Swiss Government Cloud – Wer ergattert grössten IT-Auftrag in der Geschichte des Bundes?

Der Bund braucht eine neue Cloud-Infrastruktur, um Daten sicher zu speichern und damit arbeiten zu können. Das Projekt ist schon länger in Planung, nun hat die Ausschreibung für interessierte Firmen gestartet. Aktuell greift die Bundesverwaltung vor allem auf die Angebote der grossen internationalen Unternehmen aus den USA zurück. Das soll sich künftig ändern. Nur: Klappt das Vorhaben? SRF hat bei Matthias Stürmer, Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Fachhochschule Bern, nachgefragt.
Matthias Stürmer
Dozent für digitale Nachhaltigkeit
Matthias Stürmer ist Geschäftsleiter der parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit «Parldigi» und Vorstandsmitglied der EVP Stadt Bern. Beruflich leitet Stürmer die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Universität Bern.
SRF News: Ab jetzt können sich interessierte Anbieter beim Bund melden, das Cloud-Projekt ist ausgeschrieben – für insgesamt 7 Milliarden Franken. Ist dieser Mega-Betrag gerechtfertigt?
Matthias Stürmer: Dieser Betrag hat mich im ersten Moment auch erstaunt. Es ist eine extrem hohe Summe. Gleichzeitig sollen diese sieben Milliarden Franken eine Vertragsdauer von 14 Jahren abdecken. Und ich denke, die Investition ist gerechtfertigt, weil die Digitalisierung sehr umfassend ist und künftig stark zunehmen wird. Man denke etwa an Anwendungen der künstlichen Intelligenz.
Dazu kommt: Die neue Cloud-Lösung ist nicht nur für den bundesbehördlichen Gebrauch gedacht, sondern soll auch für Kantone und Gemeinden zugänglich sein. Das ist neu und ein grosser Fortschritt.
Es gibt drei Cloud-Stufen:
Stufe 1: Public Cloud global für nicht-sensible Daten. Hier können sich grosse, internationale Anbieter bewerben. Der Auftrag wird an zwei Anbieter vergeben.
Stufe 2: Public Cloud Schweiz für Daten mit erhöhtem Sicherheitsbedarf. Es wird auf eine Open-Source-Lösung gesetzt. Hier können sich nur Anbieter bewerben, die ihre Daten in der Schweiz sichern und verarbeiten. Der Auftrag wird an zwei Anbieter vergeben.
Stufe 3: Private Cloud für besonders schützenswerte Daten. Die Daten werden ausschliesslich in Rechenzentren des Bundes gehalten und bearbeitet und die betriebliche Autonomie wird gewährleistet. Der Auftrag wird an einen Anbieter vergeben.
Bis jetzt hat der Bund bei den Cloud-Services vor allem auf grosse, internationale Anbieter gesetzt – aus den USA. Kommt man davon jetzt weg?
Ja und Nein. In früheren Ausschreibungen war festgesetzt, dass Anbieter auf mindestens drei Kontinenten tätig sein müssen. So waren automatisch nur internationale Unternehmen zugelassen, vor allem aus den USA. Dieser geografische Ausschluss fällt jetzt weg.
Je nach Sicherheitsanforderung an die Cloud – etwa bei sensibleren Daten – werden sogar nur Firmen zugelassen, die ihre Daten in der Schweiz halten und verarbeiten. Das Thema der digitalen Souveränität geniesst also eine höhere Priorität bei der aktuellen Cloud-Ausschreibung.
Trotzdem können sich auch jetzt wieder Google, Amazon und Co. bewerben. Wie gross bleibt das Risiko, sich abhängig zu machen?
Genau, und da sehe ich die grossen Fallstricke. Insbesondere Daten, die auf den ersten Blick als weniger heikel gelten – wie Geodaten – können laut Ausschreibung auch künftig bei grossen US-Firmen landen. Das bleibt letztlich ein Risiko, denn auch wenn es sich nicht um sensible Daten im klassischen Sinne handelt, müssen sie trotzdem immer verfügbar sein. Ein Flughafen Zürich zum Beispiel ist im Minutentakt auf Wetterdaten angewiesen.
Hier macht sich die Schweiz abhängig von Firmen, die bekanntlich eng mit der US-Regierung zusammenarbeiten. Eine Abhängigkeit, die schnell zum Machtmittel werden kann.
Interessierte Unternehmen können sich bis zum 18. Dezember bewerben. Sofern es keine Einsprachen mit aufschiebender Wirkung gibt, soll im Spätsommer 2027 die Publikation der Zuschläge inklusive Vertragsabschlüsse erfolgen.
Aber gibt es überhaupt Schweizer Firmen, die der Aufgabe gewachsen sind und sich für die Swiss Government Cloud bewerben können?
Es gibt natürlich kein Schweizer Google oder Microsoft – aber es gibt viele kleinere oder mittelgrosse Schweizer Firmen mit teils Dutzenden oder Hunderten von Mitarbeitenden. Die Ausschreibung lässt die Möglichkeit offen, dass sich Firmen zusammenschliessen können. Zwar muss eine Firma als Hauptbewerberin auftreten, sie kann aber auf die Leistung von anderen Firmen zurückgreifen. So könnte ein Schweizer Konsortium sich sehr effizient bewerben. Ich hoffe darauf.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.