Unbehagliche Dokumentation – «You Can See Everything»: Warum reden alle über den Film?

Worum geht es? Die gerade in den USA gestartete Doku «You Can See Everything» entpuppt sich als Hit, bereits der erste Trailer faszinierte. Der fast dreistündige Film begleitet die gehypte und wegen Betrugs verurteilte Unternehmerin Elizabeth Holmes – kurz vor ihrer Einweisung in ein Bundesgefängnis. Was ein klassisches Porträt sein könnte, zeigt sich als unbehagliches, fesselndes Psychoduell zwischen professionellen Manipulatoren.
Wer ist Elizabeth Holmes? Die ehemalige Biotechnologie-Unternehmerin gilt als erste Selfmade-Milliardärin der Welt und wurde als «weiblicher Steve Jobs» gefeiert. Das von ihr geführte US-Laborunternehmen Theranos wollte Bluttests vereinfachen, Investoren waren begeistert, die Firma wurde zeitweise mit rund neun Milliarden Dollar bewertet. Dann bröckelte das Imperium, Vorwürfe wurden laut: Offenbar verwendete Theranos heimlich herkömmliche Testverfahren. 2018 folgte die Anklage gegen Holmes – wegen Betrugs. Im November 2022 wurde sie zu 11 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Theranos ist inzwischen insolvent und liquidiert.
Was macht die Doku aus dem Stoff? Regisseur Nathan Fielder («Nathan For You», «The Rehearsal») ist für seinen oft unangenehmen Comedy-Stil und für Formate bekannt, in denen er wirre Scheinrealitäten erschafft. Zusammen mit Lance Oppenheim («Primetime») drehte er die Doku. Fielder verbrachte über einen Monat bei Elizabeth Holmes und ihrer Familie und begleitete sie in den letzten Tagen vor Antritt ihrer Haftstrafe.
Was macht die Doku besonders? Fielder führt Interviews mit Holmes und ihrem Partner – und lenkt den Film dabei in unerwartete Richtungen. Was als «intimes Porträt einer rätselhaften Straftäterin» begann, habe sich in eine «bewusstseinserweiternde Reise in den Abgrund» entwickelt, heisst es vom Produktionsstudio A24. Fielder, selbst Meister der Täuschung, versucht herauszufinden, ob er der berühmten Betrügerin vertrauen kann. Das Duell zwischen den beiden fesselt. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Inszenierung verschwimmen.
Wie kommt der Film an? Die Doku setzte allein am Eröffnungswochenende in Nordamerika 15 Millionen Dollar um: der erfolgreichste Start einer Doku seit über 20 Jahren, wie der «Guardian» berichtet. Auf den Portalen «Rotten Tomatoes» und «Metacritic» wird die Doku jeweils mit 99 Prozent bewertet. Positive Kommentare, etwa auf Reddit, überschlagen sich: Der Film sei «lang, absolut einzigartig und keine einzige Minute langweilig». «Visuell beeindruckend und doch zutiefst hässlich» schreibe «You Can See Everything» die Regeln für Dokumentarfilme neu, heisst es bei CNN. Memes über Fielder und Homes liessen nicht auf sich warten.
Warum gilt der Trailer als besonders? Der erste Kinotrailer für «You Can See Everything» wählt einen ungewöhnlichen Ansatz: Horrorfilmartig entfaltet er ein Grauen, das sich aus Ungewissheit und einer Art Schwerelosigkeit speist. «Der Spiegel» beschreibt ihn als «rätselhaftes Kammerspiel mit maximaler Entschleunigung». Was ist mit der Frau und den Dingen, die sie sagt? Was ist Gefühlsregung, was kalkulierte Fassade? Selbst wer den Fall Elizabeth Holmes kennt, den überkommt hier ob der massiven Unschärfe ein mulmiges Gefühl. Ein gelungener Vorgeschmack auf «eine Dokumentation, die mehr Fragen stellt, als sie beantwortet», wie es in der «L.A. Times» heisst. Ein Termin für einen Schweizer Kinostart ist noch nicht bekannt.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 19.10.2026, 16:30 Uhr.
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