Ein ganzes italienisches Dorf wird plötzlich zu Influencern

- Das Dorf Celle di San Vito in Apulien hat mit Videos aus dem Alltag seiner 144 Einwohner über zwei Millionen Aufrufe erzielt.
- Der virale Erfolg brachte neue Touristen ins Dorf.
- Die Gemeinde reagierte mit einem selbst betriebenen Bed and Breakfast in einem umgebauten Gebäude.
Das kleinste Dorf Apuliens hat das Internet erobert. Als im Sommer einer der 144 Einwohner von Celle di San Vito begann, Alltagsszenen mit seinen Nachbarn in dem auf 726 Metern über Meer gelegenen Ort zu filmen, explodierten die Aufrufzahlen: Innerhalb weniger Wochen wurden die Videos mehr als zwei Millionen Mal angesehen. Stolz und mit einer Prise Humor sagen die 144 Cellesi: «Wir sind alle Influencer.»
Die Facebook-Seite «Celle di San Vito Informa» wurde von Francesco Quitadamo in Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung ins Leben gerufen. Die Idee sei eher zufällig entstanden, sagt Bürgermeisterin Palma Maria Giannini gegenüber «Il Fatto Quotidiano»: «Nichts war geplant oder erzwungen. Es geschah aus Spass an der Freude – und damit unsere Stimme gehört wird. Wegen unserer geringen Einwohnerzahl werden wir oft kaum wahrgenommen.» Inzwischen erhalte sie Anrufe aus ganz Italien von Menschen, die mehr über das Dorf erfahren wollen.
Celle hat nun Tourismus
In den Videos erzählen die Einwohner, weshalb sie in Celle leben, warum sie geblieben oder zugezogen sind. Sie berichten schlicht aus ihrem Alltag – oft im lokalen Dialekt. Ziel sei es gewesen, «eine echte menschliche Verbindung zwischen dem Dorf und den Menschen zu schaffen, die uns in den sozialen Medien entdecken und anschliessend besuchen kommen», erklärt Giannini.
Das ist offenbar gelungen: Während der Sommerferien kamen Touristen nach Celle, die zuvor noch nie von dem Ort gehört hatten.
«Wir bieten Menschlichkeit»
So wurde etwa Lina Girardi, deren Familie seit Generationen in Celle lebt, unfreiwillig zum Star. «Plötzlich standen Leute mit einer Kamera vor mir und baten mich, zu erzählen, was Celle für mich bedeutet», sagt sie. «Genau das ist Celle: ein Ort, an dem aus einem kurzen Innehalten und einem Gespräch sofort eine schöne Begegnung wird.»
Lina beschreibt das Leben in dem Dorf so: «Hier hetzt niemand zur U-Bahn. Hier lebt man – und ein Plausch ist nie verlorene Zeit.» Auch Patrizia Bolognone, die ein Restaurant und ein Lebensmittelgeschäft führt, betont den Zusammenhalt: «Was wir hier zu bieten haben, ist unsere Menschlichkeit. Jeden Morgen schauen wir nach dem Rechten – angefangen bei der Bürgermeisterin. Wir prüfen, ob die ältere Nachbarin etwas braucht.» Möglicherweise sei es genau diese Menschlichkeit, die im Netz so gut angekommen sei und das Dorf zum viralen Phänomen gemacht habe.
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Alle Einwohner arbeiten im neuen Bed and Breakfast
Der neue Tourismus stellt die Dorfbewohner allerdings vor eine ungewohnte Herausforderung: Wo sollen die Besucher übernachten, wenn der Andrang anhält? Auch dafür hat Celle eine Lösung gefunden. «Wir haben eine Art Bed and Breakfast eröffnet, das von der Gemeinde betrieben wird», sagt die Bürgermeisterin. Ein zuvor ungenutztes Gebäude sei in ein Gästehaus umgewandelt worden. Die Einwohner selbst übernähmen die Gastgeberrolle, richteten die Zimmer her und kümmerten sich um Check-in und Check-out.
Neben einem Zimmer bietet Celle seinen Gästen vor allem Wald, Ruhe und Menschen, die für ein Gespräch bereit sind. Ein Resort sei das nicht, betont Giannini. Auch das Bezahlmodell sei ungewöhnlich: «Wir erhalten höchstens eine Aufwandsentschädigung, um die Rechnungen zu begleichen.»
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Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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