Wir haben verrückte Dinge getan: Max Sieber nimmt Abschied von seinem Freund Jürg Marquard
Wir haben verrückte Dinge getan
Max Sieber nimmt Abschied von seinem Freund Jürg Marquard
Mit 2000 Franken startete Jürg Marquard seine Karriere. Der Gründer des Magazins «Pop» und Medienmogul starb am 14. September mit 81 Jahren. Sein Freund, TV-Grösse Max Sieber, nimmt Abschied.
Publiziert: vor 10 Minuten
Darum gehts
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- Jürg Marquard, Gründer von «Pop», verstarb am 14. September in Zürich
- Er baute mit 2000 Franken Startkapital ein internationales Verlagsimperium auf
- TV-Macher Max Sieber nimmt in persönlichen Worten Abscheid von seinem Freund
Mit geliehenen 2000 Franken gründete der 20-jährige Jürg Marquard das Jugendmagazin «Pop». Aus dem ehrgeizigen Gymischüler wurde einer der erfolgreichsten Verleger mit über 30 Titeln in verschiedenen Ländern, wie dem bekannten Hochglanzmagazin «Cosmopolitan».
Am 14. September schlief der Rockstar unter den Verlegern und fünffache Vater in Zürich friedlich mit 81 Jahren ein. Einer seiner besten Freunde seit über 50 Jahren war der TV-Macher Max Sieber (83), der im Blick mit sehr persönlichen Worten von Jürg Marquard Abschied nimmt.
Lieber Jürg
Warum schreibt man solche Briefe eigentlich erst, wenn jemand nicht mehr da ist? Vielleicht, weil man erst dann begreift, was man verloren hat. Plötzlich sind da nur noch die Erinnerungen, in meinem Fall glücklicherweise ganz viele.
In den 60er-Jahren habe ich im Volkshaus ein Konzert besucht. Es war noch etwas Zeit, und ich bin auf dem Platz rumgehangen und da traf ich auf Dich. Du hast die erste Ausgabe von Deinem neuen Magazin «Pop» verkauft – einige Seiten zusammengeheftet – zum Preis von 50 Rappen.
Wir sind ins Gespräch gekommen, und daraus wurde eine Freundschaft, die über 50 Jahre gedauert hat. Aus dem Blättchen wurde ein Riesenkonzern mit einer grossen Zahl von Titeln in verschiedenen Ländern.
Ich mag nicht alle Deine Publikationen aufzählen, das haben schon andere getan. Deine ganze Karriere ist ein unglaublicher, persönlicher Erfolg, denn die wichtigen Entscheidungen hast Du immer selber getroffen. Manchmal auch ganz einsam.
Du hattest ein ganz feines Gefühl, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Aber wenn wir uns auch beide im Showbusiness getummelt haben, waren wir doch auf ganz anderen Ebenen tätig.
Es war eine sehr persönliche Freundschaft, in der irgendwelche geschäftlichen Überlegungen nie eine Rolle gespielt haben. Wir waren in einem sehr lauten Umfeld tätig, das hat sowohl Dir als auch mir viel Freude gemacht.
Du warst nie ein Mauerblümchen, Du warst eine Figur in der Landschaft. Aber ich durfte auch den anderen Jürg Marquard kennenlernen, denn Du hattest auch eine leise Seite. Wir hatten eine Tradition, gemeinsam zu Abend zu essen. Alle zwei bis drei Wochen nur wir zu zweit.
Da haben wir über Gott und die Welt gesprochen, genau genommen eigentlich nur über die Welt. Niemand hat je etwas erfahren. Wir sassen an Deinem alten Wohnort in Thalwil auf der Terrasse, und Du wolltest von mir wissen, was ich von Privatradios halte, im Stil von Radio Pizzo Groppera.
Ich war der Ansicht, dass das die Zukunft sei. «Da habe ich ja Glück gehabt», meintest Du, «ich habe das Radio nämlich heute Nachmittag gekauft.» Unsere Beziehung hat alle anderen Beziehungen und Veränderungen überlebt und genau deshalb war der private Teil immer das Wichtigste.
Als im Jahr 1992 meine Tochter Cristina geboren wurde, war es völlig logisch, dass Du ihr Götti wirst. Dahinter steckte noch die altmodische Überlegung, dass ein Götti da sein muss, wenn der Vater ausfällt. Ich weiss, Du wärst da gewesen.
Cristina war sehr stolz auf ihren Götti, und wir hatten viele gemeinsame Ferientage mit Deinen Töchtern. Ich weiss, alle haben es sehr genossen. Kinder waren Dir immer sehr wichtig, Du hast ja auch deren fünf. Auch ihnen bleiben nur noch Erinnerungen, aber ich bin überzeugt, es werden nur gute sein.
Was man auch nicht kennt, ist Deine Grosszügigkeit anderen Menschen gegenüber. Ich habe es mehrmals mitbekommen, Du hast einfach geholfen, ohne Aufhebens davon zu machen, so haben auch nur wenige Menschen davon erfahren.
Die leise Seite wird halt weniger wahrgenommen. Wir haben dafür verrückte Dinge getan, wir waren nur zu zweit auf Deiner Yacht in der Karibik und haben um Mitternacht auf dem Deck einen James-Bond-Film angeschaut – und doch bleiben die kleinen Essen das Wichtigere.
In den letzten paar Jahren fanden die Essen nur noch bei Dir in Herrliberg statt, Deine Krankheit hat da Grenzen gesetzt. Du hast einen unglaublichen geschäftlichen Erfolg erlebt, aber Du bist trotzdem immer derselbe warme Mensch geblieben.
Vielleicht war das sogar ein Schlüssel zu Deiner grossen Karriere. Dein Umfeld hat viel verloren, und auch ich habe sehr viel verloren. Wir hatten nie die geringste Auseinandersetzung. Zum Glück waren wir nicht verheiratet, das hätten wir nie geschafft.
Und jetzt bist Du einfach nicht mehr da. Ich glaube nicht daran, dass Du auf irgendeiner Wolke sieben sitzt und auf uns herunterpinkelst. Es bleiben nur die unzähligen Erlebnisse und die Erinnerung an einen wichtigen und unglaublich liebenswerten Menschen.
Ich vermisse Dich schon jetzt.
Max
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