«Du kannst weinen oder …»: Muss Lustrinelli um Job fürchten?

Darum gehts
- Mauro Lustrinelli, Schweizer Trainer des 1. FC Union Berlin, spricht über seinen schwierigen Saisonstart in der Bundesliga.
- Nach dem 0:7 gegen Bayern München kämpft Union mit fehlender Konstanz – Lustrinelli will den Club mit offensivem, vertikalem Fussball umbauen.
- 20 Minuten besucht Thuns Meistertrainer in Berlin und trifft ihn zu einem grossen Exklusiv-Interview.
Mauro Lustrinelli, Union ist schwierig in die Saison gestartet, zuletzt gab es eine deutliche Niederlage gegen Bayern. Wie sehen Sie Ihre ersten Monate?
Kompliziert, ab und an. Es gibt Momente, in denen wir etwas Fantastisches schaffen und sehr gut sind. Und Momente, in denen es nicht funktioniert. Das erinnert mich stark an mein erstes Jahr beim FC Thun. Da gab es diese Schwankungen. Innerhalb des Jahres, innerhalb eines Spiels, innerhalb einer Woche.
Was fehlt Union derzeit am meisten?
Es fehlt diese Kontinuität in der Art und Weise, wie man spielt. Das ist typisch, wenn man etwas noch nicht verinnerlicht hat. Dann geht es ein bisschen wie bei einer Waage und man schafft es noch nicht richtig. Das ist ein Prozess, und dafür braucht es Siege.
Es ist klar: Wenn du so eine Schlappe bekommst, hilft das niemandem. Wir sind uns bewusst, dass das normal ist. Gleichzeitig gehen wir weiter. Das ist Teil der Resilienz, Teil der Reise. Wir sind uns bewusst, dass wir Siege brauchen, damit die Glaubwürdigkeit des Projekts gestärkt wird. Und wir wollen einfach weiterarbeiten.
Trainer werden an Resultaten gemessen. Machen Sie sich Gedanken darüber, wie sicher Ihr Job noch ist?
Ich bin mir bewusst, dass es so läuft. Wenn man nicht gewinnt, kommen von aussen oder innen Zweifel. Es ist normal, dass die Leute vielleicht Zweifel oder Sorgen haben, weil die Resultate nicht kommen. Ich glaube, jeder Mensch funktioniert so.
Spüren Sie diese Zweifel auch bei Ihnen selbst?
Für mich ist es wichtig, nicht auf die Sorgen und Zweifel zu schauen, sondern auf die Arbeit, Lösungen zu suchen und das Projekt Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Ich bin mir dieser Rolle bewusst.
Können Sie nach Ihrem Feierabend eigentlich abschalten?
Wenn du in einer Fussballfamilie bist, haben die Resultate auch einen gewissen Einfluss auf die Familie. Das ist normal. Beim Erfolg hat die ganze Familie mitgefiebert, und gleichzeitig gibt es auch die andere Seite. Ich glaube, das passiert jedem Menschen.
In unserem Leben geht nichts einfach in einer geraden Linie. Das wäre auch langweilig. Das gehört zu unserem Entwicklungsprozess. Nach so einem fantastischen Moment kommt plötzlich das andere. So ist das Leben. Das ist auch eine neue Situation.
Es ist wichtig, weiterzuschwimmen. Ich benutze immer diese Metapher: Ein kleines Kind will lernen, mit seinem Fahrrad zu fahren. Es fällt auf den Boden. Du kannst weinen oder du stehst auf und probierst es noch einmal. Und wenn du wieder fällst, probierst du es noch einmal.
Was genau wollen Sie bei Union verändern?
Ich will offensiv, intensiv und mit Energie nach vorne spielen. Es geht darum, ein Winnerteam aufzubauen, mit einer neuen Spielweise. Union war bisher dafür bekannt, in einem kompakten Block relativ tief zu spielen. Wir wollen ein kleines bisschen höher spielen, sagen wir es so, mit einem höheren Pressing. Natürlich ist das eine ganz andere Art und Weise, Fussball zu spielen. Das braucht etwas Zeit, aber wir sind dran.
Was fasziniert Sie an diesem offensiven Fussball?
Ich mag es, Fussball zu spielen. Ich mag es, vertikal zu spielen. Das heisst, sehr schnell nach vorne zu spielen, sobald du die Möglichkeit hast.
Warum so direkt?
Wieso müssen wir ein Tor mit 100 Pässen schiessen, wenn du mit zwei oder drei Pässen ein Tor schiessen kannst? Das ist meine Denkweise. Gleichzeitig möchte ich den Ball so schnell wie möglich vorne erobern, damit wir schneller ein Tor schiessen können. Dafür musst du mit Energie und Intensität spielen. Das ist meine Art und Weise, wie ich Fussball sehe.
Wie schwierig ist es, einem Team diese Spielweise beizubringen, das jahrelang anders gespielt hat?
Es ist nicht einfach. Es ist eine Gewohnheit, die du noch nicht hast, und du musst die Neugier haben. Das ist wie im Leben. Genau gleich wie beim Fahrradfahren: Wenn du es nicht gewohnt bist, überlegst du noch bewusst: Ich muss mit den Beinen so machen, das andere muss so sein. Du bist sehr bewusst dabei, es läuft noch nicht unterbewusst.
Was passiert nach Rückschlägen?
Du bist noch in diesem Lernprozess. Und jedes Mal, wenn du auf den Boden fällst, beschäftigt dich das. Du überlegst dir: Will ich überhaupt noch Fahrrad fahren oder mache ich etwas anderes? Das ist immer so in dieser Phase, wenn du die ersten Schritte machst. Aber sobald du Fahrrad fahren kannst, kommt es automatisch.
War genau diese Möglichkeit, etwas Neues aufzubauen, der Grund für Union? Sie hatten nach dem Meistertitel mit Thun auch noch andere Angebote.
Es hat auf menschlicher Ebene gepasst. Die Gespräche mit dem Sportchef, mit dem Präsidenten, die Möglichkeit, etwas Neues aufzubauen, wie ich es in Thun und vorher bei der Nationalmannschaft gemacht habe.
Vor Ihnen war mit Urs Fischer schon einmal ein Schweizer Trainer bei Union. Spürt man seinen Schatten noch?
Er ist hierhergekommen und hat Unglaubliches erreicht, vom Aufstieg bis in die Champions League. Das ist ein fantastischer Weg. Jetzt wollen wir ein ganz anderes Projekt. Aber die Idee ist natürlich, genauso erfolgreich auf dem Platz zu sein.
Sie sind dafür aus der Schweiz nach Berlin gezogen. Wie haben Sie sich eingelebt?
Ich habe etwas Neues kennengelernt. Eine grossartige Stadt, sehr gross, eine Metropole. Und so einen tollen Fussballclub, den ich vorher nicht gekannt hatte. Ich bin, glaube ich, von so einer Fankultur beeindruckt und bin hier voll im Einsatz.
Ist Ihnen Berlin nicht fast etwas zu gross?
Im Vergleich zu Thun ist Berlin ein bisschen grösser (lacht). Die Schweiz ist ganz anders. Bei uns gibt es so etwas nicht. Wenn ich ins Zentrum muss, brauche ich 40 Minuten. Das ist schon speziell. Aber Berlin bietet wirklich viel. Das ist auch schön, weil du deine Ruhe haben, aber auch sehr schnell mittendrin sein kannst.
Ihre Familie lebt weiterhin in der Schweiz. Wie funktioniert das?
Ja, meine Familie lebt in der Schweiz. Meine Frau pendelt hin und her, ich mache das auch öfters. In den letzten drei Wochen haben wir uns nur ein paar Tage nicht gesehen. So ist es sehr lebendig, das Leben.
Und wie ist es mit Ihren Söhnen?
Ich versuche, nicht länger als zwei Wochen von meinen zwei Söhnen getrennt zu sein. Sie sind in der Lehre. Aber man muss auch sagen: Am Schluss ist es mit Videocalls und so nicht mehr wie vor einigen Jahren. Es ist viel einfacher.
Und bei Union Berlin gibt es mittlerweile eine ziemlich grosse Schweizer Connection.
Das ist auch schön. Schön, dass es bei den Frauen ebenfalls Schweizerinnen gibt. In meinem Staff gibt es auch Schweizer.
Was bringen die Schweizer nach Berlin mit?
Alle sagen, dass wir eine gute Mentalität haben, dass wir gut organisiert sind. Vor allem in so einer grossen Stadt mit so einer Kultur glaube ich, dass diese schweizerische Organisation und Mentalität schon helfen kann.
Und was können die Schweizer von den Berlinern lernen?
Diese fantastische Fankultur. Wenn man daran denkt, dass dieses Stadion von so vielen Leuten, von den Fans, gebaut wurde, sagt das schon viel darüber aus, was dahintersteckt. Das ist ein Verein mit jahrelanger Geschichte, diese Zugehörigkeit, das ist schon cool.
Spüren Sie diese Zugehörigkeit auch ausserhalb des Stadions?
Wenn du auf der Strasse bist, grüssen sie dich mit «Eisern». Das ist schon cool. Du bist einer von ihnen. Ich als Schweizer bekomme einen neuen Verein und werde akzeptiert. Das ist schön.
Ein Spieler sorgt bereits mit 16 Jahren für viel Aufmerksamkeit: Linus Güther. Wie gehen Sie mit dem Hype um ihn um?
Zuerst geht es darum, ihn zu schützen. Alles, was rundherum läuft, ist schon krass. Es ist schön, dass wir einen Spieler haben, der mit 16 schon Unglaubliches leistet. Gleichzeitig ist er noch ein Kind, auch was die körperlichen Belange betrifft. In der Bundesliga spielst du gegen Männer. Ich glaube, dass man den Druck etwas herausnehmen und ihm Zeit geben muss. Am Schluss liegt es an ihm. Wir werden alles machen, damit er seinen Weg geht.
Zum Schluss: Bei Thun hatten Sie sich als Challenge-League-Trainer eine Meisterprämie in den Vertrag schreiben lassen.
Ich darf nicht über meinen Vertrag reden. Falls wir die Bundesliga gewinnen, kann ich deine Frage beantworten. (lacht)
Dann reden wir wieder, wenn es so weit ist.
Ja, ist gut. Wenn wir dann wieder miteinander reden, kann ich sagen: Ja, ich habe eine gehabt oder nicht. (lacht)
Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredaktor und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.
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