– Kann die Gürtelrosen-Impfung auch Herzinfarkte verhindern?

Im Jahr 2017 wurde gegen Gürtelrose ein neuer Impfstoff eingeführt: Shingrix – ein rekombinanter Totimpfstoff. Shingrix wirkte gegen Gürtelrose so gut, dass der bisherige Impfstoff weltweit vom Markt genommen wurde.
Gürtelrose wird durch das Varizella-Zoster-Virus verursacht, dem Erreger der Windpocken. Das Virus verbleibt nach einer Windpockeninfektion (meistens in der Kindheit) lebenslang im Körper. Jahre oder Jahrzehnte später kann es reaktiviert werden, etwa bei einem geschwächten Immunsystem oder im höheren Alter.
Der Impfstoff Shingrix ist ein sogenannter Totimpfstoff: Er enthält ein rekombinant hergestelltes Eiweiss des Varizella-Zoster-Virus, das sogenannte Glykoprotein E. Dieses Protein befindet sich auf der Oberfläche des Virus und ist ein wichtiges Angriffsziel des Immunsystems.
Zusätzlich enthält Shingrix ein Adjuvans – einen Wirkverstärker. Dieser soll dafür sorgen, dass das Immunsystem besonders aufmerksam auf das Virusprotein reagiert.
Dies inspirierte ein Forschungsteam der University of Oxford zu einem natürlichen Experiment: «In den USA, wo der alte Impfstoff im Oktober 2017 quasi über Nacht abgelöst worden war, untersuchten wir mögliche Effekte dieses Wechsels», erklärt Max Taquet, einer der beteiligten Forscher.
So wollte das Team unter anderem herausfinden, ob sich die Impfung auf kardiovaskuläre Risiken auswirken würde.
Die Forscher nutzten die Daten einer Gesundheitsdatenbank: Personen, die sich in den sechs Monaten vor dem Übergang hatten impfen lassen, verglichen sie mit jenen, welche die neue Shingrix-Impfung erhielten.
Jetzt fanden wir in unseren Daten, dass der neue Impfstoff das Risiko, einen Herzinfarkt oder Hirnschlag zu erleiden, um neun Prozent senkt.
Beide Gruppen zählten 36'000 Teilnehmende. Sie wurden während sieben Jahren nachverfolgt und dann verglichen.
Die Ergebnisse waren erstaunlich. «Vor zwei Jahren konnten wir in der Shingrix-Gruppe ein geringeres Demenz-Risiko nachweisen», so Max Taquet. «Und jetzt fanden wir in unseren Daten, dass der neue Impfstoff das Risiko, einen Herzinfarkt oder Hirnschlag zu erleiden, um neun Prozent senkt.»
Ein um neun Prozent geringeres Herz-Kreislauf-Risiko dank der Gürtelrose-Impfung: Wie gut lassen sich diese Resultate von den USA auf die Schweiz übertragen?
«Grosser Effekt» auf ein häufiges Ereignis
«Grundsätzlich ist das sicher auch interessant für die Schweizer Bevölkerung», sagt der Basler Immunologe Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Impfkommission, EKIF. Bereits in früheren, kleineren Impfstudien habe man solche schützenden Muster festgestellt.
Neu sei, dass man nun den Zusatznutzen bei einer sehr grossen Personengruppe festgestellt habe.
Christoph Berger wertet das Ergebnis positiv – vor allem, weil Herzkrankheiten sehr häufig seien: «Eine neunprozentige Reduktion solcher Ereignisse ist ein sehr grosser Effekt», sagt er. Vor allem, wenn man bedenke, dass man dafür nicht jahrelang Medikamente nehmen müsse, sondern lediglich zwei Impfdosen brauche.
Wenn sich in randomisierten, kontrollierten Studien bestätigen würde, dass dadurch das Demenzrisiko auch nur moderat gesenkt werden kann, wäre der Effekt auf der Bevölkerungsebene sehr hoch.
Auch die mögliche Wirkung von Shingrix zur Demenzprävention findet Berger bemerkenswert.
Dem stimmt auch Demenz-Spezialist Marc Aurel Busche von der Universität Basel zu. Den Ansatz einer präventiven Impfung gegen Demenz hält dieser für vielversprechend: «Wenn sich in randomisierten, kontrollierten Studien bestätigen würde, dass dadurch das Demenzrisiko auch nur moderat gesenkt werden kann, wäre der Effekt auf der Bevölkerungsebene sehr hoch», so Busche.
Allerdings: Bewiesen ist mit der Oxford-Studie noch nichts. Dafür braucht es prospektive Untersuchungen – Studien also, in denen Teilnehmende nach dem Zufallsprinzip einer Behandlungs- oder Kontrollgruppe zugeteilt sind. Eine solche ist zu Demenz in Finnland angelaufen, 35'000 Personen sollen rekrutiert werden. Folgestudien zum Schutzeffekt von Shingrix gegen Herzkrankheiten sind ebenfalls geplant.
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