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Tuesday, October 6, 2026

Steigende Krankenkassenprämien – «Solidarität und Eigenverantwortung sind keine Gegensätze»

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Die Gesundheitskosten steigen und steigen. Immer wieder wird diskutiert, ob gewisse Leistungen wirklich solidarisch finanziert werden sollen oder bei diesen Produkten nicht vielmehr die Eigenverantwortung greifen sollte – etwa bei der Abnehmspritze. Für den Ethiker Jean-Daniel Strub wird damit ein strukturelles Problem auf eine individuelle Ebene gehoben. Für ihn enthält das heutige Krankenkassensystem zu viele Fehlanreize.

Jean-Daniel Strub

Ethiker und Leiter des Instituts Neumünster

Strub ist Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. Er hat evangelische Theologie an den Universitäten Zürich und Genf studiert und hat am Institut für Sozialethik der Universität Zürich doktoriert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Ethik im Gesundheitswesen, klinische Ethik, ethische Fragen am Lebensende sowie die Digitalisierung im Gesundheitswesen und KI in Medizin und Pflege

SRF News: Zugespitzt gefragt: Wieso sollen alle Prämienzahlenden für den ungesunden Lebensstils eines einzelnen Individuums aufkommen – greift hier nicht die Eigenverantwortung?

Jean-Daniel Strub: Eigenverantwortung spielt in einem solidarischen System wie wir es kennen durchaus eine Rolle. Solidarität und Eigenverantwortung sind keine Gegensätze, sondern Faktoren, die sich gegenseitig unterstützen. Häufig sichert die Solidarität aber erst die Voraussetzungen, damit Personen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass jedes individuelle Handeln immer in unserer Macht steht. Indem sie den Appetit hemmen, schaffen zum Beispiel Abnehmspritzen erst die Voraussetzung, dass eine Person überhaupt eigenverantwortlich handeln kann.

In vielen Fällen gehen wir fälschlicherweise davon aus, eine Person könne doch einfach anders entscheiden und so ihr Verhalten steuern und kontrollieren.

Was versteht man unter Eigenverantwortung?

Eigenverantwortung meint in diesem Kontext die Bereitschaft und – das scheint mir entscheidend – die Fähigkeit, Sorge zur eigenen Gesundheit zu tragen und zu sehen, worin die Folgen des eigenen Handelns bestehen, für sich selbst, aber auch für die Gemeinschaft. In vielen Fällen gehen wir fälschlicherweise davon aus, eine Person könne doch einfach anders entscheiden und so ihr Verhalten steuern und kontrollieren. De facto ist das oft nicht der Fall.

Ein Person injiziert sich eine Spritze in den Bauch.
Legende: Medizinische Abnehmspritzen hemmen den Appetit. Dies kann die Voraussetzung schaffen, dass jemand überhaupt eigenverantwortlich handeln kann. Keystone / Gaetan Bally

Ist es sinnvoll, zwischen selbst verschuldet und nicht selbst verschuldet zu unterscheiden?

Diese Unterscheidung mag in gewissen Bereichen legitim sein. Als Kriterium für medizinische Leistungen lässt sie sich aber nicht rechtfertigen, denn sie ist im konkreten Fall oft nicht anwendbar. Die Voraussetzungen, die ein Verhalten beeinflussen und steuern, sind komplex. Grundsätzlich hat fast jede Erkrankung auch eine Ursache im individuellen Verhalten. Diese sind – denken wir etwa an berufsbedingten Stress – aber nicht immer beeinflussbar und hängen auch von der gesellschaftlichen Position des Menschen ab. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht beginnen, ausschliesslich das Individuum für ein Problem verantwortlich zu machen, welches auf struktureller Ebene besteht.

Die Wahlmöglichkeit wurde paradoxerweise gerade mit der Idee eingeführt, die Eigenverantwortung zu stärken.

Trügt der Eindruck, dass das System mit der Wahl der Höhe der Franchise bei den Krankenkassenprämien eher die Bessergestellten mit tiefer Franchise unterstützt?

Nein, das ist so. Die Wahlmöglichkeit bei der Franchise wurde paradoxerweise gerade mit der Idee eingeführt, die Eigenverantwortung zu stärken. Im Kern ist sie aber unsolidarisch. Denn das System belohnt entweder diejenigen, die später oder länger keine Leistungen in Anspruch nehmen. Und das oft um den Preis, dass Menschen, die es sich nicht leisten können, zu lange auf eine Behandlung verzichten. Im Sinne der Eigenverantwortung ist das ein Fehlanreiz. Die andere Möglichkeit ist eine tiefe Franchise, wenn man dazu finanziell in der Lage ist. Das wiederum führt dazu, dass schneller mehr Leistungen in Anspruch genommen werden können, manchmal auch mehr als nötig. Auch das ist ein Fehlanreiz.

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