«Beobachteten sie stundenlang – um Politik ging es nicht»

- In der Halloween-Nacht auf Sonntag kam es im Zürcher Kreis 4 zu Ausschreitungen und Sachbeschädigungen.
- Anwohnerinnen und Anwohner beurteilen die Schäden unterschiedlich: Einige ärgern sich, andere sind überrascht, wie glimpflich das Quartier davongekommen ist.
- Die Stadtpolizei spricht von einem «sehr anspruchsvollen» Einsatz, einige Einsatzkräfte waren zuvor an einem Fussballspiel.
Ein schwefliger Geruch liegt am Sonntag noch immer in der Zwinglistrasse, beim Helvetiaplatz sind Schaufensterscheiben eingeschlagen, rund um die Langstrasse zeugen Brandflecken von den Ereignissen der vergangenen Nacht. Wer am Sonntag durch den Zürcher Kreis 4 läuft, spürt stellenweise noch immer beissendes Tränengas – ein Überbleibsel der Krawalle und Polizeieinsätze während der Halloween-Nacht.
Wie Anwohnerinnen und Anwohner des Viertels die Nacht erlebt haben und die Schäden beurteilen, ist unterschiedlich: Während einige «von der grössten Demo, die sie je erlebt haben», sprechen, sind andere überrascht, «wie glimpflich das Quartier davongekommen ist».
«So wird die Versicherung nur noch teurer»
Trotz oder gerade wegen der Nacht sind am Sonntagmorgen bereits wieder viele Menschen im Quartier unterwegs. So auch eine junge Frau, die ein Mietshaus in der Nähe der Kronengasse verwaltet. Auf der Suche nach Containern stösst sie auf verwüstete Überreste des Inventars.
«Bei einer solchen Aktion sollte es doch darum gehen, die Lebenshaltungskosten zu senken, gleichzeitig wird hier für uns die Versicherung einfach noch teurer», sagt die junge Mutter. Die Randale verursache zusätzlichen Aufwand und Sachschäden. Auch wenn die Versicherung dafür aufkomme, würden sich solche Schäden letztlich in höheren Prämien niederschlagen. «Mit diesen Aktionen erreichen die Leute nichts.»
Den Wunsch nach bezahlbarem Leben könne sie verstehen. Doch die Folgen tragen ausgerechnet jene, die selbst unter steigenden Kosten leiden.
«Es war keine politische Motivation erkennbar»
Ein junger Anwohner beobachtete die Ausschreitungen stundenlang mit einer Kollegin von seinem Balkon aus. Für ihn gehörten sie zu den grössten, die er bisher erlebt hatte, wie er sagt. «Es waren nicht alles junge Leute, die sich für eine klar erkennbare politische Forderung starkgemacht haben», sagt er. Seine Kollegin ergänzt: «Viele haben sich einfach gegen die Polizei ausgesprochen.»
Über die politischen Hintergründe der Randale herrscht bei mehreren jungen Leuten Unklarheit. «Ich hatte einfach das Gefühl, dass die Party ausser Kontrolle geraten ist», erklärt eine 27-Jährige. Die Sachbeschädigungen seien nicht in Ordnung. Gleichzeitig frage sie sich, weshalb von Linksextremen die Rede sei. Für sie sei alles zu spontan gewesen, um eine gezielte Demonstration zu sein.
«Halloween ist der perfekte Anlass für die Randale»
Neben Enttäuschung und Verärgerung zeigen sich einige Bewohnerinnen und Bewohner auch positiv überrascht. «Ich hätte viel mehr eingeschlagene Fenster und Zerstörung erwartet», erzählt Margaritha (73). Auf ihrem morgendlichen Spaziergang wirkt die Verwüstung weniger schlimm als auf den Online-Bildern.
Ähnlich sieht es Christian (71): Seit 25 Jahren lebt er im Kreis 4. Dennoch unterscheide sich der aktuelle Fall in mancher Hinsicht von seinen bisherigen Erfahrungen. «Ich verstehe Demonstrationen und die Absicht, sich mit Jugendlichen im Ausland zu solidarisieren, die für bessere Lebensbedingungen kämpfen.»
Gleichzeitig frage sich der 71-Jährige, wie politisch die Schweizer Jugend tatsächlich sei. «Ich verstehe nicht, wieso man Tage im Voraus Krawall und Sachschäden ankündigt.» Es gebe viele Mitläufer. Halloween habe mit den vielen verkleideten Menschen zudem eine passende Kulisse geboten.
Stadt spricht von «sehr anspruchsvollem Einsatz»
Viele der Befragten hätten sich kaum unsicher gefühlt und zeigten Verständnis für die schwierige Situation der Polizei. Die meisten finden deshalb auch nicht, dass die Einsatzkräfte entschlossener hätten vorgehen müssen.
Auf Anfrage teilt das Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich mit, der Einsatz am Samstag sei «sehr anspruchsvoll» gewesen. Einige Polizistinnen und Polizisten seien zuvor bereits bei einem Fussballspiel im Einsatz gewesen. Die Krawalle hätten bis tief in die Nacht gedauert und die Einsatzkräfte stark belastet.
Wie stehst du zu Krawallen, bei denen schon im Voraus Sachschaden angekündigt wird?
Josephine Schertenleib (jos), Jahrgang 2001, arbeitet seit September 2024 für 20 Minuten und ist Teil des Regionen-Teams.
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