte der Versicherten macht sich überhaupt keine Gedanken über einen möglichen Krankenkassenwechsel, so das Ergebnis des Swiss Insurance Monitor 2026. In den vergangenen Jahren haben zudem immer mehr in ein günstigeres, alternatives Versicherungsmodell wie Telmed gewechselt, deren Anteil mittlerweile bei fast 80 Prozent liegt. Fast gleich hoch ist mittlerweile der Anteil der Versicherten mit einer Mindest- oder Maximalfranchise. Bei einigen fehlt schlicht der finanzielle Druck, nach weiterem Einsparpotenzial zu suchen.

Ein Teil der Versicherten möchte zudem die Grundversicherung und die Zusatzversicherung bei einer Krankenkasse haben. Das reduziert gemäss Felder die Gefahr, auf Rechnungen sitzen zu bleiben, weil sich zwei Anbieter als nicht zuständig erklären.

Wer von der Servicequalität seiner aktuellen Kasse überzeugt ist, hat ebenfalls eine geringere Motivation, zu einer Kasse mit einem potenziell schlechteren Service zu wechseln.

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