Klimawandel in den Alpen – Für Bergführer wird die Anpassung zur Pflicht

Während oberhalb der Talstation Lagalb im Oberengadin zahlreiche angehende Bergführer und Bergführerinnen ihre Abschlussprüfung absolvieren, bewegt sich ein Vertreter des Schweizerischen Bergführerverbandes mit Krücken und einem verletzten Fuss durchs steile Gelände. Die Anstrengung scheint ihm kaum etwas auszumachen. Bergführer haben wohl eine ureigene Zähigkeit und Anpassungsfähigkeit.
Geröll statt Gletscher
Wer Gäste durchs Gebirge führen will, muss mehr denn je flexibel sein. Wo der Permafrost taut, wird das Gestein locker. Geröllfelder ersetzen nach und nach Gletscherlandschaften. Routen, die früher begehbar waren, sind plötzlich unzugänglich. Hinzu kommt das Wetter, das rasant umschlagen kann.
All das spiegelt sich in der Ausbildung wider. Angehende Bergführer und Bergführerinnen müssen zwei Prüfungen bestehen: eine im Eis, eine im Fels. Geprüft wird unter anderem, wie sie Gäste am kurzen Seil durch steiles Gelände führen, ohne dabei Steinschlag auszulösen – etwas, das diesen Sommer zum Beispiel am Matterhorn wiederholt Probleme verursachte.
Dazu gehört mehr, als man denkt. Das Seil darf nicht lose über den Boden schleifen, da genau so Steine in Bewegung geraten. Die Bergführer müssen Tritte und Griffe sorgfältig und flüssig wählen und ständig mit den Gästen in Kontakt bleiben. Wann darf der Gast nachkommen? Wo muss er warten? Wo braucht sie oder er zusätzliche Sicherung? «Wir müssen die Techniken schneller am Gelände anpassen», sagt Ausbilder Wendelin Schuler.
Erwartungen der Gäste managen
Doch Führen am Berg ist nicht nur eine Frage der Technik. Sie verlangt auch psychologisches Geschick. Wenn internationale Gäste mit ihrem fixen Traum vom Matterhorn in die Schweiz reisen, die Verhältnisse die Besteigung aber nicht ermöglichen, müsse man Alternativen verkaufen, so Ausbilder Wendelin Schuler: «Wenn ein Matterhorn nicht geht, gibt es noch die Breithorn-Traverse.»
Dafür muss man aber den Kopf freihaben. «Man darf selbst nicht überfordert sein, damit man noch Platz und Kapazität im Hirn hat, um andere Sachen zu studieren, die drumherum passieren», betont der angehende Bergführer Levin Schild. Schliesslich trage man die Verantwortung für ein Menschenleben. «Man muss gut Menschen lesen können: Was macht ihnen Angst und was sind ihre Stärken?», sagt Schild.
Im Zweifelsfall müsse man auch den Mut haben, die Reissleine zu ziehen, vielleicht gegen den Widerstand der Gäste: «Man muss auch gut Nein sagen können.» So ein Nein erfordere Rückgrat. Erst recht, wenn die Gäste von weit her kommen und von ihren fixen Vorstellungen Abschied nehmen müssen.
Am Ende verlangen die bröckelnden Alpen von allen Beteiligten vor allem eines: kompromisslose Anpassung. Ans Wetter, an die Verhältnisse, an die Gäste und an die eigenen Grenzen. Allerspätestens dann, wenn der Bergführer an Krücken geht.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.