«Erlebnis-Gewalt» oder «eine politische Komponente»?

- In der Halloween-Nacht sind im Zürcher Kreis 4 Feierlichkeiten eskaliert: Container und ein Tesla brannten, es kam zu Zusammenstössen mit der Polizei.
- Gewaltforscher Dirk Baier sieht keine politische Motivation, sondern geplante «Erlebnisgewalt» gegen die Polizei.
- Kriminologe Ahmed Ajil verweist dagegen auf eine mögliche politische Komponente und warnt vor Diabolisierung wie auch Romantisierung der Gewalt.
Brennende Container, ein Tesla in Flammen und Zusammenstösse mit der Polizei: In der Nacht auf Sonntag eskalierten die Halloween-Feierlichkeiten im Zürcher Kreis 4. Zwei Kriminologen blicken auf das Geschehene zurück.
Dirk Baier sieht hinter der Krawallnacht vor allem geplante «Erlebnisgewalt», Kriminalwissenschaftler Ahmed Ajil verweist dagegen auf einen politischen Ursprung.
«Ein pauschales Jugend-Bashing ist fehl am Platz»
Für Dirk Baier ist klar: «Hier ging es rein darum, Randale zu machen und sich mit der Polizei Scharmützel zu liefern.» Die Demonstration sei bis in den Abend hinein friedlich gewesen, viele junge Menschen hätten ihre Positionen gewaltlos kundgetan. «Ein pauschales Jugend-Bashing ist daher fehl am Platz.»
Ein kleiner Teil habe die Eskalation jedoch geplant, und mit politischen Anliegen habe das nichts zu tun. Baier spricht von «Erlebnisgewalt». In Zürich gebe es Szenen, in denen sich Linksextreme und Fussballfans überschneiden. Diese nutzten solche Anlässe gezielt für Gewalt und könnten genügend Leute mobilisieren.
Der Experte
Sachbeschädigung als Antwort auf strukturelle Gewalt
Ahmed Ajil, Assistenzprofessor für Kriminologie an der Universität Luzern, sieht hinter den Ausschreitungen eine politische Komponente. Linksextreme Gruppen verstehen Sachbeschädigungen als Antwort auf strukturelle Gewalt, etwa auf Kriegsmateriallieferungen, Armut oder Marginalisierung. Das bedeute aber nicht, dass diese Gewalt zu rechtfertigen sei. Er verweist auf den Brandanschlag auf die Waffenfabrik in Thun, zu dem sich offenbar eine linksextreme Gruppierung bekannt hatte.
Der Experte
Nicht das gleiche Gewaltniveau wie in Frankreich
Einig sind sich beide Experten, dass die Lage in der Schweiz nicht mit der in Frankreich vergleichbar ist: «Das Gewaltniveau in Zürich ist schon noch ein anderes», so Baier. Es habe zwar erheblichen Sachschaden und Angriffe auf Polizisten gegeben, aber keinen Mob, der massenhaft Geschäfte plünderte.
Die Gewalt gehe auch nicht von desintegrierten oder diskriminierten Jugendlichen aus. «In Zürich war es keine spontane Gewalteruption, sondern eine geplante Gewaltkonfrontation, insbesondere mit der Polizei.»
«Anders als in Frankreich gab es keinen Mob, der Geschäfte plünderte.»
Auch Ajil sieht in der Schweiz einen kleineren Nährboden für linksextreme Gruppen als in Frankreich. «Das Schulsystem funktioniert gut, lokale Frustration gibt es weniger und es gibt hier auch nicht die gleiche Masse an Menschen.»
«Thrill-Seeking ist nicht zu unterschätzen»
Ajil sieht neben politischen Motiven ebenfalls einen möglichen Reiz der Demonstranten in der Konfrontation: «Es ist nicht zu unterschätzen, dass es bei politischer Mobilisierung immer auch ein Thrill-Seeking gibt.» Die Auseinandersetzung mit der Polizei könne einzelnen Beteiligten einen Kick verschaffen, der nur wenig mit den politischen Forderungen zu tun habe.
«Hochrisiko-Aktivismus hat meistens etwas Legitimes und etwas ‹Cooles›.» Gleichzeitig warnt Ajil davor, die Gewalt zu romantisieren. Sachbeschädigungen träfen meist Menschen, die gar nicht in die kritisierten Strukturen verwickelt seien, und könnten auch Personen gefährden.
«Es braucht Konsequenzen»
Was die Behörden nach der Krawallnacht tun sollen, darüber hat Baier eine klare Haltung. «Mir ist völlig klar, dass rechtschaffene Menschen nach einer solchen Nacht und diesen Bildern Wut verspüren und sich ein Durchgreifen des Staates wünschen», sagt Baier.
Neue Härte brauche es dennoch nicht. «Es braucht nicht härtere Konsequenzen, es braucht überhaupt Konsequenzen.» Die Täter müssten identifiziert werden, Bildmaterial gebe es genug. Baier vertraut darauf, dass die rechtsstaatlichen Prozesse greifen.
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