Mit Steinen beworfen und als Mann verkleidet – jetzt jubelt sie

Darum gehts
- Die Afghanin Fariba Hashimi hat an den Asienspielen in Japan Silber im Strassenrennen gewonnen.
- Die 23-Jährige floh 2021 nach der Taliban-Machtübernahme über ein Dach am Flughafen Kabul in die Schweiz und musste sich teilweise als Mann ausgeben.
- Ihr nächstes grosses Ziel sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.
Sie musste sich verstecken und wurde mit Steinen beworfen. Sie musste sich als Mann ausgeben, um überhaupt Velo fahren zu dürfen. Fünf Jahre nach ihrer abenteuerlichen Flucht aus Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban ist Fariba Hashimi längst zu einer der wichtigsten Stimmen des afghanischen Frauensports geworden.
Nun hat die 23-Jährige auch sportlich ein Ausrufezeichen gesetzt. Am Dienstag gewann Hashimi bei den Asienmeisterschaften in Japan Silber im Strassenrennen. Einzig die Chinesin Li Guo war schneller. Für Hashimi ist es das bedeutendste Resultat seit ihrem Sieg beim Tour Cycliste Féminin International de l’Ardèche vor zwei Jahren.
Nächstes Ziel: Los Angeles 2028
Ein Podestplatz, dessen Bedeutung weit über den Sport hinausreicht. «Diese Silbermedaille zeugt von der grossen Widerstandsfähigkeit der afghanischen Frauen», erklärte sie nach dem Rennen.
Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Yulduz, die in Japan den 29. Rang belegte, hatte Hashimi Afghanistan bereits an den Olympischen Spielen 2024 in Paris vertreten. Das nächste grosse Ziel steht ebenfalls fest: Los Angeles 2028.
Rad-Ass auch dank der Schweiz
Auf ihrem Weg dorthin spielt auch die Schweiz eine wichtige Rolle. Hashimis europäische Geschichte führte über das Weltzentrum des Radsports in Aigle in den Waadtländer Jura. Im Oktober 2021 wurde sie aus Afghanistan herausgeholt. An der Evakuierung waren unter anderem der damalige Waadtländer Staatsrat Philippe Leuba, UCI-Präsident David Lappartient und der Mäzen Sylvan Adams beteiligt.
Hashimi stiess danach zur Entwicklungsstruktur von Israel Premier Tech Roland in Champagne (VD). Sie lebte in der Nähe von Mauborget, trainierte auf den Waadtländer Strassen und entdeckte dabei etwas, das für eine junge Frau aus Afghanistan zuvor kaum vorstellbar gewesen war: die Freiheit, einfach aufs Velo zu steigen und loszufahren.
Hashimi trainierte versteckt, ihre Familie wurde bedroht
«Mein Traum war es, aus dieser Welt herauszukommen. Mein Traum war es, Afghanistan dank des Sports zu verlassen und mit meiner Schwester Velo fahren zu können, ohne mein Leben zu riskieren», erzählte uns die fünffache afghanische Meisterin im Jahr 2023.
Was heute selbstverständlich klingt, war in ihrer Heimat mit enormen Risiken verbunden. Frauen konnten kaum noch Sport treiben. Hashimi trainierte versteckt, ihre Familie wurde bedroht. Um überhaupt weiterfahren zu können, drehte sie immer wieder ihre Runden auf einem abgeschlossenen, gerade einmal zwei Kilometer langen Kurs.
«Die Taliban wollten mich nicht weglassen»
Auch die Flucht aus Afghanistan wurde zum Kraftakt. «Wir brauchten fünf Stunden, um 50 Meter in Richtung des Flughafenterminals voranzukommen … Die Taliban wollten mich nicht weglassen», erinnerte sie sich. Schliesslich gelangte sie über ein Dach zum Flughafen von Kabul und konnte das Land verlassen.
Die Schweiz wurde zu einer entscheidenden Station ihres neuen Lebens. Später zog Hashimi nach Italien, wo sie von der ehemaligen Weltmeisterin Alessandra Cappellotto aufgenommen wurde und ihre Karriere weiter vorantrieb. Doch bereits in Champagne lernte sie den Alltag einer Profi-Radsportlerin kennen. Sie lernte Französisch und Italienisch und schickte gleichzeitig einen Teil ihrer Einnahmen an ihre Familie, die sich in der afghanischen Provinz Faryab versteckt hielt.
«Auf dem Velo spüre ich das Gefühl der Freiheit am stärksten», sagte sie damals.
Ihr Velo reparierte und wusch sie selbst
Eine Freiheit, die für Hashimi bis heute alles andere als selbstverständlich ist. Auch ihr Weg zur Silbermedaille in Japan war von Improvisation geprägt. Sie erzählte, dass sie ohne Mechaniker und ohne optimale Vorbereitung angereist sei. Ihr Velo reparierte und wusch sie selbst.
Und trotzdem fuhr sie aufs Podest. Für sich selbst. Für ihre Schwester. Und für jene afghanischen Frauen, denen jene Freiheit weiterhin verwehrt bleibt, die Fariba Hashimi auf dem Velo gefunden hat.
Robin Carrel (rca) ist Journalist und Leiter der Sportredaktion bei 20 minutes, wo er seit 2011 tätig ist. Er arbeitet ausserdem für lematin.ch.
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