Camping-Inferno: «Wir waren auf uns allein gestellt»

- Beim Grossbrand auf dem Campingplatz «Bella Italia» am Gardasee wurden mehr als 20 Menschen verletzt.
- Camperin Nina (46) aus Luzern kritisiert, dass Verantwortliche der Anlage während des Brandes nicht vor Ort waren.
- Gäste hätten die Flucht selbst organisiert: Sie weckten Schlafende, löschten selbst und regelten den Fluchtverkehr.
- Der Campingbetreiber widerspricht der Darstellung und spricht von einem «sofortigen Einsatzes des internen Interventionsteams»
Ein gewaltiger Knall riss Nina (46) aus Luzern am frühen Sonntagmorgen aus dem Schlaf. Neben ihr lagen ihr Mann, ihr 9-jähriger Sohn und ihr Baby. «Durch diese unfassbare Explosion sind wir alle aufgewacht», erzählt sie 20 Minuten. Beim Grossbrand am Sonntag auf dem Campingplatz «Bella Italia» am Gardasee wurden mehr als 20 Menschen verletzt. Zahlreiche Bungalows, Fahrzeuge und sogenannte Mobile Homes – Apartments aus Wellblech – wurden zerstört.
«Ein Mann schrie, dass die ganze Strasse brenne»
Die Nacht sei ohnehin schon schwierig gewesen: Ihr Baby war krank, die Eltern hatten kaum geschlafen. «Ich habe nur hastig eine Hose übergezogen und ging 50 Meter die Strasse runter.» Was Nina dort sah, erschreckt sie zutiefst: «Da war diese unglaubliche Feuerwand». Ein Mann sei ihr entgegengekommen und habe geschrien: «Die ganze Strasse brennt!»
Nina rannte zurück zu ihrem Mann und dem Baby in ihr Mobile Home. «Ich sagte ihm, dass wir hier sofort wegmüssen.» Erst später habe sie erfahren, dass das Feuer zu diesem Zeitpunkt offenbar bereits eine Stunde gebrannt hatte. «Wir waren beide wie in Schockstarre.»
«Wir waren völlig auf uns gestellt»
Ausgerechnet die Haupt- und Einfahrtsstrasse der riesigen Ferienanlage sei vom Brand betroffen gewesen, schildert Nina. Für viele Feriengäste sei völlig unklar gewesen, wie und wo sie das Gelände mit ihrem Wohnwagen verlassen sollten: «Einzig die Feuerwehr war vor Ort. Von den Verantwortlichen der Campinganlage war niemand zu sehen. Wir Camper waren auf uns allein gestellt», sagt sie.
Sie hätte erwartet, dass für einen solchen Ernstfall ein klarer Notfallplan bestehe und Verantwortliche die Gäste anweisen würden. «Da muss doch irgendein Notfallplan sein. Irgendjemand muss bei so etwas sofort vor Ort sein und beispielsweise den Verkehr regeln», kritisiert sie. «Bei einer Anlage dieser Grösse hätte ich Hilfe erwartet.»
Camper regeln die Flucht selbst
Nina schildert dramatische Szenen: «Ich habe Camper gesehen, die Gasflaschen aus dem Bereich des Feuers weggetragen haben.» Andere hätten schlafende Gäste geweckt und vor den Flammen gewarnt: «Weitere trugen sogar Feuerwehrschläuche und haben die Feuerwehr beim Löschen unterstützt.»
Als schliesslich ein Camper einen anderen Weg aus der Anlage gefunden habe, hätten mehrere Feriengäste den Verkehr geregelt und den anderen gezeigt, wie sie den Campingplatz verlassen konnten.
Dadurch habe auch die Familie gegen 7 Uhr mit dem Auto einen Ausweg aus der Anlage gefunden: «Wir sind zuerst zweimal im Kreis gefahren, weil völlig unklar war, wo wir rauskonnten», sagt Nina. Bis dahin hätten sie keinen Verantwortlichen des Campingplatzes erblickt. Erst gegen 10 Uhr, als sie zurückkehrten, sei das der Fall gewesen: «Was bleibt, ist das Gefühl, vom Campingplatz im Stich gelassen worden zu sein.»
Nina ist mit Kritik nicht allein
Auch eine weitere Camperin schildert gegenüber 20 Minuten ähnliche Eindrücke aus der ersten Phase des Brandes: «Uns hat niemand evakuiert. Wir sind kurz vor 5.50 Uhr aufgewacht und sahen bereits ein brennendes Mobile Home. Einen Camper haben wir gesehen, der alleine mit einem Löschschlauch gegen das Feuer kämpfte.»
Florian Blaes, ein weiterer Feriengast, der den Brand erlebte, schreibt auf seiner Facebook-Seite «Presse Blaes» von einem «unzureichenden Krisenmanagement» und einer «mangelhaften Informationspolitik». Während einige Gäste der Campinganlage die Kritik in den Kommentaren teilen, halten andere die Vorwürfe angesichts der aussergewöhnlichen Dimension des Grossbrands für zu hart und verweisen darauf, dass Betreiber und Einsatzkräfte in einer solchen Ausnahmesituation zunächst andere Prioritäten hätten.
Campingbetreiber widersprechen
Der Campingplatz «Bella Italia» teilt auf Anfrage mit, dass der Brand weniger als ein Prozent der gesamten Anlage betroffen habe. Dank der frühen Alarmierung, des «sofortigen Einsatzes des internen Interventionsteams» und des raschen Eintreffens der Rettungskräfte habe das Feuer eingedämmt werden können. Die Betreiber bedanken sich dabei ausdrücklich auch bei Gästen, die beim Löschen geholfen hätten. Der Campingbetrieb laufe inzwischen wieder regulär und unter Einhaltung der Vorgaben der Behörden.
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Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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