Nahrungsergänzung – Lithium: Wundermittel für alle oder Hype?

Auf Social Media ist der Trend eindeutig: «Lithium ist als Wunderdroge in aller Munde», lautet der Tenor. Das chemische Element Lithium, das seit Jahrzehnten hoch dosiert und erfolgreich in der Psychiatrie angewendet wird, hat seit ein paar Jahren neue Aufmerksamkeit bekommen – und zwar als niedrig dosiertes Nahrungsergänzungsmittel.
Es soll Alzheimer vorbeugen, Suizide verhindern und die Stimmung aufhellen. Aber auch Migräne heilen, den Blutdruck optimieren und Konzentrationsstörungen beseitigen. Ein wahres Wundermittel für wenig Geld, wenn man eine tatsächliche Wirkung in Betracht zieht. Aber ist diese auch wissenschaftlich bewiesen?
Hoch dosiert: Gut erforscht
Gut erforscht und etabliert ist Lithiumcarbonat, das seit Jahrzehnten bei Menschen mit bipolaren Störungen und therapieresistenten Depressionen erfolgreich eingesetzt wird. Bei dieser Salzverbindung kennt die Medizin sich aus mit der Dosierung und den (schweren) Nebenwirkungen, die sich unter anderem als Nierenschädigung oder Unterfunktion der Schilddrüse äussern können.
Unterschied Lithiumcarbonat und Lithiumorotat
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Lithiumcarbonat: Das Lithiumcarbonat ist gut erforscht und wird in der Psychiatrie bei Menschen mit bipolaren Störungen oder therapieresistenten Medikamenten in einer hohen Dosierung eingesetzt. Lithiumcarbonat wird nur unter ärztlicher Aufsicht abgegeben, weil der Blutspiegel regelmässig kontrolliert werden muss.
Hoch dosiertes Lithium kann schwere Nebenwirkungen verursachen wie zum Beispiel Übelkeit, Tremor, Schwindel, Verwirrtheit, Einschränkung der Nierenfunktion und Schilddrüsenveränderung. Bei einer Vergiftung kann es gar zu Bewusstseins- und Herzrhythmusstörungen, Koma oder Delir kommen. Im schlimmsten Fall kann eine Lithium-Vergiftung zum Tod führen.
Lithiumorotat: Lithiumorotat findet man in Nahrungsergänzungsmitteln. Der Lithiumgehalt in diesen Präparaten ist niedrig. Die Wirkung von niedrig dosiertem Lithium und auch mögliche langfristigen Nebenwirkungen sind nicht genügend erforscht.
Das hoch dosierte Lithiumcarbonat kann schädlich sein, darum wird es nur unter ärztlicher Aufsicht abgegeben und der Blutspiegel der Betroffenen regelmässig kontrolliert.
Niedrig dosiert: Wenig erforscht
Über die Wirkung von niedrig dosiertem Lithium weiss man viel weniger. Lithium ist im Schweizer Trinkwasser natürlicherweise enthalten, wobei die Konzentration je nach Region und geologischen Gegebenheiten unterschiedlich ausfallen kann (siehe Karte weiter unten im Artikel).
In internationalen ökologischen Studien vor allem aus den 1990er-Jahren wurde festgestellt, dass überall dort, wo Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser natürlicherweise höher sind, weniger Suizide verzeichnet werden und die Kriminalitätsrate niedriger ist als dort, wo natürlicherweise weniger Lithium vorkommt.
Daraus entstand die Hypothese, dass Lithium niedrig dosiert einen positiven Einfluss auf die Stimmung und die Impulskontrolle haben könnte. Folgestudien konnten allerdings nie einen kausalen Zusammenhang zwischen Lithium im Trinkwasser und der Suizid- oder Kriminalitätsrate belegen.
Auch die Schweizer Studie unter der Leitung von Eva-Maria Pichler vom psychiatrischen Dienst Aargau, die 2024 publiziert wurde, hat keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Lithiumkonzentration im Trinkwasser und der Suizidrate belegen können.
Pichler betont, dass die Studie robust sei und vieles abgeklärt habe, was die ökologischen Studien der 1990er-Jahre unterlassen hätten, etwa gesellschaftliche Faktoren wie zum Beispiel die Psychiater-Dichte einzubeziehen.
Pichler nutze für ihre Studie Lithium-Messwerte der lokalen Wasserversorgungen. Rund die Hälfte der Schweizer Gemeinden lässt den Lithiumgehalt im Trinkwasser messen.
Da die Werte in der Schweiz niedrig sind, hört man da und dort Forderungen, man müsse Lithium dem Trinkwasser beigeben wie Jod dem Kochsalz, um die mentale Gesundheit der Schweizer Bevölkerung zu verbessern. Pichlers Studie macht diese Forderung unhaltbar – zumal es ohnehin zu wenig Studien gibt, die die langfristige Wirkung von niedrig dosiertem Lithium untersucht haben.
Man weiss also nicht, ob auch niedrig dosiertes Lithium langfristig Schäden verursacht und welche Wechselwirkungen es haben kann mit anderen Medikamenten.
Lithium gegen Demenz?
Dennoch ist niedrig dosiertes Lithium ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt – auch in der Wissenschaft. Im August 2025 veröffentlichte die renommierte Fachzeitschrift «Nature» eine Demenzstudie an Mäusen, die für Diskussionen gesorgt hat. Bei dieser Demenz-Studie wurde nicht das übliche Lithiumcarbonat, sondern Lithiumorotat verwendet.
Vorsicht bei Lithium als Nahrungsergänzungsmittel
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Als Mittel gegen Migräne, Konzentrationsstörungen oder Stimmungsaufheller gibt es noch keine Studien, die eine Wirkung von Lithiumorotat belegen würden. Bis das Lithiumorotat besser erforscht ist, raten Fachleute bei dessen Anwendung zur Vorsicht.
In der Schweiz ist Lithium als essenzielles Spurenelement nicht anerkannt, weil bis jetzt nicht erwiesen ist, dass der Körper darauf angewiesen ist. Darum kann das Nahrungsergänzungsmittel nicht in der Schweiz gekauft, sondern muss im Ausland bestellt werden.
Wie bei allen Präparaten, die im Internet bestellt werden, weiss man nicht, was genau in diesen Produkten enthalten ist. Wer sich eine Magistralrezeptur beim Arzt besorgt, bekommt die Kapseln mit Lithium von einer hiesigen Apotheke produziert.
Ausserdem wird man ärztlich begleitet und sorgt so unliebsamen Schäden vor. Allerdings zahlt man mehrere hundert Franken pro Jahr aus der eigenen Tasche.
Wer das Lithium günstiger haben will, kann sich am Trinkbrunnen des Thermalbads Zurzach Wasser in Flaschen abfüllen: Der Lithiumgehalt ist in einem Liter Wasser der Thermalquelle Zurzach höher als in einer üblichen Kapsel eines Nahrungsergänzungsmittels.
Lithiumorotat ist jene Verbindung, die in Nahrungsergänzungsmitteln enthalten ist und von vielen Personen in den USA bestellt wird, da es in der Schweiz nicht zugelassen ist. Die Studie zeigt bei genetisch veränderten Mäusen, dass sich bei Lithiummangel mehr und früher krankhafte Eiweissablagerungen (Alzheimer-Plaques) im Gehirn bilden und diese wieder verschwinden, wenn man den Mäusen Lithiumorotat gibt.
Die Studie ist immer noch Grundlagenforschung, aber es ist eine sehr wichtige Studie, weil sie einen möglichen neuen Mechanismus aufzeigt, der zur Alzheimerkrankheit führen kann.
Alterspsychiater und Demenzspezialist Anton Gietl an der Ppsychiatrischen Universitätsklinik Zürich beurteilt diese Studie als wichtig. Als überraschend bezeichnet Gietl die Tatsache, dass Lithiumorotat eine Wirkung hatte, die das Carbonat bis jetzt nie gezeigt hat.
Warum das Lithiumorotat anscheinend besser im Hirn ankommt, bleibt aber in der Wissenschaft vorläufig ein Rätsel. «Die Studie ist immer noch Grundlagenforschung», ordnet Gietl ein, «aber es ist eine sehr bedeutende Studie, weil sie einen möglichen neuen Mechanismus aufzeigt, der zur Alzheimerkrankheit führen kann.»
Oft wurden bei Demenz-Studien die Effekte, die bei Mäusen beobachtet wurden, beim Menschen nicht bestätigt. Nun braucht es gemäss Anton Gietl Folgestudien mit vielen Teilnehmenden über einen langen Zeitraum, um die Wirkung von Lithiumorotat beim Menschen zu untersuchen.
Sollte sich der Effekt in den klinischen Studien bestätigen, wäre man in der Demenzprophylaxe einen grossen Schritt weiter – und man könnte unzähligen Betroffenen mit einem einfachen und günstigen Mittel helfen.
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